Predigt über Titus 3,4-7
Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage
Kantate für den 1. Weihnachtsfesttag
aus dem Weihnachtsoratorium, BWV 248/1
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Weihnachten - das ist mehr als ein Paukenschlag in der Weltgeschichte. Weihnachten ist die Geburtsstunde einer neuen Anschauung dieser Welt, die uns bis heute Revolutionen, neue Aufbrüche ermöglicht - Sturz der Machtbesessenen, Erhebung zerschlagener Gemüter. Eine gute Nachricht für alle, die nichts, was jetzt ist, als gegeben hinzunehmen bereit sind - schon gar nicht Unrecht und Lebenszerstörung. Es ist kein Zufall, dass Johann Sebastian Bach an den Anfang des Weihnachtsoratoriums fünf Paukenschläge setzt. Dann lässt er die Trompeten erklingen - Fanfaren, die wie ein sich aufrichtender Mensch nach oben streben und eine neue Epoche einläuten.
Die Geburt des Kindes in Krippe und Stall war nach 1.734 Jahren nicht mit säuselnden Flötentönen zu verkünden. Das Geschehen von Bethlehem gehört auch heute in die Schlagzeilen. Denn es soll kein Zweifel aufkommen: die Herren der Welt, die Augustus und Herodes aller Zeiten, müssen weichen, wenn unser Herr kommt, als Kind in der Krippe. Da besteht für Bach aller Grund, für das Kommen Gottes die gleiche Instrumentierung zu verwenden wie zur Huldigung eines weltlichen Herrschers: Pauken und Trompeten. Und gleichzeitig fahren die Streicher in rasenden 32stel-Noten aus höchsten Höhen durch vier Oktaven abwärts: aus dem geöffneten Himmel steigt Gott hinunter auf die Erde. Damit wird das verbunden, was bei uns so auseinanderklafft: Himmel und Erde, Macht und Ohnmacht, Hoffnung und Banalität des Alltags, Vision und Tristesse der Wirklichkeit. Alles Klagen, alles Zagen können, ja müssen verstummen - nicht weil es dafür keinen Grund mehr gibt. Natürlich herrscht an vielen Orten weiter das Gesetz des Stärkeren, brutal werden Machtinteressen mit Waffengewalt durchgesetzt und der Bereicherungstrieb einiger Weniger drangsaliert weiter Menschen und die Natur, es wird gelitten und bis auf's Messer gestritten. Aber: dahinter verbirgt sich keine Zwangsläufig-, und schon gar keine Naturgesetzlichkeit. So rückt in den Mittelpunkt das, was wir mit dem Kommen Gottes verbinden können: der Frieden, die Gerechtigkeit, die Würde eines jeden Menschen. Diese Signale bleiben, auch wenn das
Jauchzet, frohlocket
verklungen und die Paukenschläge verhallt sind. Dann wird deutlich, was tatsächlich geschehen ist:
Er ist auf Erden kommen arm,
Dass er unser sich erbarm
Und in der triumphalen Bass-Arie wird der Gegensatz zwischen der Macht Gottes und der Erbärmlichkeit der Krippe noch einmal verdeutlicht:
Der die ganze Welt erhält,
Ihre Pracht und Zier erschaffen,
Muss in harten Krippen schlafen.
Dieses Kontrastprogramm Gottes ist der eigentliche Paukenschlag an Weihnachten. Ihn gilt es jedes Jahr neu zu inszenieren, zu hören, zu verstehen - vor allem aber umzusetzen in die Wirklichkeit des Lebens. Vor dieser Aufgabe standen schon die ersten Zeugen der Geburt Jesu: die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland. Noch heute spürt man den alten Erzählungen ab, welche Mühe es ihnen bereitete, mit der völligen Verkehrung der Verhältnisse zurecht zu kommen. Aber wenn sie sich nicht hätten ergreifen lassen von der Botschaft der Engel, wenn sie sich nicht hätten aufrütteln lassen von dem grandiosen Geschehen in der heiligen Nacht, dann würden wir heute in der gleichen Ahnungslosigkeit auf dieser Erde herumirren, wie es all die Menschen tun, die entweder nichts von Gottes Kommen wissen oder die jedes Jahr neu aus Weihnachten einen belanglosen Feiermarathon machen, an dem die Augustus und Herodes dieser Welt nur ihre Freude haben können.
Also ist es unsere Aufgabe - auch ohne die großartige musikalische Untermalung eines Weihnachtsoratoriums - zu begreifen, was denn in Bethlehem geschehen ist. Wir wollen dies heute Morgen versuchen, indem wir uns dem Predigttext für diesen 1. Christtag zuwenden - ein Abschnitt aus dem Titusbrief, einer Schrift aus der Anfangszeit der Kirche, um 100 nach Christus entstanden. In diesem Brief werden erste Grundregeln für das Leben der Christen entwickelt und wesentliche Glaubenseinsichten festgehalten. Im 3. Kapitel lesen wir:
4 Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, 5 machte er uns selig - nicht um der Werke der Gerechtigkeit willen, die wir getan hatten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, 6 den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, 7 damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben des ewigen Lebens würden nach unsrer Hoffnung.
