Motettenansprache

  • 22.02.2020
  • Pfarrer Martin Hundertmark

 

Neue, fröhliche Lieder zu singen fällt in dieser Woche schwer, liebe Motettengemeinde.

Uns ist eher nach Klageliedern zumute. Wir sind bestürzt und klagen nach dem fürchterlichen Attentat von Hanau. So viel Hass und Gewalt sind unvorstellbar und es dauert eine Weile, bis wir realisiert haben, dass es sich um unsere Wirklichkeit handelt. Von einem Augenblick zum anderen wird das Leben unschuldiger Mitmenschen ausgelöscht – nur weil sie anderer Herkunft waren, anders aussahen oder nicht in ein bestimmtes Weltbild passten. Die Trauer ist groß, weit entfernt scheint Trost zu sein.

Ein ganzes Land ist erschrocken, weil es auf grausame Weise vor Augen geführt bekommt – rechtextremer Terror ist eine nicht mehr zu leugnende Realität. Nur wenige Monate sind seit den letzten Anschlägen vergangen. Erst Kassel, dann Halle, nun Hanau und wir wissen instinktiv, dass es wohl nicht der letzte Anschlag gewesen ist. Die Attentäter eint ihre tiefe Abneigung gegen alles, was ihnen fremd ist. Dabei kommt ihnen jeglicher Respekt gegenüber dem menschlichen Leben abhanden. Mehr noch: Sie verhöhnen das Menschsein, indem sie anderen das Recht zu leben absprechen.

Da hilft es wenig, wenn sich die Erkenntnis verdichtet, dass der Attentäter aus Hanau psychisch krank gewesen ist.

Sein Hass und sein abgrundtiefer Rassismus saßen wohl tief und wurden genährt von denen, die beständig von Überfremdung und „wohltemperierter Grausamkeit“ reden.

Irgendwann macht es dann eben klick und ein verwirrter Geist meint, ausführen zu müssen, wo zuvor andere mit geschliffenen Worten sprachen.

 Über uns schweben Wolken aus Angst und Verunsicherung. Wie nun damit umgehen? Mehr Sicherheit wird schnell gefordert. Stärkere Waffengesetze bzw. Waffenkontrollen mögen in die richtige Richtung gehen. Aber wir müssen uns auch vor Augen führen, dass vollkomme Sicherheit eine Illusion bleiben wird. Dafür eigene Freiheit und die Offenheit für anderen Menschen zu opfern – das will wohl überlegt sein. Denn unsere Gesellschaft würde sich dann grundlegend verändern.

Unser Alltag ist verwundet und aufgerissen. Wir trauern und suchen in unserer Trauer Trost, der doch in weite Ferne gerückt zu sein scheint. Denn Gewalttäter zeigen ihre übergroße Macht, so dass wir uns ohnmächtig fühlen. Der Boden unter uns schwankt, Vertrauen aufzubringen in das Leben und auf Gott, ist mehr als schwierig.

Im Psalm 31, der über dem morgigen Sonntag steht, betet die angefochtene Seele:

Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! Um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. (Psalm 31)

Das Bild vom starken Felsen, an dem die wogenden Angstwellen sich brechen kann zum Trostbild werden. Gott als sicheren Zufluchtsort zu erfahren – davon dürfen wir uns erzählen, um uns auch gegenseitig zu stärken.

So entsteht ein trotziges „Aber“. Es darf nicht verschwinden, dieses christliche „Aber“, weil wir immer Menschen brauchen, die den Mut haben, Gottes Wort auch in schwierigen Zeiten Gehör zu verschaffen.

Seine Worte erzählen vom Frieden. Die Worte seines Sohnes Jesus Christus sind geprägt von Liebe. Beides scheint uns abhandengekommen zu sein. Umso dringlicher wird es für Christen, in der Gesellschaft diese Worte von Liebe und Frieden nicht verstummen zu lassen, sondern ihnen zum Durchbruch zu verhelfen.

In Angst und Furcht zu verharren wird den Attentätern, die mit unserer Angst spielen, Recht geben. Deshalb ist es gut und richtig, wenn dort, wo der Karneval zu Hause ist „das Leben gefeiert wird“, wie es die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker ausdrückte. Gegen die Schrecken des Todes hilft nur, sich der Schönheit des Lebens zu vergewissern, damit Gewalt und Tod am Ende eben nicht die Oberhand gewinnen.

Gegen Angst und Furcht helfen Liebe und Mut.

Mit seiner Einladung, der Liebe und dem Frieden mehr zu vertrauen als der offensichtlichen Realität und dadurch auch den Mut zur Veränderung aufzubringen, hat uns Jesus Christus einen Weg gezeigt, der zum Ausweg wurde.

Durch Christi Zusage, uns nicht im Leid alleine zu lassen, sondern es gemeinsam mit uns zu durchleben, haben wir einen festen Anker. Er gibt dort Halt, wo alles ins Wanken zu geraten droht.

Und, was genauso wichtig ist, wir dürfen uns an seinen Worten orientieren, wenn die Worte der Feinde versuchen, unsere Gesellschaft zu spalten. Wo Worte zur Gewalt verführen wollen, ist die Orientierung an den Friedensworten Christi umso wichtiger.

 „Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen“ –

Das da-pacem-domine-Gebet ist aktueller als wir es uns manchmal wünschten, liebe Gemeinde. Ja, wir brauchen die Bitte um Frieden, vor allem für diejenigen, in deren Herzen sich Hass und Gewaltphantasien eingenistet haben.

Wir brauchen den Frieden in Worten und Taten, damit sich nicht ausbreitet kann, was durch Worte Unheil anrichten will.

Wir brauchen auch den streitbaren Gott als Friedensbringer und Friedensbotschafter, um nicht unterzugehen im alltäglichen Unfrieden, den wir uns gerne selber bereiten.

Wir brauchen den Frieden, weil nur durch ihn Gewalt, Hass und Furcht sich verwandeln können.

Möge uns Gott für seinen Frieden stärken.

Amen.

Pfarrer Martin Hundertmark
hundertmark@thomaskirche.org