Predigt über Lukas 16,19-31 und Kantate BWV 20 "O Ewigkeit, du Donnerwort"

  • 23.06.2019 , 1. Sonntag nach Trinitatis
  • Pfarrerin Taddiken

 

Liebe Gemeinde,

das mag eine ziemliche Überraschung gewesen sein an jenem Juni-Sonntag 1724 in der Nikolaikirche. Zu Beginn der Kantate war eine französische Ouvertüre zu hören - die gewohnte Eröffnungsmusik für herrschaftliche Anlässe. Aber es war gar kein Christusfest an diesem 1. So n. Trinitatis. Vielmehr war es der Beginn der festfreien Zeit. Aber Bach wollte offenbar zwei Signale setzen. Ein formales: Hiermit beginne mein neues Kantatenjahr. Ja, sie ist eine frühe Zäsur in seinem Leipziger Schaffen, diese Kantate. Sie eröffnet den Zyklus der Choralkantaten. Aber auch ein inhaltliches Signal wollte Bach offenbar setzen. Denn hier geht es hier sehr wohl um die Ehrfurcht vor der Majestät des Herrschers. Denn gerade wo der Mensch der absoluten Macht begegnet, da wird es ernst. Wo er vor Gott selbst tritt – nicht vor einen Fürsten. Im Angesicht der Ewigkeit erkennt er, wer und was er ist. „O Ewigkeit, Du Donnerwort, Schwert, das in die Seele bohrt.“ Erschrecken und Seufzen sind auf der ganzen musikalischen Linie zu spüren – und auch im Text: Das Unglück der Welt geht vorüber – das in der Ewigkeit nicht. So heißt es im Tenorrezitativ: „Kein Unglück ist in aller Welt zu finden, das ewig dauernd sei: Es muss doch endlich mit der Zeit einmal verschwinden. Ach, aber ach! Die Pein der Ewigkeit hat nur kein Ziel, Sie treibet fort und fort ihr Marterspiel… aus ihr ist kein Erlösung nicht.“

Das befremdet uns schon. Genau wie wahrscheinlich auch die der Kantate zugrundeliegende Geschichte, das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Dieser unüberwindbare Graben zwischen dem in der Hölle schmorende Reichen und dem in Abrahams Schoß ruhenden armen Lazarus. Der Reiche in die Hölle – der Arme in den Himmel, können wir das glauben, sollen wir das etwa glauben? Solch ein Schwarz-weiß, reich ist schlecht und arm ist gut – und zu Gottes Gerechtigkeit gehört die ewige Verdammnis und die Furcht vor dem göttlichen „Donnerwort“ – ist das nur alter Kram aus der Bibel, den man vielleicht noch in der Bachzeit noch geglaubt hat? Aber heute doch nicht mehr!

Nun ja, in der Tat sind wir da erst mal konfrontiert mit einem Weltbild aus vorchristlicher Zeit über das Geschick der Toten in der Zwischenzeit bis zum Endgericht. Da gibt es eine durch einen Abgrund zweigeteilte Unterwelt: Im oberen Teil befinden sich die Gerechten im Schoß Abrahams, im unteren Teil die Verworfenen. Es hat also eine Art Vorgericht stattgefunden. Denen im oberen Teil geht es gut, die im unteren leiden Qualen durch Hitze und Durst - noch weit schlimmer als es in der Thomaskirche in dieser Woche während des Bachfests der Fall war. Und zusätzlich, kleine Extra-Strafe, müssen sie sich das Glück der von ihnen abgelehnten Frommen von weitem anschauen.

Ja, so hat man sich das mal vorgestellt und das muss man sich klar machen - und auch etwas frei davon, wenn man sich an den inneren Kern der Geschichte herantasten will. Denn hier geht es weniger um eine theoretisch-theologische Vorstellung von Himmel und Hölle, sondern um etwas anderes: Es geht um gescheiterte Beziehung zwischen Menschen. Um verpasste Gelegenheiten. Darum, dass es ein zu spät gibt. Und dass es immer, ja ewig, in unserem Leben um die sehr ernste Frage geht: Wonach richten wir  unser Denken und Handeln aus? Und dass es nichts gibt, was keine Folgen hätte. Ein todernstes Thema – und daher, wenn man so will, das „Setting“ dieser Geschichte. Der Reiche landet nicht in der Hölle, weil er reich ist und der Arme nicht in Abrahams Schoß, weil er arm ist. Hier geht es vielmehr um zwei Leben, die aneinander gescheitert sind. Das Leben des Armen scheitert an dem des Reichen. Er will Brot, wenigstens so viel, wie vom Tisch abfällt. Er bekommt es nicht. Er hat keinen Trost - außer den Hunden, die seine Wunden lecken. Hunde scheuchte man weg. Aber sogar sie sind fürsorglicher und liebevoller als  der, der Lazarus schlicht ignoriert. Sofern er gelegentlich seine Tür benutzt, kann er ihn gar nicht übersehen. Aber er tut es.

