Predigt über Jakobus 5,7-8
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.Geduldig sein - mit dieser Aufforderung beginnt der Predigttext zum 2. Advent. Doch wer heute Geduld predigt, der steht in der Gefahr, das Notwendige zu verpassen. Morgen beginnt in Kopenhagen der Weltklimagipfel. Wenn es einen Konsens zwischen den seriösen Klimaforschern gibt, dann den: Geduld ist in Sachen Klimaschutz nicht angebracht, denn die geforderten Umsteuerungen dulden keinen Aufschub. Entscheidungen stehen jetzt an.
Mit dem Aufruf zur Geduld werden wir aber auch all diejenigen nicht beeindrucken können, denen das Wasser bis zum Hals steht, die sich nicht mehr mit Hoffnungsbotschaften abspeisen lassen wollen, deren Erfüllung sich im Ungewissen verlieren:
• Kranke, die nicht mehr daran glauben wollen, dass sie zu einer Normalität des Lebens zurückkehren können;
• Eltern, die darüber verzweifelt sind, dass ihre Tochter in die Unerreichbarkeit der Drogenszene abzurutschen droht;
• Erwerbslose, die schon lange jede Hoffnung haben fahren lassen, noch einmal in ein normales Arbeitsverhältnis eintreten zu können.
Diese Menschen benötigen keine Geduld. Sie suchen nach Verlässlichkeit, nach Vertrauen, nach konkreten Lösungen ihrer Probleme. Darum reagieren sie besonders empfindlich, ja verletzt, wenn sie nach einer erneuten Enttäuschung wieder zur Geduld, zum Ausharren gemahnt werden.
Und wie steht es mit uns selbst? Gehören wir zu den Geduldigen? Von mir selbst muss ich sagen, dass ich eher ein notorisch ungeduldiger Mensch bin. Ich möchte Projekte möglichst dann schon vollendet sehen, wenn sie gerade den Status der Idee verlassen haben. Darum reagiere ich nicht selten entnervt, wenn die Dinge nicht so vorangehen, wie ich es mir vorstelle, und ich mich von allzu vielen Bedenkenträgern umzingelt sehe. Aber geht es um diese Art von Ungeduld, wenn der Briefschreiber die Christen zur Geduld aufruft? Oder hat der Schreiber des Jakobusbriefes nicht vielmehr eine Geduld im Blick, die uns das verleiht, was wir vor allem dann brauchen, wenn wir uns offen den Problemen dieser Welt zuwenden und aus den Wolken der Visionen eine Treppe in die Wirklichkeit zu bauen versuchen: den langen Atem, mit dem wir unsere Ziele verfolgen. Hören wir die zwei kurzen Sätze aus dem 5. Kapitel des Jakobusbriefes, einer Schrift, die uns Einblick gibt in das Leben, das Denken und den Glauben der christlichen Gemeinden um die erste Jahrhundertwende nach Jesu Geburt:
So seid nun geduldig, liebe Brüder (und Schwestern), bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Jakobus 5,7.8
Können wir heute noch in solchen Zeiträumen denken - von unserer Lebensspanne bis zum Ende der Welt? Oder sind wir nicht ganz im Heute gefangen, denken nur noch von Quartal zu Quartal - und lassen es deswegen an langfristigen Perspektiven mangeln. Wie also sehen wir das Verhältnis von der Jetzt-Zeit zu der Vorstellung, die wir von der Zukunft haben? Verfügen wir überhaupt noch über das Gegenüber, das den ersten Christen vertraut war: das Kommen des Herrn, also eine Verheißung, die nicht abhängig ist von unseren Möglichkeiten und den begrenzten Zeiträumen, in denen wir leben? Jakobus redet ja nicht irgendwie von Geduld. Er plädiert für eine wache, tätige, leidenschaftliche Aufmerksamkeit für das, was kommen wird. Das unterstreicht er durch den Hinweis auf das bäuerliche Leben:
Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.
Dieses Beispiel ist in dreifacher Hinsicht von Bedeutung:
• Zunächst muss der Landwirt aktiv sein, das Feld bestellen, säen.
• Doch dann weiß er: für die Reife sind Faktoren ausschlaggebend, die er kaum beeinflussen kann - wie den Regen.
• Und schließlich hat der Bauer ein klares Ziel vor Augen: die Ernte der Frucht. Diesem Ziel, also dem Ertrag dient seine Geduld.
Die Geduld setzt also eine Aktion (Saat) und eine klare Zielvorstellung voraus. Unter dieser Voraussetzung wird die Geduld zu dem, was nichts mehr mit Inaktivität zu tun hat: der lange Atem der Leidenschaft, das aktive Warten, durch das das Heute in neuem Licht erscheint. Jakobus möchte die Christen in zweifacher Hinsicht aktivieren:
• Sie sollen sich dem Kommen Gottes öffnen und gleichzeitig mit dem Ende ihres eigenen Lebens rechnen.