Titus 3,4-7
Ein Bandwurmsatz - aber auch einer, der es in sich hat. Schon die beiden ersten Stichworte geben die einzig angemessene Tonlage an, in der wir über unser Leben, über diese Welt, über das Morgen nachdenken können:
die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes
Das ist die Überschrift von Weihnachten und das ist der Inhalt der ganzen biblischen Botschaft von Gott. Leider ist ja im Verlauf der Geschichte, die sich zwischen Gott und Mensch abspielt, ein Zerrbild entstanden: da reden nicht wenige von einem rach- und eifersüchtigen Gott, der einen geradezu zynischen Spaß zu empfinden scheint, den Menschen zu quälen und zu demütigen - so auch der englische Biologe und Chefideologe des neuzeitlichen Atheismus, Richard Dawkins, der in Gott nur noch einen „frauenfeindlichen, ... rassistischen, mordenden, ... größenwahnsinnigen, sado-masochistischen, launenhaft böswilligen Tyrannen" sehen kann. Wer immer ein solches Bild von Gott in sich trägt, muss sich ernsthaft fragen lassen, wie es dazu kommen kann, dass er den Schöpfer seiner selbst nur als unerbittlichen Feind des Lebens betrachtet. Denn von der Menschenliebe und Freundlichkeit Gottes ist von der ersten Seite unserer Bibel an die Rede. Und die größten Menschenfreunde in der Weltgeschichte haben sich - unabhängig von ihrer religiösen Bindung - auch der Tradition der biblischen Botschaft und dem Auftrag des Gottes verpflichtet gefühlt,
• der das Universum geschaffen und die Schöpfung als gut befand;
• der das erste Versagen des Menschen nicht dazu genutzt hat, ihn zu vernichten, sondern ihm die Freiheit verliehen hat, sich zwischen gut und böse, richtig und falsch zu bewegen und entscheiden zu können.
• der den Mörder Kain nicht mit dem Tode bestraft, sondern ihn gelehrt hat, mit seiner Schuld zu leben.
• der die Verfehlungen des Menschen in Gutes umdenkt - auch über den Umweg, dass wir Menschen die Konsequenzen unseres Handelns zunächst selbst ausbaden müssen.
In diesen Konfliktsituationen hat Gott uns Menschen immer als eigenständige Persönlichkeit anerkannt und gewürdigt. Doch damit kommt die Kategorie ins Spiel, mit der wir uns schwer tun: die Verantwortung. Auch das haben wir uns in Erinnerung zu rufen, wenn wir von der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes sprechen. Diese verhindert nicht, dass wir die Folgen unseres Denkens und Handelns zu tragen haben, dafür also verantwortlich sind. Nur - unser Leben steht dennoch unter der Verheißung, die in Krippe und Stall geboren wird: Freundlichkeit und Menschliebe.
Diese Verheißung, die wir uns nicht verdienen können, gilt es allen Katastrophenszenarien, allen Zwangsläufigkeiten entgegen zu setzen. Gerade ist in den Kinos der Film „2012" angelaufen. Ausgehend vom Maya-Kalender, der den Weltuntergang für den 21. Dezember 2012 vorhersagt, wird mit allen filmischen Tricks eine gigantische Apokalypse dargestellt. Lassen wir einmal beiseite, dass der 21. Dezember der Tag des Heiligen Thomas ist , des Namenspatrons unserer Kirche und des Thomanerchores, und dass wir 2012 das 800jährige Jubiläum von Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule feiern, wir also mit 2012 und dem 21. Dezember eigentlich nur positive, hoffnungsvolle Gedanken verbinden - man fragt sich, was denn ein solcher Film bezwecken will und welche Botschaft von ihm ausgehen soll - außer dass er Ängste schürt, Furcht weckt, Aussichtslosigkeit fördert und die Fatalisten darin bestätigt, dass es sowie sinnlos ist, sich für den Bestand dieser Erde einzusetzen. Und so wird vielen Menschen die Kraft geraubt, sich der ganz anderen Geschichte zu öffnen - nämlich der, die vor 2000 Jahren wie ein Paukenschlag in unser Leben eingebrochen ist, dessen Nachhall noch heute zu spüren ist. Dieser Paukenschlag ist verbunden mit Licht in der Finsternis, mit dem Ruf „Fürchtet euch nicht", mit Freude, die allen Schrecken vertreiben will, mit der Geburt eines Kindes, das Zukunft eröffnet, und mit der Verheißung und dem Auftrag: der Erde Frieden und den Menschen Gerechtigkeit zu bereiten.
Damals, in Bethlehem, kamen darin die Menschenliebe und die Freundlichkeit Gottes zum Vorschein. Und diese Freundlichkeit und Menschenliebe sollen auch in unseren Gottesdiensten und in dem, wie wir auf dieser Erde miteinander umgehen, deutlich werden. Aber - und dass wird an Weihnachten nun auch sehr klar: mit der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes haben sich die Unfreundlichkeiten und der Menschenhass nicht in Luft aufgelöst. Diejenigen, die wie Augustus und Herodes allein auf Macht, Gewalt, Unrecht, Eigennutz setzen, wüten weiter unter uns. Wir werden jeden Tag Zeugen davon, wie stark der Kontrast zwischen unserer Wirklichkeit und der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes ist.
