Predigt über Phlipper 4,4-7

4. Advent - 20. Dezember 2009
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Weihnachten ist das Fest der Gegensätze. In keiner anderen Zeit wird der Widerspruch zwischen dem, wie wir tatsächlich leben, und dem, wie wir eigentlich unser Dasein zu gestalten hätten, so sichtbar wie am 24. und 25. Dezember. In der Heiligen Nacht prallen aufeinander: der Gesang der Engel vom Frieden auf Erden und der Bombenhagel auf Menschen und Städte in den Kriegsgebieten. In der Heiligen Nacht stoßen zusammen: das Licht der himmlischen Heerscharen und die grelle Finsternis in den heruntergekommenen Wohnsilos. In der Heiligen Nacht treffen aufeinander: die wohlhabenden Weisen aus dem Morgenland und die armen Hirten vom Felde; das Kind in der Krippe, das die Zukunft vor sich hat, und der von Krankheit geschundene Mensch, der dem Tod entgegen geht.

Und nun stellt sich die Frage: Ertragen wir diese Gegensätze oder versuchen wir das, was nicht zusammengehört, getrennt zu halten? Hier die heile Welt, dort das Jammertal; hier der Frieden, dort der Krieg; hier die Reichen, Starken, Schönen, dort das beschädigte, unansehnliche Leben. Wir leben in einer Gesellschaft, die täglich der Gefahr erliegt, das Elend auszugrenzen, den Krieg zum Frieden zu erklären, Mauern zwischen arm und reich zu bauen. Dabei müsste uns eigentlich bewusst sein, worin eine Ursache dieser Gegensätzlichkeit liegt: dass wir Menschen - seit Adam und Eva die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen haben - eben gut und böse, richtig und falsch handeln können, also die Widersprüche in uns tragen, die wir gleichzeitig zu verdrängen versuchen. Auf der einen Seite wissen wir, was Gott von uns erwartet, welche Spur Jesus Christus uns gewiesen hat. Aber auf der anderen Seite tun wir doch nur das, was uns zum eigenen Vorteil gereicht, was unseren selbstsüchtigen Interessen dient - auch auf die Gefahr hin, dass daran Mensch und Natur vor die Hunde gehen. Da geht es in unseren Häusern und in uns selbst nicht viel anders zu als in den Konferenzsälen von Kopenhagen.

In der Advents- und Weihnachtszeit brechen all diese Gegensätze von Neuem auf. Da hilft auch nicht, dass für die Feiertage in zerstrittenen Familien ein Stillhalteabkommen und zwischen verfeindeten Völkern eine Waffenruhe vereinbart werden. Das hat eher etwas peinlich Lächerliches an sich. Wer krampfhaft versucht, die Gegensätze zuzuschütten, dem werden sie wenig später mit Macht um die Ohren fliegen. Aber: an Weihnachten können wir die Gegensätze in einem neuen Licht sehen, weil unsere Welt neu ausgeleuchtet wird - und zwar so, dass zusammengeführt wird, was sich eigentlich ausschließt: Licht und Finsternis, Freude und Traurigkeit. Im Stall an der Krippe hört alle Schwarz-Weiß-Malerei auf und alle Einteilungen in rechts und links, oben und unten, Rassen und Klassen brechen in sich zusammen. Im Stall von Bethlehem kommt das Helle, das Heile, das Heil der Welt in den Blick, ohne dass die raue Wirklichkeit ausgeklammert wird.

Und nun werden sich einige fragen, warum ich schon am 4. Advent so rede, als wäre Weihnachten. Die Antwort lautet: Zum einen will ich uns allen Mut machen, in diesen Tagen den Gegensätzen nicht auszuweichen. Oder positiv ausgedrückt: es gibt viele gute Gründe, Weihnachten kräftig und ausgiebig zu feiern. Zum andern hören wir jetzt einen Predigttext, der nur dann zu verstehen ist, wenn wir um seine Gegensätzlichkeit wissen. Er stammt vom Apostel Paulus. Geschrieben wurde dieser Text aus der Gefängnis heraus. Paulus war in Ephesus verhaftet worden, saß in Untersuchungshaft und wartete auf sein Urteil, das durchaus ein Todesurteil hätte sein können. Und nun schreibt er an die Christen in Philippi, einer Stadt im Norden Griechenlands gelegen, einen Brief, der in deutlichem Kontrast steht zur lebensbedrohlichen Situation des Apostels:
Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Philipper 4,4-7
Da hören wir aus dem Mund des Paulus kein Jammern, kein Selbstmitleid, keine Beschimpfung der Gegner. Nichts von all dem, was bei uns in Krisenzeiten die Seiten der Zeitungen füllt, findet sich in den Zeilen von Paulus. Dafür der Aufruf:
zur Freude
zur Güte
zur Sorgenfreiheit
Und am Schluss eine Segenszusage: der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft. Will Paulus damit alle Gegensätze, denen er ja selbst ausgesetzt ist, negieren? Nein, wenn das seine Absicht gewesen wäre, dann hätte er nur von seinem Leid, seinen Ängsten, seinen Sorgen in der Gefängniszelle gesprochen. Dann würde er die Menschen nicht zur Freude, sondern zur Klage oder gar zum Aufruhr aufrufen. Weil Paulus aber die Gegensätze nicht verleugnet, deswegen veranlasst er die Christen, in der Welt des Hauens und Stechens, in einem feindlich gesinnten Umfeld, bewusst andere Akzente zu setzen - nämlich die, die wir dem Weihnachtsgeschehen verdanken: Freude, Liebe, Barmherzigkeit, Ehrfurcht vor dem Leben, Frieden, Versöhnung. Paulus weiß, wovon er spricht. Im gleichen Philipperbrief, wenige Sätze nach dem Predigttext, schreibt er:
Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Jesus Christus.