• Und sie sollen in Erwartung auf dieses Kommen ihr Leben an Gottes Wegweisungen ausrichten.
Das Heute soll also von der Zukunft her gestaltet und nicht die Zukunft aus dem Heute ausgeklammert werden. Wir ein solches Denken und Handeln: nachhaltig. Doch Nachhaltigkeit trifft noch lange nicht das, was Jakobus meint. Denn es geht nicht nur darum, dass das, wie wir heute leben, auch morgen Bestand hat. Der Briefschreiber wirft einige grundsätzliche Fragen auf: Wie sieht es aus mit eurer Saat, also mit eurem Glauben, den ihr ins Leben einzubringen bereit und in der Lage seid? Woher bestimmen sich eure Ziele? Rechnet ihr mit einem Leben, das über das Ende der Welt hinausreicht, also mit einem Leben nach dem Tod? Rechnet ihr mit dem Kommen Gottes, das alles, was wir Menschen tun, relativiert, aber gleichzeitig unserem Heute eine neue, hoffnungsvolle Perspektive verleiht, unabhängig von den vielen Zeichen des Todes und des Verfalls?
Wenn wir so fragen, dann steht im Mittelpunkt unsere eigene Lebens-, Glaubens- und Hoffnungsperspektive. Dann drängt sich die Frage auf: bleibt unser Denken und Handeln auf das Heute beschränkt, oder beziehen wir ein, wie wir Morgen dastehen werden - und zwar dann, wenn Gott kommt ... wenn er bei uns anklopft, bei uns Wohnung nehmen will. Dann, wenn er vor uns steht als Kranker, als Gefangener, als Hungernder, als Hilfe suchender Mensch - oder wir vor ihm stehen, vor dem Kind in der Krippe. Sehen wir dann in diesen Menschen, in diesem Kind unsere Zukunft - oder erkennen wir (wie damals Herodes und später Pontius Pilatus oder noch später Nero oder im vergangenen Jahrhundert Adolf Hitler oder heute die Machthaber in China und all die, die immer noch meinen, ohne Gott und Sonnenschein die Ernte einfahren zu können) darin doch nur die Bedrohung meines Heute, eine unangenehme Störung, die es zu beseitigen gilt? Oder allgemein ausgedrückt: Fragen wir bei Entscheidungen, die wir treffen, was sie für die Zukunft dieser Welt und der Menschen, die auf ihr leben, bedeuten, oder kalkulieren wir nur danach, welche Vorteile mir ... jetzt ... erwachsen?
Auf dem Hintergrund dieser Frage bedeutet Geduld: über den Tellerrand meines eigenen Lebens blicken, über den Tag hinaus denken und die Perspektive des Glaubens gewinnen. Der Jakobusbrief macht sehr drastisch deutlich, was aus einer Lebensperspektive wird, der es an Weitsicht, an einem langen Atem, an der Leidenschaft für die Sache Jesu mangelt. Unmittelbar vor dem Predigttext geht der Schreiber des Jakobusbriefes mit den Menschen, die nur noch das Heute, ihren Eigennutz, sehen, hart ins Gericht:
Und nun, ihr Reichen: Weint und heult über das Elend, das über euch kommen wird! Euer Reichtum ist verfault, eure Kleider sind von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird gegen euch Zeugnis geben und wird euer Fleisch fressen wie Feuer. Ihr habt euch Schätze gesammelt in diesen letzten Tagen! Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth. Ihr habt geschlemmt auf Erden und geprasst und eure Herzen gemästet am Schlachttag. Ihr habt den Gerechten verurteilt und getötet, und er hat euch nicht widerstanden.
Jakobus 5,1-6
Jakobus prangert eine Sorge für den morgigen Tag an, die doch nur im Heute stecken bleibt: der Reichtum auf Kosten der anderen. Alles für sich selbst horten, nichts mehr teilen wollen mit dem Nächsten - das ist Ausdruck vom Nur-noch-Heute und vom Nur-noch-Ich. Wer aber das Kommen Gottes völlig aus seinem Bewusstsein ausklammert, wer nicht mehr einkalkuliert, dass er sich für sein Tun und Lassen verantworten muss, wer meint, auf moralische Maßstäbe verzichten zu können, wer in diesem Sinn ungeduldig ist, der wird langfristig elendig scheitern. Mögen heute global und anonym agierende Manager - angetrieben von den entfesselten, unduldsamen Mächten des Turbokapitalismus - sich nicht mehr um das Gemeinwohl eines Landes kümmern, mögen sie nur noch ihre eigenen, völlig maßlos gewordenen Einkünfte und ihren Luxus im Blick haben, mögen sie Firmen pleite gehen lassen und daran noch ihren Profit machen (und sie sind ja schon wieder kräftig dabei) - das alles ändert nichts daran, dass sie sich dem Gericht Gottes, dem Tod nicht entziehen können und dass auch ihr Reichtum und ihr Luxus verfaulen, ihr Gold und Silber zerfressen werden. Auch dieser Prozess ist in vollem Gange.
