Motettenansprache

  • 18.01.2020
  • Pfarrerin Britta Taddiken

Johann Sebastian Bach, Kantate BWV 156: Ich steh mit einem Fuß im Grabe

Als Jesus vom Berge herabging, folgte ihm eine große Menge. 2 Und siehe, ein Aussätziger kam heran und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen. 3 Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz rein. 4 Und Jesus sprach zu ihm: Sieh zu, sage es niemandem, sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere die Gabe, die Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis.

5 Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn 6 und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen. 7 Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. 8 Der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. 9 Denn auch ich bin ein Mensch, der einer Obrigkeit untersteht, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er's. 10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden! Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde. (aus Matthäus 8)

 

Liebe Gemeinde,

„Ich steh mit einem Fuß im Grabe“- Titel und Inhalt von Bachs Kantate erinnern uns daran: Ja, so ist es. Die Diskussion im Bundestag über die neue gesetzliche Regelung der Organspende und sicher auch bei Ihnen zuhause hat es uns in dieser Woche vor Augen geführt: Jeder kann von jetzt auf gleich in die Situation kommen, ein Organ zu brauchen. Oder potentieller Spender zu werden. Bach und sein Texter Picander bedenken in dieser Kantate, was sie selbst auch immer wieder erfahren haben: dass unser Leben stets gefährdet ist. In ihrer Zeit war es der Normalfall, immer wieder eigene Kinder, die Ehepartner oder Verwandte vorzeitig zu verlieren. Man musste damit umgehen. Musste diese Lebenskunst lernen, die die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Sterben und das Sterben selbst integriert - und damit auch zugleich „Sterbekunst“ ist. Ein Thema, das Bach und seiner Zeit wichtig war.

Anhalt fand man in solchen biblischen Geschichten wie den beiden, die wir eben gehört haben: Die Heilung eines Aussätzigen und die Heilung des Sohns des Hauptmanns von Kapernaum. Beide stellen alles dem Willen Gottes anheim – Sie vertrauen darauf, bei Jesus Heilung zu finden: „Herr, wenn Du willst, kannst Du mich reinigen.“ In der Kantate finden wir nur Anklänge an diese beiden Bibeltexte. Das betrifft zunächst die Situation dessen, der hier spricht. In der Altarie haben wir davon gehört: „Herr, was du willt, soll mir gefallen, weil doch dein Rat am besten gilt.“ Es ist das Zwiegespräch eines Einzelnen, der im Gespräch mit Gott über seine Endlichkeit nachdenkt. Der anspricht, was ihn beschäftigt. Und der bittet – um Geduld auch im Leid. So das letzte Bassrezitativ und der Choral am Ende: „Erhalt mich nur in deiner Huld. Sonst wie du willt, gib mir Geduld, Dein Will, der ist der Beste.“ Bach zeigt einen Menschen, der offensichtlich diese Lebens-und Sterbekunst beherrscht. Schon in der ersten Arie verschränkt er dessen Worte mit der Eingangsstrophe eines alten Leipziger Liedes der Sterbekunst. „Machs mit mir Gott, nach deiner Güt“. Thomaskantor Johann Hermann Schein hatte es 1628  geschrieben, es wurde hier in der Thomaskirche sicher oft gesungen und befindet sich bis heute in unserem Gesangbuch. Unisono lässt Bach die Streicher spielen, vielleicht Symbol dafür: dass das alle erfahren und alle damit umgehen müssen, dass das so ist: Ich steh mit einem Fuß im Grabe.

Was für die Menschen damals selbstverständlich war: Sich dazu zu verhalten – das ist es heute nicht mehr. „Wir dürfen das Thema Sterben nun also getrost weiter verdrängen“, so hat es ein Kritiker geschrieben, der sich die doppelte Widerspruchslösung als zukünftige rechtliche Regelung in Sachen Organtransplantation gewünscht hätte. Und in der Tat speist die Verdrängung des eigenen Sterbens im Zweifel ein tödliches System der Ignoranz. Bei der Organspende scheint die Angst zur Entscheidung und die Trägheit der Menschen größer am Ende doch größer zu sein, als ihr Wille zu helfen. Wie anders ließe sich die Diskrepanz erklären, dass 84 Prozent der Deutschen die Organspende gut finden - aber nur 39 Prozent ihre Entscheidung dafür oder dagegen dokumentiert haben?

Niemand beschäftigt sich gern damit, wie er sterben will, was mit ihm in den letzten Tagen und Stunden seines Lebens passieren soll. Lange Zeit mag das kein großes Problem für die Gesellschaft gewesen sein. Heute aber, in Zeiten, in denen die Menschen jahrzehntelang mit Maschinen am Leben erhalten kann und Organe von einem auf den anderen übertragen werden können, wird es zu einem Problem. Die Verdrängung der eigenen Sterblichkeit ist längst kein individuelles Thema mehr, sondern kann Familie, Freunde, die ganze Gesellschaft betreffen. Wer es willentlich und wissentlich unterlässt, sich zu den technischen Möglichkeiten der Medizin zu positionieren, handelt längst moralisch. Aber er stellt möglicherweise seine Angehörigen vor schwere Gewissensfragen, die mühsam den Willen des Schwerkranken herausfinden müssen.

Nein, „mit einem Fuß im Grabe zu stehen“ ist kein individuelles Thema. Heute nicht – und auch zu Bachs und Picanders Zeiten schon nicht. Dass in dieser Kantate ein Einzelner zu Wort kommt, sollte darüber nicht hinwegtäuschen. Zu seiner Haltung aber kann man nur selbst kommen. Und zu dem, was man tut oder lässt eben auch. Bachs Kantate zur Lebens- und Sterbekunst möge da hilfreich sein.

Wir beten:

Unser Gott, wir bitten Dich: Schenke uns von Deiner Kraft. Schenke uns Mut, der unsere Ängste überwindet. Hilf uns in den Entscheidungen, die wir zu treffen haben aber vor denen wir uns drücken möchten. Steh uns bei – Herr, erbarme Dich.

Vaterunser…

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org