Dennoch haben wir keinen Grund, von den neuen Möglichkeiten abzulassen. Schließlich ist im Kind in der Krippe die Zukunft lebendig geworden, die Gott uns mit seiner Liebe verheißt. In Jesus finden wir die Maßstäbe, die wir brauchen, um in drei Jahren, 2012, nicht einen Schrecken zu inszenieren, sondern um ein Fest zu feiern, das vor allem eines zum Inhalt hat: die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. Denn nur dieser Inhalt kann erklären, warum sich eine Tradition wie die Thomana so lange halten kann über alle Verwerfungen, Brüche und Zerwürfnisse und eigenes Versagen hinweg. Nur wenn wir im Glauben, Singen und Lernen uns von Freundlichkeit und Menschenliebe leiten lassen, werden wir auch glaubwürdig von Hoffnung sprechen können, zu der wir berufen sind und von der wir als Christen in dieser Welt Zeugnis ablegen sollen.
Wenn es im Titusbrief heißt, dass wir als Christen durch das „Bad der Wiedergeburt" gegangen und durch den Heiligen Geist in unserem Denken erneuert worden sind (damit wird auf die Taufe angespielt), und wenn der Briefschreiber davon spricht, dass wir uns als „Erben des ewigen Lebens" verstehen und auf die neue Welt Gottes auch unsere Hoffnung ausrichten sollen, dann können wir das nur, wenn wir dieses Erbe auch pflegen, unseren Lebensalltag bestimmen lassen von der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. Wir tun gut daran, in diesen Weihnachtstagen intensiv über Freundlichkeit und Menschenliebe nachzudenken und der notwendigen Erneuerung Raum zu geben. Lassen sie mich dazu ein paar konkrete Hinweise geben:
• Wir können von der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes nur sprechen, wenn wir unseren Glauben auch leben und uns dabei unserer Wurzeln und Traditionen bewusst sind und diese lebendig erhalten. Wer das für überflüssig erachtet, wird schneller als ihm lieb ist zu spüren bekommen, wie schnell Freude und Liebe auch im gesellschaftlichen Zusammenleben austrocknen. Daran sollten auch die militanten Agnostiker denken, die sich loskoppeln wollen von jeder religiösen Perspektive des Denkens, des Lehrens und Lernens, und die sich damit ebenso auf dem Holzweg befinden wie religiöse Fundamentalisten.
• Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes müssen sich aber auch im Zusammenleben der Menschen niederschlagen. Als Christen können und dürfen wir uns nicht anstecken lassen von der um sich greifenden Kriegslogik, die besagt: wenn Soldaten in ein Krisengebiet geschickt werden, dann sei es blauäugig anzunehmen, dass sie dort Blumen gießen. Blumen gießen ist allemal besser, als Steppen herbeibomben. Wir sollten das kollektive, politpubertäre Muskelspiel in Sachen Militäreinsätze sein lassen - zumal sich darin nur die zunehmende innergesellschaftliche Gewaltbereitschaft widerspiegelt. Stattdessen stehen wir vor der Aufgabe zu prüfen, welche politischen Maßnahmen am ehesten der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes entsprechen. Kriegerische Gewalt steht nun einmal und Gott sei Dank in einem krassen Widerspruch zu der Menschenliebe, die Jesus gelebt hat und von der sich weltweit Menschen aus allen Kulturkreisen immer wieder ergreifen und anstecken lassen.
• Und schließlich sind es die beiden Stichworte Freundlichkeit und Menschenliebe, die als fundamentaler Einspruch gegen jede Form von religiöser Intoleranz gelten können, auch als Einspruch gegen ideologisch begründete Menschenverachtung und -verfeindung, wie wir sie insbesondere im rechtsradikalen Lager vorfinden. Gerade an Weihnachten haben wir besonders aufmerksam zu sein für ein gerechtes Miteinander der Religionen und Kulturen auch in unserer Stadt. Es ist ein krasses Missverständnis, wenn wir das offene Bekenntnis zu Jesus Christus zum Anlass nehmen, gegenüber anderen Glaubensrichtungen Drohgebärden einzunehmen bzw. diesen angstvoll zu begegnen. Minarette sind wahrhaft keine Bedrohung. Bedrohlich ist, wenn wir uns militant abgrenzen und womöglich das kopieren, was wir an anderen kritisieren. Schließlich waren an der Krippe Menschen aus allen Erdteilen versammelt und konnten nicht anders, als sich in der Anbetung des Kindes zu vereinen.
Wenn wir in diesen Weihnachtstagen an die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes erinnern, sie bei uns selbst und bei unserem Nächsten anmahnen, dann bedarf es durchaus einiger Paukenschläge. Aber diese dienen nur dem, dass wir allen Kleinmut, alle Verzagtheit, alles Klagen überwinden und uns von der Hoffnung anstecken lassen, die das größte Geschenk der Weihnacht ist.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