Ja, Paulus vermag durch Jesus Christus: nicht Gegensätze verleugnen oder einebnen und glatt bügeln, sondern in und mit ihnen leben, ohne sich von ihnen gefangen nehmen, lähmen, beherrschen zu lassen. Weder am Elend der Welt noch an der persönlichen Trauer verzweifeln, noch sie mit frommen Halleluja-Lächeln übertünchen, sondern sich der Wirklichkeit dieser Welt, der Wirklichkeit unseres Lebens stellen - darin erweist sich für Paulus die Kraft des Glaubens. Zu dieser Wirklichkeit gehört spätestens seit dem Weihnachtsgeschehen das, was Paulus den Menschen in Philippi mit seinem Segenswort zuspricht: der Frieden Gottes. Und der hat einen Namen, ein Gesicht, eine Geschichte, die uns an Weihnachten ganz nahe kommt: Jesus Christus. Die von Jesus gelebte Wirklichkeit des Friedens ermöglicht uns, freudig, gütig und sorgenfrei dem nächsten Tag, der neuen Woche entgegen zu gehen, auch wenn das Weltgeschehen schwer auf uns lastet, auch wenn wir meinen, angesichts des Hungers, der Kriege, der Umweltzerstörung gibt es für uns nichts zu feiern.

Es ist eben so: mit der Geburt Jesu, mit dem Ruf des Engels „Fürchte dich nicht" unterbricht Gott unseren letztlich vergeblichen Versuch, selbst einen Ausweg aus den Gegensätzen zu finden. Wir schaffen meist nur eine Brücke zu bauen, die vom Frieden zum Krieg, oder vom Krieg zum nächsten Krieg, oder von der einen Trauer in die nächste Gedankenlosigkeit führt. Gott baut aber eine Brücke, die sich vom Stall zu Bethlehem über das Kreuz auf Golgatha bis hin zu dem Frieden spannt, der höher und tragfähiger ist als alles, was wir Menschen uns ausdenken können.

