Predigt über Offenbarung 14,6-8
Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)Ein feste Burg ist unser Gott
Kantate zum Reformationsfest, BWV 80
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Krisenzeiten - sie haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Das mag auch daran liegen, dass sich gerade in schwierigen Zeiten Entscheidungssituationen anbahnen, die eigentlich ein eindeutiges Ja oder Nein herausfordern. Das führt uns Menschen aber in ein Dilemma: auf der Seite sind da die herrschenden Verhältnisse, die uns Angst und Schrecken einjagen, und auf der anderen Seite drängt es uns nach Erneuerung, nach einer Reformation. Doch wie lässt sich zwischen Angst und Hoffnung Eindeutigkeit gewinnen? Wie können wir unsere Glaubwürdigkeit bewahren, wenn wir doch immer nur wieder Kompromisse des Überlebens eingehen? In den vergangenen Wochen wurden teilweise kontrovers und erregt die Ereignisse um den 09. Oktober 1989 diskutiert - vor allem von denen, die dabei waren: wer waren nun die wirklich Mutigen und wer von denen, die heute als Helden gefeiert werden, hat damals doch nur versucht, einigermaßen ungeschoren davon zu kommen. Für diejenigen, die 1989 nicht in Leipzig lebten, haben solche Debatten etwas Sonderbares an sich. Ist das denn heute wirklich so wichtig zu wissen, ob ein Pfarrer Führer oder ein Pfarrer Wonneberger damals alles richtig gemacht haben? Sind Widersprüchlichkeiten und Uneindeutigkeiten nicht Begleiterscheinungen jeder Krise und Erfordernisse derer, die Verantwortung für andere tragen? Und muss das Ergebnis, die Friedliche Revolution, nicht alle kleinlichen Richtigkeitsdebatten im Keim ersticken?
Auch das Zeitalter der Reformation war mehr als krisenhaft - also ein Wendepunkt in der Geschichte. 500 Jahre danach lässt sich trefflich über die Rolle der Helden streiten. Wer war nun der wirkliche Reformator: der Bilderstürmer Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, der Revolutionär Thomas Müntzer, der radikale Schweizer Reformator Huldrich Zwingli, der erste Bildungspolitiker Philipp Melanchthon oder doch Martin Luther selbst? Und wie steht es mit dem streng-asketischen Johannes Calvin? Hat Luther in seiner militant-bissigen Auseinandersetzung mit den Bauern diese nicht ans Messer der Fürsten geliefert? Oder war seine Kumpanei mit den Herrschenden nicht doch die Bedingung für den Erfolg der Reformation? Stundenlang könnten wir darüber debattieren. Nur - wir würden eines aus den Augen verlieren, und zwar das, was alle Verdienste einzelner um die geschichtliche Entwicklung damals wie heute grundlegend relativiert:
Mit unserer Macht ist nichts getan
Die zweite Strophe aus Luthers bekanntesten Lied wird von Johann Sebastian Bach in der Kantate „Ein feste Burg ist unser Gott" nicht von ungefähr besonders eindrucksvoll gestaltet: da überstrahlt die den Choral singende Sopran-Stimme das tumultarische Gestampfe der den Bass begleitenden Instrumente - was ich nur so deuten kann: der Sieg derer, die von Gott geboren sind, also jeder von Gott ins Leben gerufene Mensch, gründet nicht in einer gewalttätigen Selbstbehauptung, auch nicht in kriegerischen Handlungen, sondern allein in einem tiefen Gottvertrauen.
Während wir Menschen ständig damit beschäftigt sind, unsere Haut zu retten, uns ins rechte Licht zu setzen, uns selbst zu rechtfertigen, wird in der Kantate vor allem eines bedacht: dass wir unser Herz nicht zu einer Wüste selbstherrlicher Überheblichkeit veröden lassen, sondern dort Platz und Raum schaffen für die Leben spendende Botschaft Jesu, die alles Dunkle überstrahlt. Doch dieses bewerkstelligen wir nicht aus eigener Kraft. Eine solche Haltung kann auch nicht verordnet oder erzwungen werden - schon gar nicht von den Kirchen. Es ist allein ein Werk Gottes:
Erwäge doch,
Kind Gottes, die so große Liebe,
Da Jesus sich
Mit seinem Blute dir verschriebe,
Wormit er dich
Zum Kriege wider Satans Heer
Und wider Welt und Sünde
Geworben hat!
