Motettenansprache

  • 06.03.2020
  • Pfarrerin Britta Taddiken

Eine „passio secundum Bach“ wird uns heute in dieser Orgelvesper angeboten. Eine Passionsgeschichte nach Bach also mit entsprechenden Werken noch ganz am Anfang der Passions- bzw. der Fastenzeit. O ja, wir haben weiß Gott viele Themen in diesen Tagen und Wochen, in denen uns die Passion, das Leiden vieler vor Augen steht und wir uns damit zu beschäftigen haben. Mit dem, was sich vor Europas Toren an der türkisch-griechischen Grenze abspielt. Mit dem, was die Menschen in Hanau gerade erlebt haben. Nicht zuletzt auch das, was das Thema Corona betrifft und was es schon ausgelöst hat. Viele Fragen treiben uns um, viele Stimmen reden auf uns ein, die wir zu sortieren haben. Kalt oder unbeteiligt lassen kann das eigentlich niemanden.

Zu dieser ersten Woche in der Passionszeit gehört eine Geschichte aus dem Matthäusevangelium, die uns vielleicht in all dem Nachdenken und Hören hilfreich sein kann. Die Geschichte der sog. Versuchung Jesu in der Wüste. Da ist vom Versucher die Rede, vom Teufel. Das mag manchen irritieren, was das soll. Nun die Geschichte beschäftigt sich nicht damit, ob es den Teufel gibt. Sondern mit der interessanteren Frage, was er denn tut. Schon beim ersten Hören ahnt man: Er wirft alles durcheinander: Wahrheit und Lüge, Traum und Realität, Bedürfnis und Verlangen. Und manchmal gelingt es ihm sogar, die Dinge unter Beibehaltung des Wortlauts zu verdrehen. Diabolos, „Durcheinanderwerfer“, so heißt dieser Versucher auf Griechisch. Dreimal versucht er Jesus in der Wüste beizukommen.

Das erste Mal so: Wenn Du Gottes Sohn bist, mach, dass diese Steine Brot werden. Das ist eine Versuchung nach 40 Tagen Fasten. Es ist eine Versuchung, nicht nur weil man sich selbst mit kurzfristiger Sättigung begnügen und sein Menschsein auf die äußeren Bedürfnisse reduzieren würde. Sondern auch, weil der Gedanke natürlich reizvoll ist, dass man den Hunger, den größten Skandal in dieser Welt, beseitigen könnte. Aber was wäre, wenn ein Mensch diese Macht hätte – er könnte und würde sie wohl auch dazu einsetzen, anderen das dringend benötigte Brot zu verwehren! Die eigentliche Versuchung besteht also darin zu meinen, uneingeschränkt und auf Dauer gut und gerecht sein zu können.

Dieser Herausforderung widersteht Jesus genauso wie der zweiten Versuchung: „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich herab von der Zinne des Tempels. Heißt es nicht im Psalm, die Engel werden dich tragen, „dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest?“ Du bist unverletzlich. Du kannst alles erreichen. Hinfallen, abstürzen, das ist etwas für Schwächlinge. Der Teufel verkehrt den Sinn eines Satzes unter Beibehaltung des Wortlauts in sein Gegenteil: die Haltung glaubenden Vertrauens wird zur Rechtfertigung für menschlichen Hochmut und Größenwahn. Vielleicht das perfideste Werk des Diabolos: Mut in Wahnsinn zu verwandeln und Ehrgeiz in Hochmut.

Und die dritte Einflüsterung des Teufels: „Du kannst alle Reichtümer der Welt haben, du musst mir nur dienen.“ Auf den eigenen Vorteil bedacht sein, mehr und mehr haben, für sich zusammenraffen und dafür seine Unabhängigkeit und Integrität aufgeben. Sich abhängig machen von zwielichtigen Größen und Gestalten, die doch letztlich nur eines wollen: Macht und Einfluss über uns ausüben und zwar so, dass wir denken, wir hätten die Kontrolle darüber.

Mit seinen Antworten auf den Versucher zwingt Jesus ihn, das Feld zu räumen und von ihm abzulassen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein sondern von einem jeden Wort, das aus Gottes Mund geht. Hier wird angespielt auf das Schöpfungswort Gottes. Das Wort Gottes erschafft und erhält die Welt, es erhält mein Leben. Gottes Zuwendung zu jedem einzelnen Menschen und dessen Antwort als Glaube und Vertrauen, das ist das, was Jesus predigen wird, nachdem er die Zeit in der Wüste überstanden hat. Zu wissen, wem verdanke ich mein Leben, wer erhält es jetzt auch durch Hunger aller Art und Verunsicherung, Verzweiflung dürrer Lebensabschnitte hindurch – das zerstört den ersten Versuch des Diabolos.

Und das zweite auch, übrigens die Grundlage allen Fastens: Mein Maß zu kennen – oder wieder zu kennen. Ich bin von Gott geschaffen, aber ich bin nicht göttlich. Ich habe Grenzen, der andere hat Grenzen. Ich sollte beide nicht überschreiten. Du sollst den Herrn deinen Gott, nicht versuchen, so die zweite Antwort Jesu.

Und die dritte: Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen. Sein Leben als Dienst zu begreifen, sich im Dienst der heilenden und bewahrenden Kraft Gottes wissen – egal, was man arbeitet, was man tut, wie man lebt, es Gott, aber niemand anderem  geschuldet wissen. Wer aber kann das? Aus sich selbst heraus niemand. Aber mit dem Vertrauen, Anteil zu bekommen an der Kraft Jesu wird es möglich, an der Kraft, mit der er in der Wüste widerstanden hat und mit der er dann endgültig die Macht des Zerstörers zerstört hat: durch Verzicht auf einen zerstörerischen Akt gegen andere, mit dem er sich vor Kreuz und Leiden hätte retten können.

So kommt mit dieser Geschichte von der Versuchung in der Wüste jetzt am Anfang der Passionszeit auch schon ihr Ende in den Blick. Eine Geschichte, die uns einen Weg durch diese Zeit eröffnet und uns anbietet, auf uns zu achten. Und auch wenn das jetzt etwas merkwürdig klingt, heißt die Frage, die sich daraus ergeben kann: Wo sind diese Stimmen in mir, wo versuchen sie mich zu kriegen? Mit den drei Antworten Jesu sind wir gut vorbereitet! Amen.

 

Gebet

Unser Gott,am Ende dieser Woche kommen wir zu Dir mit dem, was uns bewegt. Wir bitten Dich für die Menschen, die in diesen Tagen trauern in Hanau und an anderen Orten. Wir bitten Dich für alle, die verunsichert nach vorne schauen, die nicht wissen, welchen Stimmen sie Vertrauen schenken dürfen und welchen nicht. Sei Du mit deinem Geist bei ihnen, gib ihnen Worte, die sie tragen mitten in der Unruhe unserer Welt. Hilf uns aufmerksam und gelassen alles zu bewältigen, was in der kommenden Woche auf uns zukommt. In Jesus Christus bist Du an unserer Seite, darauf lass uns trauen und mit seinen Worten beten: Vaterunser…

Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche, taddiken@thomaskirche.org