Motettenansprache

  • 21.06.2019
  • Pfarrerin Taddiken

O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen«? (Jesaja 40,13) 35 Oder »wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm zurückgeben müsste?« (Hiob 41,3) 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

Lesung für den Sonntag Trinitatis aus Römer 11,33-36

 

Liebe Gemeinde,

mit welchen Augen gucken wir auf unsere Welt? Was ist der erste Gedanke, wenn wir morgens aufwachen? Dank, Vorfreude, Probleme, Sorgen? Es ist mal so und mal so. Und entsprechend entwickelt dann meistens der Tag. In der Regel kann man abends im Bett ganz gut überprüfen, dass oft stimmt: Wie es anfängt, hört es auch auf.

Ist also „positives Denken“ angesagt: Denke positiv und alles wird auch gut? Da ist manches dran. Aber zum Prinzip erstarrt endet es in gnadenlosem Ungeist und Überforderung: für dein Glück oder Unglück bist du ausschließlich persönlich verantwortlich. Und wenn es Dir nicht gelingt, alle Dinge zum Besten zu wenden, dann hast Du etwas falsch gemacht. Da ist schon mancher in der Sackgasse gelandet.

Trotzdem ist es nicht egal, wie man auf sich selbst schaut. Wie man das zum Guten für sich tun kann – das bietet einem der Sonntag an, der am Anfang dieser Woche stand. Der sog. Trinitatissonntag, das Fest der Dreifaltigkeit Gottes oder Dreieinigkeit. Viele lässt das ratlos: Was soll das eigentlich – Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist? Reicht nicht ein Gott? Stimmt eigentlich. Aber es kann gut sein, sich in der Mitte des Jahres nach Weihnachten, Ostern und Pfingsten noch mal vor Augen zu führen, was die vielleicht wichtigsten drei Grundlagen für mein Leben und Glauben sind – und jede dieser drei Seiten Gottes steht jeweils für eine davon:

·        Von welchen Voraussetzungen bzw. Grundlagen leben wir immer schon? (Gott-Vater)

·        Nach welchen Grundsätzen gestalten wir unser Leben? (Gott-Sohn)

·        In welchem Geist wollen wir es tun? (Gott Heiliger Geist)

Das ist das Thema des Lieds, das wir heute Abend singen. Der Theologe Johann Olearius hat es im Jahr 1665 geschrieben als „Ermunterung zur dankbaren Betrachtung des hohen Geheimnisses der Dreieinigkeit“. Alles beginnt mit dem Lob Gottes: „Gelobet sei der Herr, mein Gott, mein Licht, mein Leben.“ Das Lob Gottes wird zur Grundlage für jeden ersten Gedanken am Morgen. Es ermöglicht einem den Blick auf das große Ganze und schenkt einem einen Standpunkt im Gefüge einer Welt, in der man sich immer wieder zu verlieren droht. Wer sein Leben zunächst einmal aus der Perspektive des Danks aus betrachtet, nimmt wahr, von wie vielen Voraussetzungen er lebt, die er weder selbst geschaffen hat noch selbst zu schaffen in der Lage ist. „Danken“ und „Denken“ hängen nicht nur sprachlich eng zusammen, sondern auch logisch.  Und es wird einen darüber nachdenken lassen wie man mit dem umgeht, was das Zusammenleben zwischen uns gefährdet – wie etwa Gewaltphantasien im Netz, die solange geschürt werden, bis sich einer findet, der diese Phantasien umsetzt, so wie es offensichtlich bei dem Mord an dem hessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke geschehen ist.

Solchem Ungeist widersprechend, lässt Olearius im zweiten Vers das Lob auf den singen, der dieser Welt Heil bringt - und ihr den Geist der Liebe Gottes vorgelebt hat. Im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu finden wir Orientierung. In ihm hat Gott ein Gesicht bekommen. Und in ihm wird auch deutlich: Jeder einzelne ist von ihm gemeint – sowohl was den Ruf zu verantwortlichem Handeln betrifft als auch die Zusage: nicht der Tod hat die letzte Macht über dein Leben, sondern Gottes neuschaffendes, verwandelndes Wort.: „Mein Gott, mein Heil, mein Leben, des Vaters liebster Sohn, der sich für mich gegeben, der mich erlöset hat mit seinem teuren Blut.“

 

Im Geiste Jesu zu leben und zu handeln, und sich von diesem Geist immer wieder neu bewegen, ja ins Leben zurückrufen und trösten lassen, auch aus der hintersten Ecke der Frustration über das, was nicht gelungen ist. Nichts anderes bedeutet und wirkt der Heilige Geist. Ihm sind von der Tradition sieben Eigenschaften zugesprochen worden: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Wo immer mit Einsicht, mit Rat und dem Willen zur Erkenntnis um Lösungen für das Über- und das Zusammenleben von Menschen diskutiert und bisweilen gerungen wird, ist der Heilige Geist schon aktiv. Wo er wirkt, beginnt sich auch aus dem aussichtslosesten Tohuwabohu eine Ordnung zu formen, in der Leben möglich ist. So wird es im ersten Schöpfungsbericht der Bibel erzählt. Er unterscheidet, was nicht zusammengeht wie Licht und Finsternis und er fügt zusammen, was in seine Einzelteile zerfallen zu zerfallen droht – so wie auch die Gemeinschaft der Jünger Jesu nach Ostern, die zu Pfingsten vom Heiligen Geist wieder neu auf die Beine gestellt wird.

Geschaffen, erlöst, getröstet  - all das sind wir als Christen. Um diesen Dreiklang unseres Lebens geht es am Sonntag der Dreifaltigkeit Gottes. Er hat uns geschaffen, er erhält unser Leben, er erlöst uns aus dem, woraus wir uns nicht selbst helfen können und er tröstet und ermutigt uns von Tag zu Tag. Das ist unendlich viel mehr als positives Denken, das sich immer nur begrenzter eigener Kraft, begrenzter eigener Sicht und begrenztem eigenen Mut  verdankt. Christlicher Glaube aber vermittelt sich in einem Dreiklang, der hebt und trägt an den guten wie an den schweren Tagen, denen man nun einmal nichts Positives abgewinnen kann und auch nicht muss. Gott sei Dank, Gott, Vater, Sohn und Heiligem Geist. 

 

Gebet

Unser Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, wir danken Dir, dass uns das Leben geschenkt hast, wir danken Dir, dass Du uns in Jesus Christus von der Macht des Todes befreit hast und wir danken Dir für den Geist der Kraft und des Trostes.

Lass uns bleiben bei dir und bei deinen Verheißungen neuen Leben. Begeistere uns immer wieder neu, wo uns unser Alltag entmutigen will und das scheinbar Vergebliche in ihm. Hilf, dass unser Tun dazu dient, die schwach Gewordenen zu stärken, die Traurigen zu trösten, die Verzweifelten aufzurichten und die Fremden zu schützen. Gemeinsam beten wir: Vaterunser…

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org