Motettenansprache

  • 25.09.2020
  • Pfarrerin Britta Taddiken

Albert Becker (1834-1899)                                

Bleibe, Abend will es werden
Bleibe, Abend will es werden und der Tag hat sich geneigt. Bleibe, Herr, bei uns auf Erden bis die letzte Klage schweigt. Wer soll unsre Tränen stillen, wenn es deine Hand nicht tut; wer des Herzens Zorn erfüllen, wenn nicht deine Liebesglut?


Ach, so falsch ist ja die Erde, ach, so schwankend ist das Herz. Von der Erde voll Beschwerde, führ du uns himmelwärts! Bleibe, Abend will es werden und der Tag neigt sich zur Ruh. Bleibe, Herr, uns hier auf Erden, uns im Himmel bleibe du!

Liebe Gemeinde,

vorne im Altarraum, in dem Fenster halbrechts, da sehen wir den Auferstandenen Christus, der zwei Jüngern das Brot bricht. Er war mit ihnen auf dem Weg gewesen, den ganzen Tag in ihr Dorf Emmaus. Das war nach Ostern. Was sie da erlebt hatten, das mussten sie erst verkraften, deuten. Und wussten nicht mehr recht: Hatten sie sich in Jesus getäuscht? War das, was sie überzeugt hatte und wofür sie ihr bisheriges Leben eingesetzt hatten, überhaupt tragfähig? Oder ein Betrug, oder was? Der Wanderer ist ihnen fremd. Aber er tut ihnen gut. Sie merken, dass langsam Licht hineinkommt in ihr verdunkeltes Gemüt. Und dabei macht er nichts anderes, als mit ihnen über all das zu sprechen, was sie erlebt haben – und was Himmel und Erde zusammenhält. Er erzählt ihnen von Mose und den Propheten. Und plötzlich sortieren sich die Dinge, nach und nach. Und sie bitten ihn: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Er tut es. Und bricht mit ihnen das Brot. Und da erkennen sie ihn. Doch im selben Moment ist er weg. Aber etwas bleibt in ihnen zurück: „Brannte nicht unser Herz in uns, das er mit uns redete auf dem Wege?“

Auch dieses brennende Herz ist auf unserem Fenster zu sehen. Und dieses Brennen – das lässt die beiden Jünger ihren Weg weitergehen. Sie verstehen, wie er weitergehen wird und wie er weitergehen muss. Bzw. sie wissen es mit dem Herzen.

„Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden.“

Der Komponist Albert Becker hat sich in dem Werk, das Voicemade gerade gesungen hat, auf das bezogen, was die beiden Jünger erleben. Und hat ein Gebet daraus gemacht. Und darin geht um die Bitte um dieses brennende Herz in uns. Wer soll unsre Tränen stillen, wenn es deine Hand nicht tut; wer des Herzens Zorn erfüllen, wenn nicht deine Liebesglut?“

Wir haben alle diese Momente auf unserem Lebensweg. Wo wir traurig sind, wo wir vor Zorn aufheulen könnten oder es eben auch tun und diesen unseren Zorn, unsere Gehässigkeit und unser eigenes inneres Chaos auf andere abwälzen. Und wo wir uns dann selbst am meisten leidtun. Es gibt diese Emmausphasen im Leben immer wieder. Jesus, der unerkannte Mit-Wanderer, sieht diesen inneren Zustand seiner Jünger. Sieht ihre Tränen und ihren Zorn. Ihre Vergeblichkeitsgefühle. Und begegnet ihnen, in dem er einfach erst mal die Dinge sortiert. Einfach erst mal alles Nebeneinander legt. Ordnung bringt ins Chaos. So wie Gott am Anfang der Schöpfung. Erst mal oben und unten auseinanderhalten. Und die Zeichen wahrnehmen, die Momente, in denen uns das Leben besonders wertvoll gewesen ist. Momente, die bleiben, auch wenn sie vorbei sind. Aber wo das Herz brennt, wenn wir uns erinnern.

Für viele von uns ist ja der Freitagabend so ein Sortier-Moment. Was hat die Woche gebracht, wo ist Klarheit, wo ist Chaos? Wo sind die Weg-Begleiter? Und am wichtigsten: Spüren wir, wofür unser Herz brennt? Gebe Gott uns, dass wir davon etwas bemerken. „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden.“ Amen.  

 

Gebet (EG 854) (Georg Christian Dieffenbach)

Bleibe bei uns, Herr, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.
Bleibe bei uns und bei deiner ganzen Kirche.
Bleibe bei uns am Abend des Tages, am Abend des Lebens, am Abend der Welt.
Bleibe bei uns mit deiner Gnade und Güte, mit deinem heiligen Wort und Sakrament, mit deinem Trost und Segen.
Bleibe bei uns, wenn über uns kommt die Nacht der Trübsal und Angst, die Nacht des Zweifels und der Anfechtung, die Nacht des bitteren Todes.
Bleibe bei uns und allen deinen Gläubigen in Zeit und Ewigkeit.

 

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org