Motettenansprache

  • 21.02.2020
  • Pfarrer Martin Hundertmark

„Singt dem Herrn ein neues Lied“ hörten wir zu Beginn der Motette.

Heute ist es ein Klagelied, liebe Gemeinde.

Wir klagen nach dem fürchterlichen Attentat von Hanau und sind bestürzt über so viel Hass und Gewalt. Von einem Augenblick zum anderen wird das Leben unschuldiger Mitmenschen ausgelöscht – nur weil sie anderer Herkunft waren oder anders aussahen. Die Trauer ist groß, weit entfernt scheint Trost zu sein.

„und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren so mächtig, dass sie keinen Tröster hatten.“ (Prediger 4,1)

 Ein ganzes Land ist bestürzt, weil es auf grausame Weise vor Augen geführt bekommt – rechtextremer Terror ist eine nicht mehr zu leugnende Wirklichkeit geworden. Drei Anschläge innerhalb weniger Monate erschüttern unser Land. Die Attentäter von Kassel, Halle und Hanau haben eins gemeinsam – ihre tiefe Abneigung gegen alles, was ihnen fremd ist, verbunden mit dem Verlust jeglichen Respekts gegenüber dem menschlichen Leben.

Da hilft es wenig, wenn sich die Erkenntnis verdichtet, dass der Attentäter aus Hanau psychisch krank gewesen ist.

Sein Hass und sein abgrundtiefer Rassismus saßen wohl tief und wurden genährt von denen, die beständig von Überfremdung und „wohltemperierter Grausamkeit“ reden.

Irgendwann macht es dann eben klick und ein verwirrter Geist meint, ausführen zu müssen, wo zuvor andere mit geschliffenen Worten sprachen.

 Dunkel legen sich die Wolken der Angst über uns. Wir fragen dann schnell nach mehr Sicherheit, die doch nur eine Illusion sein wird und nehmen gerne in Kauf, dass eigene Freiheit und Offenheit für andere Menschen schnell geopfert werden.

Wir trauern; suchen innerlich schwankend Trost und Halt, um nicht unterzugehen im aufgerissenen und verwundeten Alltag.

Wo Gewalttäter so übermächtig erscheinen, dass Trost in ganz weite Ferne rückt, wie es der Prediger schreibt, ist das Vertrauen hart angegriffen.

Das christliche „Aber“ oder das christliche „Trotzdem“ wird nicht verschwinden, wo wir die Kraft aufbringen, Gottes Wort auch in solch schwerer Zeit Gehör zu verschaffen.

 Es ist uns mitgegeben für alle Situationen im Leben. Seine und die Worte seines Sohnes Jesus Christus sind geprägt von Liebe und Frieden. Beides scheint uns abhandengekommen zu sein. Umso dringlicher wird es für Christen, in der Gesellschaft diese Worte von Liebe und Frieden nicht verstummen zu lassen, sondern ihnen zum Durchbruch zu verhelfen.

In Angst und Furcht zu verharren wird den Attentätern, die mit unserer Angst spielen, Recht geben. Deshalb ist es gut und richtig, wenn dort, wo der Karneval zu Hause ist „das Leben gefeiert wird“, wie es die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker ausdrückte. Gegen die Schrecken des Todes hilft nur, sich der Schönheit des Lebens zu vergewissern, damit Gewalt und Tod am Ende eben nicht die Oberhand gewinnen.

Gegen Angst und Furcht helfen Liebe und Mut.

Mit seiner Einladung, der Liebe und dem Frieden mehr zu vertrauen als der offensichtlichen Realität und dadurch auch den Mut zur Veränderung aufzubringen, hat uns Jesus Christus einen Weg gezeigt, der zum Ausweg wurde. Durch seine Leidenserfahrung wurde er zum glaubwürdigen Gegenüber für unsere Leidenserfahrungen. Im Gebet kann sie stumm oder mit Worten zur Sprache kommen.

Durch Christi Zusage, uns nicht im Leid alleine zu lassen, sondern es gemeinsam mit uns zu durchleben, haben wir einen festen Anker. Er gibt dort Halt, wo alles ins Wanken zu geraten droht.

Und, was genauso wichtig ist, wir dürfen uns an seinen Worten orientieren, wenn die Worte der Feinde versuchen, unsere Gesellschaft zu spalten.

 „Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen“ –

Das da-pacem-domine-Gebet ist aktueller als wir es uns manchmal wünschten, liebe Gemeinde. Ja, wir brauchen die Bitte um Frieden, vor allem für diejenigen, in deren Herzen sich Hass und Gewaltphantasien eingenistet haben.

Wir brauchen den Frieden in Worten und Taten, damit sich nicht ausbreitet kann, was durch Worte Unheil anrichten will.

Wir brauchen auch den streitbaren Gott als Friedensbringer und Friedensbotschafter, um nicht unterzugehen im alltäglichen Unfrieden, den wir uns gerne selber bereiten.

Wir brauchen den Frieden, weil nur durch ihn Gewalt, Hass und Furcht sich verwandeln können.

Möge uns Gott für seinen Frieden stärken.

Amen.

 

Gebet

 

Unendlicher Gott

wir bitten dich für alle vom Anschlag von Hanau betroffenen Familien. Sei du bei ihnen. Birg in deinem Krug ihre Tränen, umhülle ihre Trauer mit deiner Zuwendung.

 

Wir bitten dich für unser Land. Lass es nicht im Terror versinken, sondern ermutige uns, Wege des Friedens zu gehen, damit wir ein Miteinander unterschiedlicher Interessen und Lebensentwürfe gestalten zu lernen.

 Wir bitten dich für uns selbst. Heile, wo Dinge in uns zerbrochen sind. Stärke, wo wir die Kraft zu verlieren drohen. Gib uns den Mut für deutliche Worte, wenn alle aus Angst schweigen.

 

Barmherziger Christus

Hilf uns, deiner Liebe zu vertrauen.

Wir finden für Vieles keine Worte, nimm unser Schweigen an:

 

STILLE

 

Wir rufen zu Dir:

„Vater unser im Himmel….“

Pfarrer Martin Hundertmark
hundertmark@thomaskirche.org