Motettenansprache

  • 04.04.2020
  • Pfarrer Martin Hundertmark

Liebe Motettengemeinde,

zwischen Jubel und Enttäuschung gibt es manchmal nur einen ganz schmalen Grat. Gerne jubelt die Menge einem Menschen zu, der für sie besonders ist. Besonders deshalb, weil er bzw. weil sie als Projektionsfläche für unsere Wünsche und Sehnsüchte dient. Oder, weil wir in Einzelnen gerne das Besondere sehen wollen. Herausgehoben aus der oft gleichförmigen Masse, verströmen solch besondere Menschen Glanz. Ihr Glanz strahlt dann für einen kleinen Moment in den farblosen Alltag. Aber wehe, wenn sich nicht erfüllt, was die Sehnsucht diesen Menschen aufgeladen hat. Dann schlägt alles ganz schnell in Enttäuschung um. Aus Jubel wird Hass. Der Jubelruf wandelt sich in den Ruf nach Blut und Tod. Das fröhliche „Hosianna“ mutiert zum hässlichen „Kreuzige ihn“.

Der von Constantin Lipsius entworfene Altar wurde 1889 in der Thomaskirche im Chorraum aufgestellt. Im unteren Bereich sind vier Reliefs zu sehen. Sie erzählen in ihrer Bildsprache vom Leben Jesu. Eine dieser Szenen zeigt den Einzug Jesu in Jerusalem mit Esel und Palmzweigen. Solch geschnitztes Evangelium verdeutlicht uns sehr anschaulich wie der Wanderprediger zum Superstar gemacht wurde. „Hosianna dem Sohn Davids“ schreit die Menge. Sie schreit sich in eine Hysterie. Dabei projiziert sie all ihre Hoffnungen auf diesen Jesus aus Nazareth. Die ganze Stadt ist in Aufregung.

Ist er endlich da, der große Anführer?

Befreit er uns aus der Unterdrückung?

Hat das Warten auf den Erlöser ein Ende?

Jesus Christus hat der Masse nicht nach dem Mund geredet, so wie wir das gelegentlich bei aktuellen Anführern beobachten können. Und nicht alle, die vor Fernsehkameras ständig behaupten, einen guten Job zu machen, um dafür bejubelt zu werden, tun dies auch im Sinne der ihnen anvertrauten Menschen.

Jesus war der besondere Jubel des Palmsonntags egal. Vielmehr blieb er sich und seiner Botschaft treu.

Mit drei kurzen Sätzen kann man sie zusammenfassen:

-Fürchtet Euch nicht.

-Orientiert euch an der Liebe Gottes im menschlichen Miteinander.

-Traut Frieden und Vergebung mehr zu als aller Gewalt.

Was die Masse dazu sagte, interessierte ihn nicht. Der Preis für solche Aufrichtigkeit im Namen der Liebe Gottes war hoch.

Verspottet, verschmäht, angespuckt, gefoltert und hingerichtet.

Todesfinsternis breitet sich aus und begräbt sämtliche Hoffnung. Der Jubel verstummt am Ende der Karwoche.

Liebe Motettengemeinde,

der Palmsonntagsjubel ist ganz eng mit einem großen menschlichen Missverständnis verbunden. Wir Menschen vertrauen gerne dem Bewährten und trauen der Veränderung eher weniger zu.

Damals hoffte die Menge, dass Jesus Christus mit Macht und Gewalt die Lebensverhältnisse ändern würde. Deshalb war die Enttäuschung am Ende auch so groß als die sichtbare Veränderung ausblieb.

Jesus Christus veränderte nicht die Herrschaftsverhältnisse seiner Zeitgenossen.

Er veränderte das Verhältnis zu Tod und Leben. Das tat er sogar nachhaltig. Deshalb haben wir auch heute noch etwas davon.

Leiden, Sterben und Tod werden nicht ausgeblendet. Sie gehören zum irdischen Leben dazu, aber sie haben nicht das letzte Wort.

Vielleicht gibt uns die momentane Krise Gelegenheit Leiden und Sterben zu enttabuisieren, weil wir gerade lernen, mit beidem umgehen zu müssen. 

Die Coronakrise zwingt uns zur Entschleunigung. Wir bekommen Zeit zum Nachdenken und hoffentlich auch Zeit zum Überdenken dessen, was wir immer für selbstverständlich erachtet haben.

Und der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Pfarrer Martin Hundertmark
hundertmark@thomaskirche.org