Predigt über Micha 5,1.3-4a im Zusammenhang mit der 1. Kantate aus dem Weihnachtsoratorium BWV 248,1
Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)
Jauchzet, frohlocket
Kantate 1 aus dem Weihnachtsoratorium, BWV 248,1
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Es war vorgestern. Ich rief die Redaktion von BILD Leipzig an, um sie zu bitten, sich um die Schließung der Bahnhofsmission und das Ende der Übernachtungsaktion für Obdachlose in der Kontaktstelle „Oase" zu kümmern und verwies dabei auf die Presseerklärung von Pfarrer Stief und mir. Die sehr freundliche Redakteurin reagierte offenherzig: sie hätte die redaktionelle Vorgabe zu beachten, nach der in der Heiligabendausgabe von BILD nur positive Meldungen Platz haben. Ich erwiderte, dass ein Bericht über die Bemühungen, die Bahnhofsmission zu erhalten, doch für die Betroffenen positiv sei. Aber es gebe doch Streit um die Finanzierung und das sei eben nichts für die Heiligabend-Ausgabe, antwortete sie und vertröstete mich auf nach Weihnachten.
An Weihnachten also nur „Jauchzet, frohlocket", nur „Stille Nacht, heilige Nacht"? Keine Auseinandersetzung, keine Meldungen über das, was in unserer Gesellschaft falsch läuft? Der Wunsch ist verständlich, die Absicht verdächtig. Zwar trage ich die Sehnsucht nach der heilen Welt genauso in mir wie die meisten Menschen in diesen Tagen. Doch ahne ich schon lange, dass dieser von der Wirklichkeit losgelöste Wunsch mit dem Weihnachtsgeschehen relativ wenig zu tun hat. Schon der Evangelist Lukas bettet die Geburt Jesu in die nun wahrlich nicht beschauliche globale Politik vor 2000 Jahren ein und Matthäus macht deutlich, dass sich die weltlichen Herrscher wie Herodes vom ersten Tag des Lebens Jesu an durch diesen bedroht sahen und ihn zu beseitigen suchten.
Diese Zwiespältigkeit zeichnet sich bei aller Festlichkeit der Musik schon in der ersten Kantate des Weihnachtsoratoriums ab. Da wird in der majestätischen Bass-Arie darauf hingewiesen, dass der, der die Welt geschaffen hat und hält, „in harten Krippen schlafen (muss)". Und in der Mitte der Kantate wird der Choral „Wie soll ich dich empfangen" auf die Melodie des Passionsliedes „O Haupt voll Blut und Wunden" gesungen - ein deutlicher Hinweis darauf, dass der, den wir als den Retter empfangen, der ganzen Widersprüchlichkeit dieser Welt ausgesetzt sein wird und unter ihr leidet bis zum Tode am Kreuz. Darum kann es nicht Sinn und Zweck sein, an Weihnachten das, was einem Sinn erfüllten Leben entgegensteht, zu verschweigen. Es kann auch nicht in der Absicht der Weihnachtsbotschaft liegen, sich wie auf Kommando friedlich, barmherzig und liebevoll zu verhalten. Daran scheitern in diesen Tagen nicht nur viele Familien. Nein, an Weihnachten können wir mit freudiger Intensität uns den persönlichen wie gesellschaftlichen Problemen stellen, die uns im Licht der Weihnacht noch näher rücken, die aber auch durch die Geburt Jesu in einem Licht erscheinen, das uns Klarheit verschafft über das, was jetzt dran ist.
Und was ist jetzt dran? Zunächst der Predigttext für diesen 1. Christtag. In diesem Jahr sind einige Verse aus dem Prophetenbuch des Micha, einer Schrift, die uns in eine äußerst angespannte Lage des Volkes Israel im 6. Jahrhundert vor Christus führt: auf der einen Seite ist Israel politisch und militärisch gedemütigt und das durchaus selbst verschuldet, auf der anderen Seite suchen die Menschen nach Möglichkeiten, wie denn die katastrophalen politischen Verhältnisse mit den Glaubensüberzeugungen in Einklang zu bringen, wie die Niederlagen und Demütigungen mit den Verheißungen Gottes Israel gegenüber noch vereinbar sind. In dieser sehr zwiespältigen Situation setzten die Menschen all ihre Hoffnungen auf den Messias - so wie ja auch heute Menschen all ihre Sehnsüchte und unerfüllt gebliebenen Träume in sog. charismatische Persönlichkeiten projizieren. Doch im Gegensatz zu denen, die heute die Rolle eines Heilsbringers annehmen (und ebenso schnell in dieser Rolle verglühen), macht es der Prophet Micha bewusst eine Nummer kleiner. Hören wir also den Predigttext aus dem 5. Kapitel des Prophetenbuches Micha:
Und du, Bethlehem Ephrata,
du kleine unter den Städten Judas,
aus dir soll mir hervorgehen,
der in Israel herrschen soll,
dessen Ursprung in der Vorzeit liegt,
in uralten Tagen.
...
Er wird auftreten
und als Hirte wirken in Gottes Kraft,
in der Hoheit des Namens Gottes, seines Herrn.
