Ansprache zur Christvesper (Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2,1-20)
AnspracheJedes Jahr bewegt sie mich neu - die Frage: Was ist dran an Weihnachten? Und jedes Jahr reizt sie mich - die Doppeldeutigkeit der Frage:
• Was also ist der Wahrheitsgehalt der alten Geschichte von Maria und Joseph und dem Kind in der Krippe?
• Und was muss jetzt zur Sprache gebracht werden?
Eines ist sicher: wenn nichts dran wäre an der Geburt Jesu, dann würden wir heute nicht in dieser prall gefüllten Kirche zusammen sein. Und wenn wir nicht mehr benennen können oder wollen, welche Weichenstellungen, welche Zielvorgaben, welche Verantwortung sich aus der Christgeburt für uns heute ergeben, dann sollten wir das Weihnachtsfest wirklich dem gleichnamigen Mann überlassen.
Es muss vor 2000 Jahren etwas geschehen sein, was uns Menschen auch heute ergreift und uns im tiefsten Innern anrührt. Paul Gerhardt versuchte es vor 350 Jahren im gerade gehörten Choral „Ich steh an deiner Krippen hier" in Worte zu fassen:
O dass mein Sinn ein Abgrund wär
Und meine Seel ein weites Meer,
Dass ich dich möchte fassen!
Nun offenbaren aber meine Sinne oft genug einen Abgrund, vor dem ich mich fürchte, und meine Gedanken verlieren sich angesichts der Zerstreuungsangebote wie in einem weiten Meer. Und genau da liegt mein, liegt das Problem vieler Menschen: dass wir nichts mehr richtig auf die Reihe bekommen, dass uns die Unübersichtlichkeit lähmt und dass uns im ganzen Wust der Adventszeit die Orientierung verloren geht: hier eine Spende abgeben, dort das Krippenspiel meiner Tochter anschauen, den Sohn rechtzeitig zur Weihnachtsfeier im Fußballclub abliefern, dann das Jahresgespräch mit dem Chef, schließlich die Steuererklärung beim Finanzamt einwerfen, schnell die Schlagzeilen lesen: Klimagipfel gescheitert, Minarette verboten, und ganz pikant heute die LVZ „Festbraten - nur jede zehnte Gans aus Sachsen". Wer vermag dabei noch zu gewichten zwischen sinnvoll und entbehrlich; wer kann erfassen, was heute an Weihnachten noch bedeutungsvoll sein soll; wer hat die Ziele vor Augen, die Gott uns mit Jesus schenkt?
Doch das ist nur die eine Perspektive - der verengte Blickwinkel, im Diesseits gefangen, nichts mehr erwartend. Die andere Perspektive sieht so aus: Gott eröffnet mit dem Geschehen in Bethlehem dieser Welt und mir selbst eine neue Geschichte: sie beginnt mit dem Kind in der Krippe, dem Menschen Jesus. Sie spielt sich abseits aller Abgründe und Meerestiefen ab und ist darum kaum fassbar (und zunächst genauso versteckt wie unsere Krippe in der Thomaskirche). Und dennoch ereignet sie sich:
• dort, wo wir unser Leben im Licht der Weihnacht sehen, überprüfen und neu ausrichten;
• dort, wo wir wie die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland aufbrechen und an der Krippe eine Ahnung vom friedlichen, gerechten Zusammenleben der Völker und Religionen bekommen;
• dort, wo jeder Mensch seine Würde und seine Aufgaben entdecken kann und wo wir wieder spüren: Glauben bedeutet Befreiung aus selbst und fremd verschuldeter Unmündigkeit.
Alle, die heute Gottesdienste aufsuchen, treibt ja die untrügliche Ahnung an ungewohnten Ort: die alte Weihnachtsgeschichte aus Lukas, das Original von Weihnachten, beinhaltet all das, wonach ich mich sehne und was ich suche: Anerkennung, Selbstvertrauen, Orientierung. Es ist tatsächlich so: aus der Weihnachtsgeschichte können wir wesentliche Hinweise schöpfen, was jetzt dran ist. Ich möchte heute Abend drei Hinweise geben:
• Dran sind jetzt alle, die traurig, vom und zu Tode betrübt, niedergeschlagen und verbittert sind - und die sich deswegen vor diesen Tagen fürchten. Aber warum fürchten? Wem rufen denn die Engel zu: „Fürchtet euch nicht"? Nicht den Starken, sondern den vom Leid Gebeutelten und Geschwächten. Darum: in keiner anderen Zeit als in dieser finden wir so viel Trost. In keiner anderen Nacht als in dieser kommt Gott den Traurigen so nahe. An keinem anderen Tag werden wir so eindringlich neu ins Leben gerufen wie an Weihnachten. Denn es soll uns traurigen Menschen doch so gehen wie den Hirten. Als die Engel gen Himmel fuhren, da hatten sie verstanden: Jetzt sind wir dran und sie brachen auf. Alle Lähmung war überwunden.