Und nun verstehen wir hoffentlich, dass an Weihnachten noch eine ganz andere Gegensätzlichkeit aufbricht: der Einspruch Gottes gegen unser so widersprüchliches, unbeholfenes Leben und für ein Menschsein, das seine Kraft aus der Guten Nachricht von Jesus Christus zieht. Diesen Einspruch Gottes können wir in dreifacher Weise als Friedensangebot verstehen:
1. Gott begegnet uns nicht als Feind, sondern als Freund. Eigentlich besteht für Gott nur Anlass, uns Menschen wegen unseres Unvermögens anzuklagen, fertig zu machen, fallen zu lassen. Doch Gott betreibt kein himmlisches Mobbing. Im Gegenteil: er spricht uns Menschen frei und schenkt uns durch seinen Zuspruch ein neues Bewusstsein von uns selbst. Darum hat Jesus die Ehebrecherin vor der Steinigung bewahrt. Darum hat er dem Mörder, der neben ihm gekreuzigt wurde, das Paradies verheißen. Und darum macht Gott jedem von uns mit der Taufe ein neues Friedensangebot: Wie immer du leben wirst, was immer du aus deinem Leben machst - du musst dich für dein Dasein, dafür, dass du lebst, nicht rechtfertigen. Du bist es mir wert, dass ich dich mit meinem Frieden bewahre.
2. Gott befreit uns von der Sorge nur um uns selbst. Wir werden jeden Tag Zeuginnen und Zeugen davon, dass Eigennutz und Egoismus in der Sackgasse der Ungerechtigkeit, des Unfriedens, der Gewalt enden. Das ist übrigens keine Frage davon, welcher gesellschaftlichen Schicht ich angehöre und in welchen materiellen Verhältnissen ich lebe. Und etliche unter uns wissen auch, wie bitter, blindwütig und undankbar Sorgen und Traurigkeiten machen können, wenn sie nicht mehr überbrückt werden vom Frieden, vom Trost Gottes, von der Aussicht auf seine neue Welt. Darum ruft Paulus die Christen in Philippi auf:
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Wenn wir ratlos und verzweifelt sind, dann sollen wir trotzdem mit dem Dank, mit dem Denken anfangen. Ja, das ist so: die eigenen Sorgen werden dann beherrschbar, wenn wir auch sie unter der Überschrift der Dankbarkeit stellen - Dankbarkeit dafür, dass wir von Gott in diese Welt gerufen und zum Leben berufen worden sind. Alle Ängste um die eigene Existenz verlieren dann ihre Macht, wenn wir sie vom Kraftfeld der Fürsorge Gottes umschlossen sehen.
3. Mit Jesus Christus schlägt Gott eine Brücke über alle Gegensätze. Unsere Welt, auch unser privates Leben ächzt und stöhnt unter den Gegensätzen von alt und jung, arm und reich, schwarz und weiß, gesund und krank, anerkannt und ausgegrenzt. Wir wissen, dass diese Gegensätze, wenn sie feindlich aufeinander stoßen, das Zusammenleben vergiften, ja unerträglich machen können. Wir wissen aber auch, wie notwendig die Auseinandersetzung um diese Gegensätze ist. Wir können die krasse Kluft zwischen Armutsregionen und reichen Industriestaaten nicht einfach auf sich beruhen lassen. Wir wollen leben können mit unheilbaren Krankheiten, uns nicht einfach damit abfinden und lassen darum nichts unversucht, neue Chancen für die Kranken zu eröffnen. Die junge Generation muss die Welt neu entwerfen und Traditionen über Bord werfen können. Aber bei allen Auseinandersetzungen, die daraus erwachsen, haben wir uns immer darauf zu besinnen, wie nachgiebig und nachsichtig Gott uns Menschen gegenüber auftritt. Dabei geht es nicht um ein billiges FriedeFreudeEierkuchen - sondern um den Bestand dieser Erde, um die Achtung ihrer Endlichkeit und Vergänglichkeit und um die Ehre Gottes und die Ehrfurcht vor dem Leben, um das Jenseits, von dem her wir das Diesseits gestalten. So ist auch der Satz verstehen, den Paulus schreibt:
Eure Güte lasst kund sein allen Menschen!
Wir haben im Streit um die Wahrheit, im Streit zwischen den Gegensätzen, im Eintreten für die Sache Jesu, für den Frieden immer und vor allem Güte zu zeigen - wenn nicht am Anfang, so doch am Schluss. Wer am Ende einer Auseinandersetzung nicht die Güte für alle Menschen gelten lässt, der betritt nicht die Brücke des Friedens, sondern geht einen Weg in den Abgrund, in den Krieg.

Und nun sagt Paulus zu diesem Frieden, dass er höher ist als alle Vernunft, wörtlich übersetzt: dass er eine Schutzmacht ist für unser Denken ist. Dass er uns also davor bewahren soll, uns mit der Friedlosigkeit, mit dem Elend, mit dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt abzufinden. Dass er uns auch davor bewahrt, tatsächlichen Krieg zum einzigen Friedensweg zu erklären (und dafür die Vernunft in Anspruch zu nehmen, was im politischen Bereich Gang und Gebe ist), anstatt in nichtmilitärischen Einsätzen für ein friedliches Zusammenleben den Ernstfall des Lebens zu erkennen.

Angesichts des Kriegsdesasters in Afghanistan sollten wir von neuem die Friedensvernunft des Glaubens beachten, als Christen sie in die politische Debatte einbringen. Es kann nicht sein, dass wir Kriegsopfer und Zerstörung als mehr oder weniger unvermeidlich ansehen, während Gewaltausbrüche bei nicht militärischen Friedenseinsätzen als Erweis dafür genommen werden, dass gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien und zivile Hilfseinsätze nichts anderes als Wunschträume von realitätsfernen Phantasten sind. Wer kann eigentlich behaupten, dass zivile Programme zur Konfliktbewältigung – mit dem gleichen logistischen und finanziellen Aufwand betrieben wie Kriegseinsätze – per se erfolgloser sein sollen als Krieg? Wir sollten weniger von der sog. Blauäugigkeit des Pazifismus reden, als vielmehr über den finsteren Trugschluss nachdenken, mit Kriegseinsätzen internationale Konfliktherde befrieden zu wollen. Nur so werden wir zu dem gelangen, wovon Paulus spricht: der Frieden, der eine Schutzmacht ist für unser Denken - und darum auch ein Schutz vor unbedachten Einsatz von Gewaltmitteln.

Wer einmal diesen weihnachtlichen Einspruch Gottes verinnerlicht hat, der findet sich nicht mehr ab mit sog. Zwangsläufigkeiten, der schließt auch keinen faulen Frieden mit seiner Krankheit, mit seiner Traurigkeit, mit seiner Verzweiflung, mit seinen Sorgen um die Kinder und sich selbst. Denn er sieht dies alles und die Ängste, die daraus erwachsen, in das Kraftfeld der Fürsorge Gottes eingebettet. Mit dieser Perspektive können wir uns auf Weihnachten freuen - es ist ganz nahe! - und dem Leben zugewandt bleiben und dran bleiben an dem Frieden Gottes, der eine Schutzmacht für all unser Denken ist. Dieser Frieden bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.