heißt es im Bass-Rezitativ. Da werden sich manchem jetzt die Haare sträuben ob dieser militaristischen Sprache. Wird da nicht genau dem Vorschub geleistet, was im Widerspruch zu den Grundaussagen des Chorals steht: eine aus dem Glauben abgeleitete militante Überheblichkeit? Ist es da verwunderlich, dass der Choral „Ein feste Burg ist unser Gott" zu einem protestantischen Schlachtgesang mutierte, mit dem der Sieg über die Glaubensfeinde nicht nur besungen, sondern Gewaltanwendung gegen dieselben gerechtfertigt wurde. Prof. Martin Petzoldt erinnert in seinen Erläuterungen zur Kantate an das deutschnationale Verständnis des Liedes im 19. Jahrhundert und daran, dass sich die Nazis zum Luther-Jubiläum 1933 dazu verstiegen, die letzte Liedzeile umzudichten:
das Dritt Reich muss uns bleiben
Wenn wir am Reformationstag die Notwendigkeit der Erneuerung des Glaubens und der Kirche bedenken, wenn wir an einem solchen Tag uns auch herzlich darüber freuen können sollen, der evangelischen Kirche anzugehören, wenn wir dank der Reformation Freiheit und Bildung als Frucht unseres Glaubens ins Zentrum kirchlicher Arbeit rücken können, dann werden wir uns dennoch vor jeder Art propagandistischer Überheblichkeit hüten müssen, die womöglich noch im Gewande kriegerischer Attitüde daherkommt. Vielmehr haben wir uns eine reformatorische Erkenntnis immer wieder zu eigen zu machen:
Mit unserer Macht ist nichts getan,
wir sind gar bald verloren.
Doch bedeutet dies, dass wir nicht mehr streiten, nicht mehr um die Wahrheit ringen, nicht mehr über richtig und falsch urteilen, nicht mehr unsere Glaubensüberzeugung kundtun dürfen. Nein - das alles ist dringend geboten. Nur: wir dürfen es nicht mit dem Anspruch der absoluten Wahrheit tun, denn auch unser Gegner ist von Gott geboren.
Und damit bewegen wir uns wieder in jener Zwiespältigkeit, von der ich anfangs gesprochen habe. In die werden wir auch durch den Predigttext geführt - ein Abschnitt aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung. Zur Bachzeit wurde dieses als Evangelium am Reformationsfest verlesen - sicher auch deswegen, weil das Buch der Offenbarung in einer Krisenzeit der frühen Christenheit entstanden ist: die grausame Verfolgung von Christen, die zum einen ihre Glaubensgewissheit nur in bizarren Bildern verschlüsselt zum Ausdruck bringen konnten, die sich zum andern aber auch in ihrer bedrohten Existenz zu behaupten versuchten - nicht zuletzt dadurch, dass sie den zerstörerischen Alltag nicht als ihr Ende, sondern als Vorboten der neuen Welt Gottes ansahen. Hören wir noch einmal die drei Verse aus dem 14. Kapitel in einer Übersetzung von Walter Jens:
Und ich sah, wie ein Engel,
hoch im Zenit,
den Himmel durchflog,
um aller Welt,
den Völkern und Stämmen, Sprachen und Ländern,
die Botschaft des Heils zu verkünden,
Gottes Evangelium.
Und der Engel rief mit lauter Stimme durchs Weltall:
Fürchtet Gott! Gebt ihm die Ehre!
Nah ist die Zeit,
wo er die Menschen richten wird.
Betet ihn an,
der Himmel und Erde und Meer schuf,
Ströme und Quellen.
Und schon folgte ihm ein anderer Engel,
der zweite, und rief:
In Staub zerfallen! Vernichtet! Ausgelöscht
ist Babylon, die große Stadt,
die mit dem Zorntrank,
dem Wein der Geilheit und Hurerei,
die Völker betrunken machte:
Babylon ist hin!
