Motettenansprache

  • 17.01.2020
  • Pfarrerin Britta Taddiken

Liebe Gemeinde,

gestern hat der Bundestag darüber abgestimmt, wie die gesetzliche Regelung der Organspende zukünftig aussehen soll. Es könnte mehr Menschen geholfen werden und dass man gucken muss, wie man der Lage gesetzlich abhelfen kann - darüber war man sich einig. Ausgegangen ist es bekanntlich so, dass die Mehrheit der Abgeordneten die Widerspruchslösung als zu großen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht des Menschen verstanden hat. Die meiste Zustimmung hat daher erfahren, was jetzt heißen wird: „Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft.“ Von Zeit zu Zeit werden wir nun immer wieder einmal darum gebeten werden, darüber nachzudenken, ob wir im Falle eines Falles Spender sein wollen. Und alle sind auch gefragt, den Stand ihres Nachdenkens in einem zentralen Melderegister kund zu tun: Ja, Nein, Unentschieden. All das auf freiwilliger Basis.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendjemanden in diesen Tagen nicht bewegt hat. Auch wenn das eigentliche Problem viel zu wenig angesprochen worden ist: dass potentielle Spender aufgrund des Aufwands, der das für die Klinik bedeuten würde, bei Eurotransplant gar nicht erst gemeldet werden. Hier müsste dringend Abhilfe für die Kliniken geschaffen werden. Sonst würden auch Zehntausende von Spendenwilligen gar nichts bringen. Wenn da nichts passiert, würde uns auch eine Widerspruchslösung nicht wirklich weiterbringen. Aber davon abgesehen ist die ethische Frage ja die, die uns alle bewegt, weniger die politische. Es geht um unsere persönliche Haltung. Und es geht um die Frage: Ist meine Angst vor der Entscheidung über dafür oder dagegen - wenn ich sie denn habe -  vielleicht doch größer als meine Überzeugung „Natürlich müsste allen geholfen werden.“ Diese Angst scheint es ja zu sein, dass es diese riesige Diskrepanz gibt: 84% der Deutschen finden die Organspende gut – aber nur 39% haben ihre Bereitschaft dokumentiert (oder auch ihren Widerspruch).

Vor diesem Hintergrund ist ein Satz aus Kurt Hessenbergs Motette „Mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens“ heute besonders aktuell:

Denn wer da hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.

Wer in der Frage der Organspende entscheiden möchte, bekommt es genau mit dieser Frage zu tun: Bin ich bereit, hinzugeben? Bin ich bereit, mich selbst zu vergessen? Zugespitzt: Wenigstens dann, wenn es für mich hier auf der Erde eh vorbei ist? Man kann, denke ich, auch die Frage „Bin ich bereit zu spenden oder nicht?“ nur aus der Haltung heraus entwickeln, in der ich sonst auch lebe. Zu dieser Haltung kann mich kein Staat zwingen – und er ist dafür auch nicht verantwortlich, dass ich diese Haltung ausbilde. Da gibt es Voraussetzungen, die ihm vorausgehen. Und so kann er die Entscheidungsbereitschaft in der Tat allenfalls stärken.

Etwas davon, eine Leitlinie in Sachen innerer Haltung, findet sich also in diesem der Motette zugrundeliegenden Gebet. Man hat es lang Franz von Assisi zugeschrieben und es ist zweifelsohne in seinem Geist formuliert. Franz hatte im Laufe seines Lebens etwas davon neu begriffen. Er war in dem Geist aufgewachsen, zu gucken, wie optimiere ich mich selbst, wie mehre ich meinen ohnehin großen Reichtum und wie kriege ich noch mehr Aufmerksamkeit, indem ich jeglichen Anstand fahren lasse. Ein Mensch, der sich ein großes Ego aufbauen musste, weil er sich so klein vorkam.

Das größte Geschenk seines Lebens war, dass er diesen Holzweg zum Glück eines Tages verlassen konnte. Er „ver-rückte“ seinen Standort: der Sohn des reichen Tuchhändlers wurde Bettler, Bruder der Armen, der kleinen Leute. In einem Traum war ihm der Auferstandene begegnet – in der Gestalt des Bettlers, dem er am Tag zuvor entgegen seiner Gewohnheit das entgegengebracht hatte, was er eigentlich nur für sich selbst wollte: Trost, Verständnis, Liebe. Und er verstand zum ersten Mal, worum es Gott geht mit uns. Worum es ihm geht mit Jesus, der Mensch wurde. Franz verstand, was das Wunder von Weihnachten ist: Himmel und Erde werden auf den Kopf gestellt: oben wurde unten, reich wurde arm, klein wurde groß, der Rand wurde zur Mitte. Und er verstand auch, was seine Rolle darin sein sollte: „Werkzeug“ Gottes sein. Genauer übersetzt: Sein „Instrument“. Und das ist viel mehr als machen zu müssen. Wenn ich danach trachte, Instrument für Gott auf dieser Welt sein zu können, dann werden möglicherweise Saiten in mir zum Klingen gebracht, die ich selbst noch gar nicht kenne. Neue Töne, neue Schwingungen. Ich bin nicht nur auf das festgelegt, was ich von mir selbst denke. Da wird schon noch mehr in mir stecken, was Gott hoffentlich zum Erklingen bringen wird. Denn wie kann ich diese ver-rückte, schwere Aufgabe denn erfüllen: Hingeben. Sich selbst vergessen. Es ist anspruchsvoll als Haltung. Manche, die versucht haben und versuchen, das zu leben, haben sich dabei auch selbst verloren, natürlich. Franz von Assisi aber gehörte zu denen, die erfahren haben: Wer bereit ist hinzugeben, wird auch empfangen. Wer bereit ist, sich - auch mal -  selbst zu vergessen, der wird etwas finden. Das zu leben macht mich nicht ärmer, sondern reicher. Und er wusste: So kann der Friede wachsen zwischen uns – und Menschen gewinnen das Leben neu. Es lohnt sich, am Ende dieser Woche über dieses Gebet nachzudenken – und über das, was meine Haltung ist zum Leben und Sterben sowieso. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org