So scheitert das Leben des Reichen auch an dem des armen Lazarus. Er hat keinen Namen, dieser Mann, der sonst alles hat. Er braucht ihn auch nicht. Er ist eh nicht ansprechbar. Er stirbt und wird begraben heißt es  - aber nicht nur und erst  am Ende seines Lebens. Er hat sich sein purpurnes Prunkgrab schon selbst gebaut. Hat sich eingesperrt in das Gefängnis seiner Selbstsucht, in seine selbst erschaffene Hölle. Selbst hier noch, behandelt er Lazarus wie einen Knecht, der aus Abrahams Schoß heraus ihm dienen möge. Er will ihn kommen lassen, spricht ihn noch nicht einmal selbst an, obwohl er ihn sehr wohl mit Namen kennt. Ihn, der Tag für Tag vor seiner Tür lag. Kein Wunder, dass es über ihn schlicht nur heißt: Er wurde begraben. Das ist es dann aber auch. Er ist allein, getrennt von allem, gefangen in sich. Alles zusammen - die Hölle.

Der Arme dagegen wir nicht begraben. Er ruht in Abrahams Schoß. Da haben wir am ehesten eine Vorstellung davon, wie das ist. Sicher sein, beschützt, hier kann man sich ausruhen, endlich. Von dem Bild sollten wir nichts ermäßigen. Es ist einfach die Ruhe und der Trost der Elenden. Einfach Gnade, die nicht fragt: Hat er das auch verdient. Er hat einen Namen: Lazarus. Von El’asar. Gott hilft. Ein symbolischer Name. Gott hilft denen, denen die Menschen nicht helfen. Der Gedanke, dass es eine Gerechtigkeit gibt, dass Gott dafür sorgt, ohne den Nebengedanken – ach im Himmel wird es besser, dann halte hier das Schlechte aus. Nein, es ist pures Erbarmen – das, wovon Jesus sagt: Wenn ihr vollkommen sein wollt, dann lernt es - dieses Erbarmen.

Aber wir kommen nicht heran, natürlich nicht. Aber das ist wohl auch erst mal nicht der Punkt in dieser Geschichte. Sondern es geht um die Frage: Bleiben wir zugewandt? Suchen wir Beziehung – und versuchen zumindest das, was wir tun können mit unserem Verstand und unseren Möglichkeiten? Oder was haben wir im Blick? Die Geschichte ist schon eine Geschichte vom Gericht über diese Fragen. Und somit ein Schatz der Bibel, der nicht nur Bach zu einer in jeder Hinsicht großen Kantate inspiriert hat. Sie stellt die Frage, wie wir übersehen können, was vor unserer Tür los ist. Vor unserer eigenen in unserer Straße. Und auch vor den Türen Europas. Sie fragt uns an, ob wir nicht genauso wie der Reiche viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind. Sie fragt uns an, ob wir mehr damit beschäftigt sind, unsere Türen von innen zuzuhalten, als damit, Lösungen für die da draußen mitgestalten zu wollen.

Aber anders als in der Geschichte sind wir nicht in der Position dessen, für den es zu spät ist. Wir sind noch nicht tot, hoffentlich. Wir sind noch in der Lage, den Weckruf des zweiten Teils der Kantate zu hören: „Wacht auf, wacht auf, verlorenen Schafe, Ermuntert euch vom Sündenschlafe und bessert euer Leben bald“. Für uns ist es noch nicht zu spät. Das wird dem Reichen im Gespräch mit Abraham klar. Er will seine fünf Brüder warnen. Und vielleicht ist es tatsächlich angemessener, dass wir uns mit ihnen statt mit dem Reichen zu identifizieren. Dass wir uns an das erinnern lassen, was Abraham hier sagt und dass es genug ist als Basis für unser Denken und Handeln. „Sie haben Mose und die Propheten, die sollen sie hören.“ Das ist scheinbar lapidar, dem Reichen ist es das jedenfalls. „Nein, das reicht nicht“. Aber Abraham entlarvt ihn: Wunder, die Spielregeln der Schöpfung außer Kraft setzen, werden es nicht sein, die uns verändern werden. Ein Showstück namens Totenerweckung wird uns vielleicht fünf Minuten faszinieren oder auch fünf Stunden erschüttern. Aber es wird nichts in uns bewegen, nichts in uns verändern, die schnelle Nummer. Mit Mose und die Propheten, mit denen müssen wir uns auseinandersetzen. Wenn wir auf die hören sollen, dann geht es um deren Botschaft. Nicht um den Buchstaben, sondern um den Geist. Um das, was hören kann, wer Ohren zu hören hat. Was sagen sie uns denn? Mose sagt: Ihr seid freie Menschen. Ihr seid die Ägypter los. Gott hat Euch aus jeder knechtenden Bindung befreit. Die Propheten sagen: Nehmt diese Freiheit an und nehmt sie ernst und gestaltet sie. Als freie Menschen seid ihr dazu berufen – und daher auch verpflichtet. Ihr seid verpflichtet dazu, Recht und Gerechtigkeit zu schaffen.