Auf dem Hintergrund dieser Analyse bekommt der Aufruf zur Geduld eine ganz andere Bedeutung. Geduldig sein heißt nicht, die Missstände hinnehmen. Geduldig sein heißt, darauf vertrauen, dass diese Art zu Leben keine Zukunft hat. Wir werden nur dann nachhaltig leben, wenn wir uns die Perspektive des Jenseits bewahren, wenn wir aus dem Kommen Gottes den langen Atem ziehen, der uns geduldig und verantwortlich dem Ende entgegen gehen lässt. Gerade durch das Kommen Gottes, durch seine Nähe in Jesus Christus, werden wir auf die Grundfragen verwiesen, der sich keiner entziehen kann: Nach welchen Maßstäben leben wir? Was bedeuten heute Moral und Anstand? Sicher zuerst und vor allem: Geduld, einen langen Atem - und ganz sicher Leidenschaft, Leidenschaft für diese Welt, für die nächste Generation, Leidenschaft, die aus dem Glauben erwächst und beides beinhaltet: Bereitschaft zum Leiden und Schaffenskraft. Doch all dies ist nur zu haben, wenn ich mich an dem orientiere, was mit Gott im Advent auf uns zukommt: Jesus Christus, mein Nächster, die Verheißung der neuen Welt.
Und nun können wir ja überlegen, ob wir diese Perspektive und diese Orientierung ohne die Arbeit der Kirchen, ohne das Wort Gottes, ohne Gottesdienst, ohne die Bindung an die Gebote, auch ohne Universitätskirche St. Pauli erreichen werden. Schon jetzt bekommen wir eine sehr reale Vorstellung von dem geliefert, was wird, wenn die Führungsriegen unserer Gesellschaft nur noch von Menschen besetzt sind, denen jede Jenseitsperspektive fehlt, die sich selbst zum Gott des Heute erheben und die die religiöse Perspektive für überflüssig erachten. Wir können uns ja vorstellen, wenn überhaupt keine Grundsätze mehr gelten außer dem, möglichst schnell meine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen - ohne Rücksicht auf das Wohl des Nächsten. Wir können in dieser Hinsicht auf schmerzliche Erfahrungen zurückblicken: die Nazi-Zeit, in der dem Nihilismus des Menschenherrentums gefrönt wurde; die Zeit des real existierenden Sozialismus, der sich selbst zerstörerisch am Paradies im Heute abarbeitete; jetzt die Zeit rücksichtsloser Interessenpolitik und A-Moralität als Prinzip: hier schnell Kriege führen, dort eine Plutoniumanlage bauen; hier Waffen exportieren und dort Städte und Landschaften zubetonieren. Das alles zeugt nicht von Geduld, sondern vom Ausleben kurzfristiger Interessen im Heute. Das alles zeugt nicht vom Advent, nicht vom Kommen, sondern vom Gehen, vom Niedergang. Das alles zeugt auch nicht vom Säen und vom geduldigen Warten auf den Ertrag, sondern von Raubbau. Geduld ist weniger ein Zeitbegriff, als vielmehr eine moralische Kategorie. Sie ist die Kraft, die Zukunft eröffnet und erfüllte Zeit schenkt.
Auf diesem Hintergrund ist es ein Segen, dass wir im Advent wieder das Warten lernen - nicht mit in den Schoß gelegten Händen, sondern mit Händen, die beten und arbeiten, die segnen und zupacken, die heilen und innehalten. Und auf diesem Hintergrund möchten wir alle geduldiger werden in der Erfüllung unserer persönlichen Wünsche, aber aufmerksamer für das, was durch Jesus Christus an Verheißung und an Trost auf uns zukommt. Die eigentliche Erfüllung unseres Lebens jedoch werden nicht wir bewerkstelligen können. Sie kommt durch Gott. Und bis dahin haben wir genug damit zu tun, uns gegenseitig zu ermutigen und zu stärken. Bis dahin warten viele Menschen auf Trost und Hoffnung, auf ein geduldiges Handeln aus einem moralisch gebundenen Gewissen heraus.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



