Motettenansprache

  • 31.12.2019 , Altjahresabend - Silvester
  • Pfarrerin Britta Taddiken

Liebe Gemeinde,

„verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unseren Zeiten“ – „Dona nobis pacem“. Auch in diesem Jahr hat diese Motette diese Klammer. Unsere Bitte um Frieden. Für uns selbst, dass alle Unruhe und Aufruhr in uns zur Ruhe kommen können. Für unsere Beziehungen untereinander. Für unser Miteinander auf der ganzen Welt. „Verleih uns Frieden“. Vielleicht bitten wir heute am Ende dieses Jahrzehnts noch inständiger darum. Am Ende eines Jahrzehnts, in dem sich manches verändert hat, was wir zu Beginn für sicher gehalten haben. Dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sich langsam aber doch sicher weiter entwickeln werden, zumindest in der westlichen Welt. Aber dieser Glaube scheint gerade zu implodieren. Und wer hätte gedacht, dass die Kunst der Diplomatie es mal so schwer haben würde wie mit Twitter und Pöbeleien als Form der politischen Äußerung im Minutentakt. Zwischen dem, was man mal als Großmächte bezeichnet hat, stehen die Zeichen auf Konfrontation, so etwas wie Entspannungspolitik klingt wie ein aus der Zeit gefallenes Wort. Und die Populisten, die sich nach und nach radikalisiert haben, bedienen sich der alten Wahnideen. Sie suchen nach Heil dort, wovon nicht nur einmal schon Unheil ausgegangen ist. Suchen im Abfall der Geschichte und preisen ihren verschrobenen Nationalismus als universelle Heilslehre. Setzen auf die Spaltung einer Gesellschaft. Auch in der Natur stehen die Zeichen im wahrsten Sinne des Wortes auf Sturm, was auf uns zukommen wird im nächsten Jahrzehnt, davon erleben wir im Moment nur den Anfang. Und Europa? Der Brexit – und auch die offensichtliche Hinfälligkeit des Parteiensystems bei uns – all das kann einem am Ende dieses Jahres und Jahrzehnts Unbehagen bereiten. Ein diffuses Gefühl, wohin geht die Reise?

„Unbehagen? Ich bekomme langsam mächtig Fracksausen“ – so sagte mir es neulich ein leitendes Mitglied der israelitischen Religionsgemeinde hier in Leipzig. Es sei nur einem Zufall geschuldet, dass sich der schreckliche Anschlag von Halle am 9. Oktober nicht hier ereignet hat. Die Gemeinde ist in Angst und Schrecken darüber, dass sich antisemitisches Gedankengut wieder so offen und ungeniert zeigt – und die Gefahr für die jüdischen Gemeinden nach wie vor eher klein geredet wird. Macht es öffentlich, wie es Euch geht, habe ich ihm geraten. Erzählt es, geht offensiv damit um. Nein, war seine Antwort, wir sind darüber gespalten. Zu viele haben Angst, irgendwie kommen wir da nicht raus im Moment – was wir aber tun: Wir überlegen, wie wir unsere Türen besser schützen. Das passiert – im Verborgenen – in unserer Stadt Ende des Jahres 2019: Menschen fühlen sich ins Misstrauen getrieben und sehen sich genötigt, es zu leben – gegen ihren Willen. “Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott zu unseren Zeiten“, o ja, wir haben diesen Frieden nötig, haben es nötig, darum zu bitten. Und auch darum, dass sich in einem nicht das Phlegma ausbreite, das einem einzureden versucht: Da ist kein Kraut gegen gewachsen.

O doch, das ist es. Es ist die Frage, was wir in uns und bei uns stark werden lassen wollen. Woher wir uns die Kraft dafür holen und worauf wir bauen wollen in unserem Leben – auch im nächsten Jahrzehnt, in dem sich ziemlich viel erheblich verändern wird, wie wir alle wissen. Im dritten Teil des Weihnachtsoratoriums finden wir etwas, was uns zwischen den beiden Bitten um Frieden den Weg weisen kann, über allem möglichen „Fracksausen“ nicht die Richtung zu verlieren. Und was das Gefühl irgendwie nur Zaungast des Weltgeschehens zu sein, in die rechten Bahnen verweist. Die Kantate setzt an der Stelle ein, wo die Hirten von Bethlehem in Bewegung versetzt werden. Stehenbleiben, verweilen ist für sie nicht möglich. Sie haben mitten im Dunkel der Nacht und schwerer Zeiten etwas zu sehen bekommen, was nicht nur diese eine Nacht, sondern die ganze Nacht ihres Lebens hell zu machen vermag. Es ist das, was über alle Zeiten hinaus gültig bleiben wird – und was ihr Leben und Sterben bestimmen wird. Es ist das Kind in der Krippe, in dem Gott in die ganze Härte des Lebens eintritt. In alles, was uns umtreibt und grübeln lässt und bisweilen verzagen. Immer gilt, wo ein Kind geboren wird, ist auch etwas da, was neue Hoffnungen weckt. Da werden Kräfte in uns geweckt, Leben zu schützen und zu stärken. Da bemühen wir uns um Wärme und Nähe, nehmen uns zurück in der Lautstärke und nehmen auf’s Neue das Wunder und die Schönheit des Lebens wahr.

Dieses Kind aber ist noch ein besonderes Kind. Es ist in die Welt gekommen, um noch mehr als diese Kräfte zu wecken. Dieses Kind mit uns unterwegs durch die Zeiten. Es hat uns ein Leben gezeigt, in dem die Angst vor den Menschen und vor dem Tod nicht das letzte Wort hatte. Es hat uns das gelehrt, was in der Mitte der Kantate im Duett von Sopran und Bass besungen wird. Dass Gottes „Mitleid, Erbarmen, Gunst und Liebe“ allen Schrecken und allen Tod in ihrem Anspruch auf uns zu überwinden wissen.

Wenn wir diese Kräfte nicht vergessen, die uns in diesem Kind geschenkt worden sind, werden sie uns „trösten“ und „frei machen“, heißt es bei Bach. Im „Herzen“ sollen wir sie bewegen – und das ist nach biblischer Vorstellung der ganze Mensch, seine ganze Lebenskraft inklusive Sinn und Verstand. Wo wir sie leben – da kann es Friede werden zwischen uns. Dass unser Glaube daran schwach ist, dass wir daran zweifeln, ob das wirklich reicht, auch das wird in der Kantate reflektiert. „Lasse dies Wunder der göttlichen Werke immer zur Stärke deines schwachen Glaubens sein.“, so heißt es in der Altarie. Mögen wir das tun und so am Ende zu dem kommen, was am Ende dieses dritten Teils des Weihnachtsoratoriums die Hirten uns Menschen aller Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende weiter sagen: Seid froh dieweil. „Seid froh dieweil, dass euer Heil ist hie Gott und auch ein Mensch geboren.“ Damit gilt: „Unsere Wohlfahrt steht befestiget“ – so heißt es im am Ende noch einmal wiederholten Schlusschor. Eine weitere Klammer in dieser Motette, die Bach setzt, damit wir es nicht vergessen. Damit es Kräfte freisetzt in uns, um das Leben zu gestalten. Als frohe Menschen, die in Bewegung bleiben. Auch im neuen Jahr. Amen.

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org