Offenbarung 14,6-8 (in der Übersetzung nach Walter Jens)
Zwei klare Botschaften können wir dieser sprachgewaltigen Vision entnehmen:
• Es gibt eine gute Nachricht für diese Welt, die alle Menschen angeht - unabhängig von ihrer religiösen oder weltanschaulichen oder politischen Ausrichtung. Diese Botschaft umfasst die ganze Schöpfung, ist höher als alle Vernunft, ist unzerstörbar und nur im globalen Zusammenhang zu begreifen. Sie kann nicht infrage gestellt oder beschädigt oder begrenzt werden durch Menschen und Mächte, durch Politik und Religion, durch nationale Beschränkung und konfessionelle Engführung. Sie schließt niemanden aus, sie lässt auch niemanden aus. Sie bedient durch ihren Gerichtsgedanken keine angstbesessenen Vernichtungsphantasien: Gott möge doch meinen Feind aus dem Weg räumen - und schon habe ich mein Leben gewonnen. Nein: das göttliche Gericht, das bevorsteht, entscheidet nicht zwischen gut und böse, es teilt die Welt auch nicht in einen guten und bösen Teil ein. Vielmehr bewahrt das Gericht alles Geschöpfliche vor der ewigen Verdammnis und führt diese unvollkommene, in sich zerrissene Welt zur Vollendung. Auch wenn am Ende der Zeiten Feuer vom Himmel fällt, Städte verbrennen und der Mensch aus dem allen in seiner teuflischen Niedertracht noch seinen Vorteil zu ziehen versucht (all das wird in der Offenbarung in drastischen Bildern geschildert) - das Evangelium von Jesus Christus bleibt bestehen als eine Botschaft des Heils. Wer dieser Botschaft folgt, der kann nur eines: jetzt Gott mit Ehrfurcht begegnen und ihm allein die Ehre geben. Er kann alle Feindschaft hinter sich lassen, weil diese an der Versöhnung Gottes zerbricht.
• Und die andere Botschaft, die lautet so: alles, was unser Leben bedroht, was uns Aussichten auf Zukunft versperrt, was uns von innen wie durch ein Krebsgeschwür auffrisst, all das hat keinen Ewigkeitswert und wird eines Tages so in sich zerfallen wie Babylon, das Synonym für das Verwerfliche, Nichtige und Niederträchtige.
Beide Botschaften haben wir nötig: die, das es nur einen einzigen Ort des unzerstörbaren Heils gibt, nämlich Gott, und die, dass Babylon, dass Terrorregime, dass Systeme von Diktatur und Bevormundung, dass kriminelle Machenschaften auf höchster Ebene, wo sich Gruppen sich von allen Wertmaßstäben verabschieden und diese mit Füßen treten, in sich zerfallen werden. Aber auch diese beide Botschaften stehen in demselben Gegensatz, von dem die Kantate geprägt ist: da ist zum einen die klare Konzentration auf Gott, an dem jeder menschliche Macht- und jeder religiöse Absolutheitsanspruch zerschellt. Und da ist zum andern die freudige Botschaft vom Zerfall des Bösen als Folge eines Krieges „wider Satans Heer und wider Welt und Sünde" (Bass-Rezitativ). Das wörtlich genommen droht uns geradewegs wieder in die Sackgasse zu führen, aus der uns das Gottvertrauen eigentlich befreien will: eine gewalttätige Auseinandersetzung um die Richtigkeit des Glaubens.
Wie aber aus diesem Dilemma herauskommen? Wie verhindern, dass wir uns über kurz oder lang in der Zwangsläufigkeit verheddern, aus uns der Glaube befreien will? Wie Freiheit gewinnen, ohne daraus wieder ein Gefängnis zu machen? Die Antwort, die uns der Glaube gibt, ist eindeutig: das ist nur möglich, wenn wir uns ganz allein danach ausrichten, was Gott uns verheißt, und Jesus Christus gerade darin folgen: sein Sieg begann mit einer Niederlage im innerweltlichen Machtkampf. Aber mit dieser Niederlage, mit dem Tod am Kreuz, ist er den Weg des Lebens angetreten. Auch Martin Luther hat ja die Reformation mit einer bitteren Niederlage in seiner Klosterzelle in Erfurt begonnen: die Erkenntnis, dass er sich selbst nicht vor Gott rechtfertigen kann. Seinen Lebenssinn konnte er sich nicht erkämpfen, sondern er fand ihn im tiefen Vertrauen:
Mit unsrer Macht ist nichts getan.