Und sie werden ungestört Wohnung nehmen.
Denn dann wird er groß sein
bis an die Enden der Erde.
Und der wird Frieden bewirken.
Micha 5,1.3-4a - Übersetzung nach Hans Walter Wolff
So also hört sich die Erwartungshaltung eines Propheten an, der zuvor den Menschen in Israel in drastischen Worten den Untergang vorausgesagt hatte:
Darum wird euretwegen
Zion zum offenen Feld umgepflügt,
Jerusalem zum Trümmerhaufen
und der Tempelberg dem Wild des Waldes übergeben werden,
Micha 3,12
Das sind Töne, die wir Weihnachten lieber nicht hören wollen. Aber ist uns diese Art von Untergangsstimmung nicht sehr vertraut? Jedem, der sich mit der globalen Wirklichkeit auseinandersetzt, stellt sich über kurz oder lang die wenig weihnachtliche Frage: Hat diese Welt überhaupt noch ein Zukunft? Können wir die Probleme in den Griff bekommen, die unaufhaltsam auf uns zurollen: Überbevölkerung, Klimawandel, kriegerische Verteilungskämpfe, atomare Selbstvernichtungsmöglichkeiten. Haben unsere Kirchen überhaupt noch eine Chance, wenn wir an die zukünftigen Weltmächte denken: China mit seiner rigiden Religionspolitik und die islamische Welt, die die Reformation noch bevorsteht? Und was ist, wenn wir daran denken, dass immer mehr Menschen den Problemen der Zivilisation gar nicht mehr gewachsen sind und an ihrer Seele großen Schaden nehmen? Da spüren wir zweierlei: unsere eigene Ohnmacht und unsere Sehnsucht nach einer glaubwürdigen Hoffnungsperspektive. Diese nun versucht der Prophet Micha trotz aller Kritik zu entwickeln, indem er den tief verunsicherten Menschen in Israel zuruft: auch wenn ihr euch noch so verrannt habt - nichts ist verloren, weil Gott uns trotz allem nicht aufgibt. Er macht mit uns einen neuen Anfang. In vier Schritten beschreibt Micha den Neuanfang, den Gott uns verheißt:
1.
Und du, Bethlehem Ephrata,
du kleine unter den Städten Judas,
aus dir soll mir hervorgehen,
der in Israel herrschen soll,
dessen Ursprung in der Vorzeit liegt,
in uralten Tagen.
Micha zeigt als erstes an: Gott will zu seinen Anfängen zurückkehren. Alles, was sich wie ein dichter Nebel über die Geschichte zwischen Gott und uns Menschen gelegt hat, alles Scheitern und Versagen, alle Kriege und Verbrechen, alle Krankheiten und Trostlosigkeiten lichten sich und es kommt das Leben zum Vorschein, wie Gott es einstmals gemeint hat. Diese Erinnerung an den Ursprung ist bei den Propheten verbunden mit der der gesellschaftlichen Wirklichkeit und politischen Entwicklung. Denn er will keine Scheinwelt aufzeigen, sondern - wie später in der Weihnachtsgeschichte - die Welt in ein neues Licht eintauchen. Da lässt Gott mitten im Weltgetümmel des Augustus und Herodes im Kaff Bethlehem in einem Stall die Geschichte neu beginnen - und zwar in der Weise, dass er an der Krippe die versöhnte Schöpfung Aufstellung nehmen lässt: Ochse und Esel, Schafe, die Hirten und die Könige. Wie feindlich begegnen sich diese Kreaturen, wenn sie nicht von Gott zusammengerufen werden.
2.
Micha, der Prophet, blickt aber nicht nur zurück zum Ursprung aller Dinge. Er richtet in einem zweiten Schritt seinen Blick in die Zukunft:
Er wird auftreten
und als Hirte wirken in Gottes Kraft,
in der Hoheit des Namens Gottes, seines Herrn.
Schon in dieser prophetischen Weissagung wird angedeutet, dass Gott mit seinem neuen Entwurf vom Leben Abschied nehmen will von einer gescheiterten Menschheitsgeschichte, die sich auf Herrschaft und Unterdrückung gründet. Gott schickt seinem eigenen Volk, das in sich zerstritten ist und am Boden zerstört daliegt, nicht einen neuen Herrscher, der mit Macht und Gewalt, mit Krieg und Zerstörung die Verhältnisse umkehrt. Deswegen sagt der Prophet das Kommen eines Anti-Herrschers voraus. Und tatsächlich: mit Jesus Christus nimmt Gott Abschied von der gescheiterten Gewaltgeschichte der Menschen. Jesus ist kein rund erneuerter Augustus oder Herodes. Zu ihm passt nur das eine Bild, nämlich das des Hirten. Einer, der bewahrt, schützt, Geborgenheit verleiht. Einer, der sich um die Verlorenen kümmert und die Heimatlosen zusammenführt. Einer, der nicht auf den eigenen Vorteil aus ist. Einer, der dies alles in der Bindung an den lebendigen Gott tut - immer darauf bedacht, dass wir ungestört in seinem Haus Wohnung nehmen können.
