Motettenansprache

  • 02.10.2020
  • Landesbischof i.R. Christoph Kähler

Liebe Motettengemeinde!

In einer schweren Auseinandersetzung mit seinen Gegnern sagte Jesus:
Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.
Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Eine Fahrt in der Straßenbahn und ein prüfender Blick auf die Fahrgäste offenbaren es:
der Mund-Nasen-Schutz der Mitfahrer weist einige Unterschiede auf – nicht nur in Form und Farbe. Glücklicherweise verzichten nur sehr wenige ganz darauf und sehr viele tragen ihn korrekt. Das kann ein Gefühl der Sicherheit verschaffen. Aber auffällig sind die, die den Lappen irgendwie vor dem Mund hängen lassen, doch die Nase schön frei halten. Sie dürften eigentlich wissen, dass das weder für andere noch für sie selber einen Schutz darstellt. Aber diese ganzen Vorsichtsmaßnahmen wirken auf sie lästig, ja überflüssig. Sie sagen damit: „Es wird ja schon nichts passieren!“ Wer so nur zum Schein eine Maske trägt, scheint eine neue Deutung des alten Spruchs zu vertreten: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“. Sie denken wohl: „Mich trifft es nicht, und wenn doch, dann nur ein bisschen! Ich bin ja stark. Richtig krank werden doch nur die anderen, die Alten, die Vorgeschädigten! Sollen die sich doch vorsehen!“ Wenn es denn so wäre! Aber das kann niemand so genau wissen. Vielleicht gehört eine doch zu den Jüngeren, die unerwartet einen schweren Verlauf erleben müssen. Oder einer trägt die Ansteckung ungewollt zu Freunden und Verwandten oder in die Nachbarschaft weiter – nicht ohne schwere Folgen. Das ist doch das Heimtückische an diesem Virus: Niemand, auch nicht der Mächtigste, ist vor ihm gefeit. Ein Blick in die Nachrichten hilft zur Klarsicht.

Nun streiten Jesus und seine Gegner nicht über Krankheiten und die beste Vorsorge, sondern über die Sorte Mensch, mit denen sich Jesus umgibt: Sünder und Zöllner. Von ihnen sagt der Mann aus Nazareth: „Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ So weit, so gut könnte es sein. Es gibt stets Leute, die in keiner guten Haut stecken. Da ist es doch nützlich, wenn sich jemand um die kümmert. Dann fallen sie anderen nicht mehr zur Last. Man hätte mehr Ruhe vor ihnen. Mehr Ruhe – wirklich?
Wir wissen, dass Krankheiten oft unberechenbar sind – und nicht nur COVID 19.
Kann das nicht auch mit der Sünde so sein? Könnte es sein, dass eine ähnliche Vorsicht, die für eine korrekte Maske auf allen Gesichtern und für genügend Desinfektionsmittel spricht, auch bei der Sünde angebracht ist, weil sie uns doch alle und nicht nur einige befallen kann? Wir sprechen direkt davon zwar nur noch selten. Das Wort „Sünde“ ist vielen fremd geworden und wird oft nur noch in bestimmten Zusammenhängen ziemlich abgeblasst gebraucht – wie bei den „Verkehrssündern“. Aber die Verletzung von Vertrauen, der Bruch von Versprechen und Verträgen, die bewusste Täuschung durch erfundene Geschichten, die Zerstörung fremden und eigenen Lebens – etwa durch die Geheimhaltung oder Verleugnung bedrohlicher Entwicklungen – das alles zieht sich im Großen wie im Kleinen durch unseren Tage wie eine heimtückische Krankheit, ja es kann diese noch fördern. Gibt es dafür Heilung?

Ich meine: Ja, es gibt einen Rettungsweg. Der erste Schritt auf dem Weg zur Heilung gilt für Krankheit und Sünde gleichermaßen: Es fängt an mit der ehrlichen Einsicht, es geht mich an! Es gibt keine Garantie, ohne Ansteckung zu bleiben! Weder so noch so! Leugnen hilft nicht – sondern nur tägliche selbstkritische Vorsicht! Der zweite Schritt ist die Klarsicht: Es gibt kein Allheilmittel und keine Wunderpille und keinen Ablasszettel, die alle Probleme beiseiteschaffen. So oder so werden wir mit Krankheit wie mit Sünde unser Leben lang zu kämpfen haben. Mal gelingt es besser mit ihnen fertig zu werden, mal brechen sie unvermittelt wieder auf. Wachsamkeit bleibt wichtig. Ein dritter Schritt ist die Erkenntnis: Die gegenwärtig drohende Krankheit macht vieles sichtbar, was in unserer Gesellschaft und in unserer Welt falsch läuft, ja unmenschlich ist; man mag es krank nennen oder sündig. Es läuft auf dasselbe heraus. Der vierte Schritt ist die Einsicht: Wir schaffen es nicht allein! Jesus wird von seinen Gegnern angegriffen, weil er mit Sündern und Zöllnern an einem Tisch sitzt. Ohne Gemeinschaft aber, ohne gegenseitige Anerkennung als hilfsbedürftiger Mensch, ohne das Zugeständnis, dass wir Fehler machen, ohne Hilfe anderer werden wir weder Krankheit noch Sünde eindämmen, auch nicht die Unterlassungssünde, die der Krankheit zur weiteren Verbreitung verhilft. Es ist ein Geschenk, solche Gemeinschaften zu haben und pflegen zu dürfen – selbst unter schwierigen Umständen, wie wir sie jetzt alle erleben und die uns Mühe machen. Es ist in diesen Zeiten schwerer geworden, die Gemeinschaft in der Familie und Freundschaft zu leben, im Verein und im Beruf zusammenzuwirken. Aber wir schätzen die Gemeinschaften wieder höher, weil wir sie schmerzlich vermissen. Wir können sie pflegen – eben nur anders als früher.

Nur in der Gemeinschaft, in der Gemeinschaft der Heiligen, wie es im Glaubensbekenntnis heißt, also nur durch die von Gott geheiligten Menschen (und dazu gehören weit mehr, als sich in unseren Kirchen versammeln) – nur durch von Gott geheiligte Menschen wird es gelingen, die Krankheit und die Sünde einzuhegen, auch und gerade die Sünden, die die Krankheit erst sichtbar gemacht hat. Gott helfe uns dazu! Amen