Hier, in beidem, liegt der Schlüssel bzw. hier befindet sich die Brücke zur Überwindung der Kluft zwischen arm und reich. Wer Kluft zu seinem Nächsten nicht überwindet und nicht sieht, was nötig ist, der hat auch keine Brücken, auf denen etwas zu ihm zurückkommen kann. Das kann von Fall zu Fall ganz unterschiedlich aussehen. Gerade das herauszufinden, auszudiskutieren, mutig anzugehen – all das, was im weitesten Sinne„hören“ ist -  darum geht’s. In der Bibel gibt es keine Patentrezepte und Vorschriften, die sich eins zu eins auf unsere Zeit übertragen lassen - wir merken’s ja schon bei dieser Geschichte. Ums Hören geht‘s, immer wieder neu. Und hier, genau an dieser Stelle, wird es durchaus jesuanisch in diesem Gleichnis. Selig werden, sagt Jesus, das werden wir nur durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Das ist das ganze Gesetz und die Propheten – und diesen Geist gilt es zu hören. Und was dann? Man könnte sagen: Ingenieure werden und Brücken bauen. Ingenieure der Liebe. Sich Gott und dem Nächsten zuwenden als Grundlage für alles Denken, Tun und Handeln. Und als Prüfstein für alles, so dass man auch die Gegenprobe machen kann: Bin ich noch auf diesem Weg? Höre ich noch den Geist von Mose und den Propheten? lebe ich noch in dieser wunderbaren Spannung „Ich bin frei“ und „Ich bin verpflichtet“?

Den Himmel schaffen wir damit nicht. Aber wir können wohl daran arbeiten, die Folgen der Hölle abzumindern. Irgendwie ahnt der Reiche, dass er seinen Brüdern das mitteilen müsste. Die Hölle verhindern. Dass man das zu leben versucht. Auch denen gegenüber, die wie der Reiche diesem Ansatz gegenüber ausrufen: Nein! Nein, wir wollen nicht auf so etwas wie Mose und die Propehten hören. Wir fordern mindestens Totenauferweckung! Dann, ja dann sind wir vielleicht zufrieden. Aber Abraham geht dem nicht auf den Leim. Wo die Antwort auf den Geist von Mose und den Propheten ein so klares „Nein“ ist – da tut sich eine Kluft auf. Und da gibt es tatsächlich keine Verbindung. Dort, wo der Geist, für den Mose und die Propheten stehen, gar nichts mehr wert ist, da ist dann schnell Platz für anderen Geist. Für den Geist der Enthemmung, der Gleichgültigkeit, des Hasses und der Gewalt. Da ist Platz für den Geist, der sich um ein Menschenleben nicht mehr schert, dem es schlicht egal ist, ob Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken. Oder der sich an kruden Phantasien und Verschwörungstheorien ergötzt, was erschreckend salonfähig ist auch in bürgerlichen Kreisen in diesen Tagen nach dem Mord an dem hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Phantasien können schon Taten folgen, wo sie ordentlich befeuert werden. Taten, die all das in den Abgrund stampfen, was uns zusammenleben und Brücken bauen lässt: Dass das Leben und die Würde des anderen von uns unangetastet bleiben muss – bzw. mehr: dass man sich dafür stark zu machen hat. Diese gegensätzlichen Geister sind nicht vereinbar, da gibt es keine Brücke. Für die Menschen aber schon - das muss man klar auseinanderhalten.

Die Hölle machen wir uns selbst. Wir können sie selbst schaffen auch und gerade in dieser Beziehung. Langsam und schleichend, wenn wir nicht mehr wahrnehmen wollen, was auf der Schwelle unseres Hauses passiert. Plötzlich, auf einmal sind wir drin. Diese Warnung an die fünf Brüder sollten wir aufmerksam wahrnehmen. Warum eigentlich Fünf? Zum ersten: Es ist die Zahl unserer Sinne. Zum zweiten: Sie sagt, wie wir sind. Friedrich Schiller schreibt in den Piccolomini: „Fünf ist des Menschen Seele. Wie der Mensch aus Gutem und Bösem gemischt, so ist die Fünfe die erste Zahl aus Grad und Ungerade.“ Und zum dritten ist sie auch die Zahl der Liebe. Dass die fünf Brüder etwas davon begreifen mögen, darin liegt die Hoffnung in dieser Geschichte. Und dass sich so wie in der Kantate der Blick auf die Ewigkeit wandelt: vom „Donnerwort“ bis zum letzten Wort des Schlusschorals – dem „Freudenzelt“, das uns Schutz sei vor Hitze, Qual und Pein. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org