3.
Und das ist der dritte Schritt für den Neuanfang:
Und sie werden ungestört Wohnung nehmen.
Eine tröstliche Botschaft für alle, die umherirren, auf dieser Welt heimatlos geworden sind, ins Exil müssen oder in die innere Imigration gegangen sind; eine gute Nachricht für alle, die sich in ihrem eigenen Leben nicht mehr zurechtfinden, die nach neuem Vertrauen und nach Heimat suchen: sie bekommen durch den guten Hirten ein neues Zuhause. Aber es ist ein anderes Zuhause, als wir es uns vorstellen: nicht unbedingt das feste Dach über dem Kopf; nicht eine Suite im Seitenflügel eines Palastes. Nein - das neue Zuhause ist der Stall mit der Krippe, es ist das Kind. Aber in diesem Zuhause macht mir niemand meinen Platz streitig. Von dort kann ich nicht vertrieben werden. Und der Weg dorthin ist kein Umherirren, kein vergebliches Suchen. Der Weg führt zum Vertrauen auf den guten Hirten, der mich geleitet und nicht mehr loslässt - auch wenn ich durch finstere Nächte und tiefe Täler geführt werde.
Und nun fragen wir: Was können Hirten, was kann der Hirte schon bewirken? Was helfen die Bilder vom Hirten in einer Welt reißender Wölfe? Immerhin, dass wir uns heute - 2000 Jahre nach der Geburt Jesu - dem entscheidenden Thema der Weihnacht, auch der entscheidenden Hoffnung des Micha zuwenden, das verdanken wir den Hirten. Sie breiteten damals das Wort aus, das zu ihnen gesagt war. Und gesagt war ihnen das Wort, das wir beim Propheten Micha finden:
Und der wird Frieden bewirken.
4.
Das ist nun der vierte Schritt des neuen Anfangs. Der Prophet spricht dem unscheinbaren Hirten die Fähigkeit zu, die wir normalerweise solch schwächlichen Figuren absprechen, aber hoch gerüsteten Mächten zubilligen: Frieden bewirken. Doch der Schalom, Frieden und Gerechtigkeit, den Gott den Getrösteten und Befreiten durch Jesus verheißen hat, ist weit mehr, als sich die Militärs zu allen Zeiten haben ausmalen können. Im Prophetenbuch des Micha heißt es an anderer Stelle:
Sie schmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen um
und ihre Lanzen zu Winzermessern.
Nicht mehr zückt Volk wider Volk das Schwert,
nicht mehr lernen sie weiter den Krieg.
Ein jeder wird unter seinem Weinstock sitzen
und unter seinem Feigenbaum, und keiner schreckt auf.
Micha 4,3b-4
Erinnern wir uns noch, welche Kraft der Erneuerung vor über 20 Jahren von diesem Micha ausging: Schwerter zu Pflugscharen? Alles vergessen? Alles Schnee von gestern, wenn wir an Afghanistan denken, an diese milliardenteure Illusion, man könne durch Gewalt Völker befrieden? Es mag ja sein, dass wir nach einem kriegstrunkenen 20. Jahrhundert manche aufgeklärte Illusion über die Friedensfähigkeit von uns Menschen verloren haben. Es mag ja sein, dass wir weniger denn je daran glauben, ohne Gewaltanwendung Konflikte lösen und das Zusammenleben der Völker gestalten zu können. Dennoch geht die prophetische Hoffnung in eine andere Richtung: der, der in Bethlehem geboren wird; der, der als Hirte auftreten wird; der, der auf alle Gewaltmittel verzichten wird, der wird Frieden bewirken.
So möchte ich am Schluss auf ein Problem hinweisen, durch das die Weihnachtsbotschaft mit unserem Alltag verbunden wird: Mit dem Wegfall der Wehrpflicht geht uns leider eine notwendige Auseinandersetzung zwischen Kriegs- und Zivildienst verloren. Die Folgen davon sind noch gar nicht absehbar. Ich denke jetzt nicht an die erheblichen Lücken, die durch den Wegfall des Zivildienstes in sozialen Einrichtungen entsteht. Vielmehr ist zu befürchten, dass der zivile Friedensdienst als kritische Alternative zur militärischen Intervention in unserer Gesellschaft nicht mehr präsent ist, dass junge Menschen nicht mehr um ihre persönliche Haltung in Sachen Krieg und Frieden ringen müssen und dass langfristig eine kritische Infragestellung des gefährlich Selbstverständlichen, nämlich mit Gewalt Konflikte lösen zu wollen, aus der gesellschaftlichen Debatte verschwindet.
So wollen wir uns heute an den großen Friedensbogen unseres Glaubens erinnern lassen: er spannt sich von der Schöpfung, vom Ursprung aller Dinge, bis zur neuen Welt Gottes. Unter diesen Bogen haben wir uns immer wieder zu stellen, von ihm auch zu künden. Und die Spannung des Friedens wird gehalten durch den, dessen Geburt wir heute feiern: Jesus Christus. Lasst uns Teil dieser spannenden, weltumspannenden Friedensgeschichte bleiben und neu werden.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



