Motettenansprache

  • 01.02.2020
  • Pfarrer Martin Hundertmark

Diese Ansprache wurde eine Woche zuvor auch in der Kreuzkirche Dresden im Rahmen des Chor- und Kanzeltausches gehalten.

Liebe Gemeinde,

 still werden die Tränen geweint. Versunken ist die Hoffnung auf bessere Zeit im schier endlosen Tränenmeer.

Nichts will gelingen. Was auch immer angefangen wird, scheitert kläglich. Zu widrig und machtvoll sind die Dinge, die in eigene Lebensplanungen und Lebensentwürfe hineingrätschen. Alles droht zu entgleiten und ein Gefühl innerer Ohnmacht breitet sich aus. Das Herz ist voll, aber nicht vor Freude, sondern ganz im Gegenteil:

Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen,

 Schon wieder niemand, der sich um mich kümmert. Vergeblich sind die Versuche, in einer auf oberflächlichen Kontakt fixierten Gesellschaft, eine tiefe zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen. Schnell und unkompliziert muss alles sein. Und dann stellt sich heraus, dass hinter dem vermeintlich Unkomplizierten sich Ängste vor zugelassener Nähe verbergen. Flüchtig und ressourcenverbrauchend wird gearbeitet, geliebt und gelebt.

Aus der Tiefe des Herzens entweicht der Seufzer:

Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen,

 

Arbeiten bis zum Anschlag. Immer noch ein wenig besser werden, Abläufe optimieren, einsparen, was auf den ersten Blick als verschwenderische Zeit erscheint. Wer in eine Alltagstretmühle gesteckt wurde, ohne es zu merken, tritt fleißig weiter. Das Bedürfnis, hier irgendwie ausbrechen zu können, wird mit goldener Farbe übertüncht. Und derjenige, der etwas ändern will, muss trotzdem weitermachen, weil wie ein schwerer Kreuzesbalken die Verantwortung für andere Menschen auf den Schultern lastet.

Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen,

 

Wie ein Blitz schlägt die Nachricht in das eigene Lebensglück. Plötzlich krank, ernsthaft krank und wahrscheinlich dem Tod geweiht. Alle Pläne zerfallen zu Staub und sind wertlos. Gedanken kreisen nur noch um den nächsten Tag. Darüber reden? Das geht nicht, weil die Angst viel zu groß ist, dem Partner durch die Wahrheit Schmerzen zuzufügen. Lieber lügend ausweichen und darauf hoffen, dass es sich irgendwie fügen wird. Aller Kummer, der doch geteilt werden müsste, wird in das eigene Herz und die eigene Seele gestopft

Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen,

 

Johann Sebastian Bach führt uns mit der Sinfonia des ersten Satzes seiner Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ (BWV 21) tonsanft in die Gefühlswelt desjenigen, dem Bekümmernisse des Herzens zum alles bestimmenden Moment im Leben geworden sind. Musikalisch wird das Wort „Bekümmernis“ im darauffolgenden Chor unterstrichen. Und ganz im Stile des Psalmgebets, hat die Klage Raum, sich zu entfalten.

Solcher Schwere kann nur etwas entgegengesetzt werden, das außerhalb meiner selbst liegt. Auch hier greifen die Erfahrungen der Psalmbeter. Die verschmachtende Seele, das verkümmerte Hoffnungspflänzchen brauchen etwas Erfrischendes.

Menschliches Trostwort hat hier kaum Gewicht.

Aber deine Tröstungen erquickten meine Seele.

 

Für den Moment scheint Hilfe da zu sein.

Wenn zwischenmenschlich aber alles schlecht läuft, gesellt sich schnell auch der Zweifel an Gott hinzu. Nur kurz wird die Seele erquickt, weil sich schon bald das Gefühl ausbreitet, von Gott verlassen zu sein. Zu scharf nagt der Schmerz am eigenen Herzen. 

Gottverlassenheit zu spüren zählt wohl zu den schwierigsten Erfahrungen eines Glaubenden.

Abwesend und schier unerreichbar, auch im Gebet, scheint der Schöpfer. Was bisher noch zur verlässlichen Erfahrung zählte, dass nämlich Gott ein fester Anker im aufgewühlten Alltagsmeer ist, wird ebenso brüchig wie alle anderen Beziehungen.

 

Vertrösten will Bach mit seiner Musik nicht. Vielmehr versucht er, die emotionale Ambivalenz aufzunehmen und in Töne zu formen. Der Schwere erfahrener Gottverlassenheit wird die Leichtigkeit seines Zuspruchs entgegengesetzt.

 

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

Harre auf Gott! Denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichtes Hülfe und mein Gott ist.

 

Im zweiten Teil der Kantate wird uns als Zuhörer das musikalisch angeboten, was Martin Luther mit den Worten Glaube und Zweifel sind Zwillingsbrüder beschreibt.

So verwundert es nicht, dass Seele und Jesus sich im Zwiegespräch befinden. Was Erstere nicht zu glauben vermag, bekräftigt Jesus im immer wieder wiederholten Zuspruch. Wie tief auch die Zweifel sitzen mögen,

Jesus Christus gibt nicht auf

und schon gar nicht gibt er mich verloren.

Ja, ach ja, ich bin verloren!

Nein, ach nein, du bist erkoren!

Nein, ach nein, du hassest mich!

Ja, ach ja, ich liebe dich!

 

 

Erlösung können wir uns nicht selber schaffen, liebe Vespergemeinde. Allenfalls vermögen wir es, uns zu betäuben, damit der Seelenschmerz und das, woran wir leiden etwas erträglicher werden.

Und wo menschliche Trostworte nicht mehr durchzudringen vermögen, hilft vielleicht doch der Glaube an den Christus, der selber im Leiden geschrien hat „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Dass sein Leiden nicht vergeblich war, wird im allerletzten Satz der Kantate in imposanter Weise hervorgehoben. Gewissermaßen als Vorgeschmack auf göttliche Gemeinschaft in seiner Ewigkeit, verwandelt sich das Leiden Christi, symbolisiert durch Gottes Lamm, in unbeschreibliche Freude. Mit Pauken und Trompeten wird das siegreiche Lamm angekündigt. Schwachheit verwandelt sich in Herrlichkeit. Alle mich nach unten ziehenden Mächte, all das, was mir Bekümmernis bereitet hat und das Herz beschwerte ist verwandelt.

Seufzer, Tränen, Kummer, Not, ängstlich Sehnen, Furcht und Tod

müssen

Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke

und Ehre und Preis und Lob

des Lammes weichen.

Manchmal gelingt es, das Vertrauen auf genau diese Verwandlung aufzubringen und dadurch durchzuhalten.

Das Lob der Ostererfahrung darf auch im Alltag in meiner Seele klingen wie ein festlicher Einzug. Denn Evangelium als frohe Botschaft Gottes, liebe Gemeinde,

will immer retten!

- vornehmlich die in sich selbst gefangene Seele und das vor Bekümmernis beschwerte Herz. Amen.

 

 

Pfarrer Martin Hundertmark,

St. Thomas zu Leipzig

 

(hundertmark@thomaskirche.org)