Motettenansprache

  • 23.05.2020
  • The Reverend Dr. Robert G. Moore

36   Als sie aber davon redeten, trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! 37   Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. 38   Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? 39   Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. 40   Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 41   Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? 42   Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. 43   Und er nahm's und aß vor ihnen. 44   Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. 45   Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden, 46   und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass der Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; 47   und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. (Lk 24,36-47, Deutsche Bibelgesellschaft. Lutherbibel revidiert 2017)

Liebe Motettengemeinde,

am Donnerstag haben wir das Fest Christi Himmelfahrt gefeiert. Vielen Menschen bleibt der Sinn dieses Festes verschlossen. Dabei ist es gar nicht so schwer, den Sinn zu erfassen: Mit der Himmelfahrt Jesu werden Himmel und Erde, Wirklichkeit und Vision miteinander verbunden. Was für ein Glück! Wir sind nicht mehr auf Gedeih und Verderb dieser Welt mit all ihren Schrecklichkeiten ausgeliefert. Wir können darauf vertrauen, dass von allem, wofür Jesus in dieser Welt eingestanden ist, eine Kraft ausgeht, die uns zu einem hoffnungsvollen Leben ermutigt. Auch wenn Jesus mit der Himmelfahrt sozusagen ins „Home-Office“ gegangen ist – das, was er auf dieser Erde an Spuren hinterlassen hat, bleibt für uns Auftrag und Aufgabe.

Wir haben als Lesung die Geschichte gehört, wie Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern erscheint. Der Evangelist Lukas erzählt sie und sie ist der biblische Hintergrund der Kantate „Der Friede sei mit dir“, die wir nachher hören werden. Mit der Geschichte und der Kantate wird das entscheidende Stichwort des Wirkens Jesu aufgegriffen: Frieden. Schon am Anfang des Lukasevangeliums taucht es an entscheidender Stelle auf: Friede auf Erden. Darum geht es: Mit Jesus wird dieser Welt Frieden verheißen. Mit diesem Frieden können wir Gott die Ehre geben. Mit ihm wird uns Menschen Gerechtigkeit ermöglicht. Mehr noch: durch diesen Frieden kommt es zu gravierenden Veränderungen:

Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. (Lukas 1,51-52)

Was im Lobgesang der Maria angekündigt wird, hat Jesus konkret umgesetzt: Weder der römische Kaiser Augustus noch der König Herodes konnten seine Geburt verhindern. Auch dem römischen Statthalter Pontius Pilatus und den Hohepriestern stellte er sich entgegen und entlarvte ihre Macht als äußerst brüchig. Ja, mit der Kreuzigung und Auferstehung Jesu hat Gott die Machtverhältnisse umgedreht.

 Die Botschaft Jesu, dass Gott kommt und Frieden bringt, hat alles infrage gestellt: Macht, Gewalt, Krieg, Herrschaft. In der Lehre Jesu geht es nicht mehr um Oben und Unten, sondern um Frieden, Liebe, Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit – alles Eigenschaften, die wir weniger mit Macht, sondern eher mit Schwäche in Verbindung bringen. Doch Jesus lehrt, dass Gottes Kraft im Schwachen mächtig ist. Er lehrt, dass Gottes Macht nicht in äußerer Pracht und Herrschaftsgebaren sichtbar wird, sondern in der Liebe zum Nächsten und zum Feind, in der Ehrfurcht vor dem Leben, auch dem beschädigten Leben. Er lehrt, dass wir Gott nicht durch Gold oder Silber die Ehre geben, sondern in der tätigen Barmherzigkeit.

Diese Lehre Jesu hat sich nicht erledigt. Sie ist mit der Auferstehung neu inkraft gesetzt worden. Ihr sollen wir auch jetzt, auch heute folgen. Sie ist unsere Aufgabe hier auf Erden. Das will Jesus in der Begegnung mit den Jüngern verdeutlichen. Und das wird auch mit der Himmelfahrt bekräftigt. Denn nun sind wir in unserer Schwachheit, in unserer Verlorenheit, in unserer Hilflosigkeit mit Gott verbunden: die Botschaft „Friede sei mit euch“ kann Wirklichkeit werden. In diesem Sinn haben wir auch den Choral in der Aria der Kantate zu verstehen: „Welt, ade, ich bin dein müde, Ich will nach dem Himmel zu“. Wir sind nicht auf Gedeih und Verderb dieser Welt ausgeliefert, die nichts von Gott und seinem Frieden wissen will. Wir können unser Leben weiter an den Maßstäben Jesu ausrichten, um „Friede, Freud und Seligkeit“ schon jetzt zu erfahren.

The Reverend Dr. Robert G. Moore
rgmoore.moore@gmail.com