Motettenansprache

  • 24.01.2020
  • Pfarrer Martin Hundertmark

„… ich habe mein ganzes Leben lang, schon in der Schule, gegen einen Geist der Enge und der Gewalt, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehrfurcht vor Anderen, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos Konsequenten angekämpft,“

 Helmuth James Graf von Moltke, liebe Motettengemeinde, schrieb diese Zeilen im Abschiedsbrief an seine beiden Söhne im Oktober 1944. Damals war er 37 Jahre alt und verbrachte bereits einige Monaten im Gefängnis. Aufgewachsen auf dem elterlichen Gut Kreisau, dem heutigen Krzyzowa, erfuhr er eine umfassende Bildung. Besonders geprägt hat ihn die tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben. Nach dem Jurastudium schlug er das Richteramt aus, um nicht in die NSDAP eintreten zu müssen.

Von Moltke war als Anwalt für Völkerrecht und internationales Recht tätig. Mittels seiner Kenntnisse und Kontakte vermochte er, vielen verfolgten jüdischen Familien die Ausreise aus Nazideutschland zu ermöglichen.

Auf dem Familiengut Kreisau wurde von ihm ein bürgerlicher Widerstandskreis gegründet, der sich hauptsächlich mit Gesellschaftsentwürfen nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus beschäftigte. Zielgedanke war u. a., dass der Staat dem einzelnen Menschen größtmögliche Freiheit garantierte. Weg vom Obrigkeitsstaat, hin zu kleinen, selbstverwalteten Einheiten.

Außenpolitisch wollte Helmuth James Graf von Moltke Deutschland in einen europäischen Staatenverbund eingebunden wissen. Zu grausam waren die Auswirkungen des Prinzips eines starken Nationalstaates vor seinen Augen. Die Probleme in Europa, so Moltke, ließen sich nicht mit Nationalismus lösen. Er ging sogar so weit, dass er sich einen europäischen Bundesstaat vorstellen konnte.

Widerstand, der auch zur Gewalt als ulitma ratio greifen darf, um den Diktator zu stürzen, kam für Moltke nicht infrage. Dagegen standen seine christlich ethischen Grundwerte. So erklärte er vor Gericht: Ich stehe hier „… nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher … sondern als Christ und als gar nichts anderes“.

Gestern vor 75 Jahren wurde er von den Nationalsozialisten ermordet.

 Wir tun gut daran, solche aufrechten bürgerlichen Christen in Erinnerung zu behalten und ihre Lebens- sowie Leidensgeschichten zu erzählen, damit die Deutungshoheit darüber, was „bürgerlich“ oder „antifaschistisch“ ist, nicht den intoleranten Gruppen in unserer Gesellschaft überlassen wird.

Wer sich in dieser Woche Wortmeldungen vom Weltwirtschaftsforum in Davos zu Gemüte geführt hat, wird schnell zu der Erkenntnis kommen, dass manche Visionen angesichts nationalistischer Bestrebungen lange brauchen werden, um bei den Menschen Gehör zu finden.

Der Wille zum Frieden unter den Völkern sowie der Grundansatz, dass Menschen in Freiheit sich entfalten dürfen, waren für Visionäre wie Graf von Moltke das Fundament ihres Denkens.

Auch wenn er selber seine Ideen nicht mehr umsetzen konnte, wurde er doch zum Werkzeug des Friedens, wie im Sonnengesang des Franziskus beschrieben. Wir hörten eben eine Vertonung von Kurt Hessenberg.

Liebe üben, wo man sich hasst, zählt sicherlich zu den schwersten Übungen, weil sowohl „Liebe“ als auch „Hass“ starke Emotionen sind, die sich nicht so leicht überwinden lassen.

Vielleicht finden wir eher den Zugang zu

„Hoffnung wecken, wo Verzweiflung quält“ oder „Licht anzünden, wo die Finsternis regiert“.

Es müssen nicht die großen Vorbilder der Geschichte sein, die durch ihr Tun und ihren Einsatz für den Nächsten im Sinne des franziskanischen Friedensgebetes im Gedächtnis bleiben. Der Verzweiflung etwas entgegenzusetzen vermag jeder von uns. Dafür braucht es wenig Stärkung im Glauben an den Gott, der uns auch in schweren Zeiten zur Seite steht.

Die Finsternis des eigenen Herzens oder Denkens mit einem Licht aufzuhellen und ihr damit die Regentschaft streitig zu machen, ist ein guter Vorsatz für das noch junge Jahr.

Vielleicht gelingt es uns, Werkzeug eines göttlichen Friedens zu werden inmitten des eigenen Lebensumfeldes, auch angesichts und trotz mancher Widrigkeiten.

Helmuth James Graf von Moltke stand dem Teufel in Gestalt des Blutrichters Roland Freisler während des Schauprozesses gegenüber.

Er blickte in den höllischen Abgrund einer unbeschreiblichen Menschenverachtung, die ihren Nährboden in Überheblichkeit, Hass und rassistischer Ideologie hatte. Er fand den Mut, auch angesichts des Todes, nicht zu schweigen, sondern das nationalsozialistische Unrechtsregime zu entlarven. Wer Christ ist, kann nicht Nationalsozialist sein.

Ob Moltke den Choral, den wir gleich singen werden, auswendig konnte und er ihm im Gefängnis half, kann ich nicht sagen. Jedoch passen Zeilen der ersten Strophe zu dem, was und wie er glaubte.

Durch dich wir haben himmlische Gaben,

du der wahre Heiland bist;

hilfest von Schanden, rettest von Banden.

Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,

wird ewig bleiben. Halleluja.

Zu deiner Güte steht unser G'müte,

an dir wir kleben im Tod und Leben;

nichts kann uns scheiden. Halleluja.(aus EG 398)

Amen.

Pfarrer Martin Hundertmark
hundertmark@thomaskirche.org