• Und darum ist als Zweites der Aufbruch dran - Aufbruch aus Selbstverliebtheit und Selbstmitleid. Wir leben in einem merkwürdigen Widerspruch: auf der einen Seite herrscht große Unzufriedenheit vor, auch Angst vor der Zukunft und das Gefühl, es geht nicht (mehr) gerecht zu. Das spüren der Studierende, der Hartz IV-Empfänger, der Mittelständler, die Rentnerin auf je unterschiedliche Weise. Auf der anderen Seite ist kaum Aufbruch zu spüren und kaum einer vermag ein Bild zu entwerfen von dem, wie denn unser Leben in Zukunft aussehen soll. Das war bei den Hirten anders. Als die Klarheit des Herrn sie umleuchtete, wollten sie wissen, was es auf sich hat mit den neuen Aussichten. Und als sie das Kind in der Krippe sahen, da spürten sie: hier werden neue Lebensziele benannt. Hier in der Krippe wird ein neues Bild vom Menschen entworfen. Hier erfahre ich, was aus meinem Leben werden kann. Mit diesen Erfahrungen kommt es zum zweiten Aufbruch: die Hirten gehen von der Krippe unter die Menschen - als Wissende, was jetzt dran ist. Sie können Antworten geben auf die eine Frage: was soll aus uns Menschen, aus dieser Welt werden? Ja, was soll aus unseren Kindern werden? Was soll aus Schülerinnen und Schülern, aus einem wohnsitzlosen Mann werden? Welche Zukunft steht ihnen bevor? Die Antwort finden wir in der Krippe: Menschen sollen aus ihnen werden. Menschen, die ihr Leben als Geschenk ansehen, die sich ihrer Berufung bewusst sind und die darauf vertrauen: ich muss mich nicht selbst begründen, denn das Kind in der Krippe ist der Grund meines Lebens.
• Und dann ist als Drittes dran der Frieden:
... und auf Erden Frieden
singen die Engel - nicht als belanglose Plattitüde, sondern als konkrete Zusage und Aufgabenstellung. Diese Botschaft erreicht uns nicht aus Washington, Rom, Jerusalem oder Berlin. Sie kommt von ganz Oben, aus dem Himmel, von Gott. Sie ist dem Kind in der Krippe ins Gesicht geschrieben. Wer dieses mit Freude ansieht und anbetet, nimmt bewusst Abschied von allen grausam-hohlen Kriegsphrasen, die sich leider wieder schleichend in unser Bewusstsein einnisten. Wenn wir heute mit Recht die Wertegemeinschaft des christlich geprägten Westens beschwören und diese in einer multireligiösen Gesellschaft profilieren wollen, dann kann dies nur mit dem Kind und durch seinen Frieden geschehen, aber nicht dadurch, dass wir - wo auch immer - der Menschen Zukunft und ihre kulturelle Herkunft mit kriegerischen Mitteln zerstören. An der Krippe steht die Frage an: Jesus oder Herodes, Christus oder Augustus. Schon damals war dies auch eine politische Frage. Und sie ist es heute auch. Wir werden uns entscheiden müssen zwischen einer Zukunftsgestaltung, die bewusst auf die Gewaltlosigkeit Jesu setzt, und dem Versuch, Machtinteressen notfalls mit kriegerischen Mitteln durchzusetzen. Natürlich wird es auch auf dem Weg der Gewaltlosigkeit Scheitern, Versagen, Sterben geben. Das wird allein schon an dem vom ersten Tag an gefährdeten Leben Jesu deutlich. Es endete schließlich mit dem Gewalttod am Kreuz. Aber Gott hat daraus nicht die Konsequenz gezogen: Tut mir leid, ich habe mich geirrt, es geht bei euch Menschen nur mit Gewalt. Nein: am Ende wurde die Erkenntnis vom Anfang bekräftigt. Auch am Kreuz hat der Gesang der Engel von Bethlehem nichts von seiner Aktualität eingebüßt:
Gott die Ehre,
der Erde Frieden,
den Menschen Gerechtigkeit.
Das alles ist jetzt dran. Keine billige Vertröstung, sondern eine große Verheißung und ein Auftrag. Beides verdanken wir dem Kind in der Krippe. Noch stehen wir davor - schauend und anbetend. Aber nachher gehen wir hoffentlich als Wissende, Glaubende, Getröstete aus der Kirche und tun dann mit Freude das uns Mögliche. Amen.