Ich gebe zu: das ist nicht immer leicht zu vermitteln - schon gar nicht in einer Welt und einer Gesellschaft, in der nicht nur alles machbar zu sein scheint, sondern in der nur der Erfolg zu haben scheint, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen kann. Und dennoch kommen wir an der Einsicht nicht vorbei, dass wir gerade in der Lebenskrise ganz auf Gott geworfen und auf seine Gnade angewiesen sind. Wie sonst wollen wir Selbstachtung bewahren und Menschen in ihrer Würde anerkennen und fördern? Wie sonst wollen wir in jedem Menschen einen von Gott Geborenen erblicken? Wie sonst wollen wir den obersten Grundsatz unserer Verfassung begründen:
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Wie sonst wollen wir Menschen den Schrecken vor Babylon, vor den anonymen Mächten in Banktürmen und Konzernzentralen und in den Medien, die uns besoffen machen, nehmen, wenn nicht mit der wunderbaren Grundaussage: mit unserer, und das heißt auch: mit Angela Merkels, mit Josef Ackermanns, mit Frau Schickedanz Macht ist nichts getan. Wer auf diese Mächte setzt - positiv wie negativ, wer der Hure Babylon auf den Leim geht, der ist verloren. Wer sich aber daran erinnert, dass er von Gott geboren ist, dass ihm der Ruf gilt:
Fürchtet Gott! Gebt ihm die Ehre!
wer seine Ohren für die Stimme des Evangeliums offen hält, der kann in dieser Welt bestehen, der kann auch in Krisenzeiten Ja und Nein sagen, denn der muss sich keiner weltlichen oder menschlichen Macht mehr unterordnen.
Was für eine Freiheit, die daraus erwachsen kann. Sie ermöglicht beides: Widerständigkeit und Ergebenheit. Und nun können wir uns ja einmal fragen: kommen wir eigentlich ohne diese grundlegenden Einsichten aus? Können wir uns von diesen Visionen des Glaubens emanzipieren, ohne Halt und Haltung zu verlieren? Je länger je mehr bin ich der festen Überzeugung, dass wir froh und dankbar dafür sein können, dass uns auch heute diese doppelte Botschaft vermittelt wird: Gott verheißt der Welt Heil und Zukunft, und Babylon, all die Barrieren mit Ewigkeitsanspruch (seien es die Mauern, die auf dieser Welt Menschen, Völker, Rassen trennen, sei es die Glitzerwelt derer, die sich wie Blutsauger ihre Geilheit errauben) wird fallen. Doch das setzt voraus, dass wir uns zuerst und mit allem Gott anvertrauen und dass wir immer wieder ad fontes, zu den Quellen, zu den biblischen Grundüberzeugungen, zur Wahrheit zurückkehren, ohne die es keine Reformation gegeben hätte, ohne die auch die Friedliche Revolution vor 20 Jahren einen anderen Verlauf genommen hätte und ohne die wir auf Dauer kein vernünftiges Zusammenleben in unserer Gesellschaft organisieren können. Das zu behaupten, soll nicht Andersdenkende oder Andersglaubende, Katholiken, Atheisten, Muslime in den Schatten stellen oder sie gering achten. Aber dass es andere Überzeugungen gibt, kann doch nicht bedeuten, dass wir schamhaft verschweigen, was uns trägt.
Stellen wir uns nur für einen Augenblick vor, wir würden von den Kanzeln nicht mehr den Menschen das Evangelium - Würde, Barmherzigkeit und Ehrfurcht vor dem Leben - predigen und wir würden Babylon nicht mehr das Aus, den Fall verkündigen. Stellen wir uns vor, über diese wunderbaren Perspektiven würden wir nicht mehr verfügen. Stellen wir uns vor, davon würde nicht mehr gesungen und das würde nicht mehr gelehrt. Dann hätte schon Bach in der erwähnten Choral-Arie nur den musikalischen Tumult komponieren können und der Sopran hätte geschwiegen - so wie das ja heute in der Musikszene Gang und Gäbe ist: brachialer Tumult, aber keine Botschaft des Heils, weder Gericht noch Zukunft, weder Veränderung noch Verbesserung. Nein - das alles ist eine Horrorvorstellung und hinterlässt eine Wüste. Dann doch lieber am Reformationstag die Botschaft, die jedem Menschen gilt:
Alles, was von Gott geboren,
Ist zum Siegen auserkoren.
Doch dieser Sieg beginnt mit der zunächst niederschmetternden Erkenntnis:
Mit unserer Macht ist nichts getan
Sie führt uns aber in das Vertrauen auf den Frieden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



