Predigt über Markus 2,1-12

19. Sonntag nach Trinitatis - 18. Oktober 2009
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Volle Kirchen - wer träumt davon nicht. Dicht gedrängte Menschenmassen vor den Eingangstüren der Gebäude, die man im Urlaub gerne aufsucht, ansonsten aber eher meidet. Doch es gibt Situationen, da rücken die Kirchen in den Fokus des Geschehens - dann, wenn Menschen auf ein Wort, auf das erlösende, wegweisende Wort warten. Vor 20 Jahren war dies der Fall. Bürgerinnen und Bürger suchten ängstlich und verunsichert, aber mit hohen Erwartungen die Kirchen auf. In einer Tagebuchnotiz vom 09. Oktober 1989 hat die heutige Leiterin des Kulturamtes, Susanne Kucharski-Huniat, eine Frau ohne jede kirchliche Bindung, ihre Eindrücke aufgeschrieben:
Mit Angst und Anspannung ging ich in die Innenstadt. Ein trotziges Gefühl und die Hoffnung auf Verständigung in mir. ... Bereits 15.00 Uhr war die Nikolaikirche gefüllt, so dass ich 16.15 Uhr in die Thomaskirche ging.
Mit großer Disziplin füllten sich die Plätze. 16.30 Uhr war die Kirche voll ... Große Ruhe breitete sich aus. Erwartung. Gegen 17.00 Uhr sprach Landesbischof Hempel. Er ... rief die Anwesenden zur Vernunft und Gewaltlosigkeit auf. ... Probst Hanisch von der katholischen Kirche sowie Superintendent Richter von der Thomaskirche richteten eindringliche Worte an die
Gottesdienstbesucher. Das Gefühl der Verbundenheit ließ die ca. 2.000 Teilnehmer schweigen und miteinander Hände haltend singen. Keine Aggressionen oder Äußerungen.
Tiefes Miteinander von aktiven Christen und mitfühlendem Bürger.

So oder ähnlich müssen wir uns das auch vorstellen mit der Geschichte, die Grundlage der Predigt ist: die Heilung des Gelähmten.
1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5 Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.
Markus 2,1-12

Da ist Jesus unterwegs - und wo er einkehrt, strömen die Menschen aus den unterschiedlichsten Richtungen, um sein Wort zu hören, um Orientierung zu erfahren in einer angespannten Situation. Niemand weiß so recht, wie es weitergehen soll im armen Norden Israels. Aber die Menschen lassen sich nicht mehr abhalten von Warnungen, Gerüchten, Drohungen. Vor 20 Jahren wusste ja auch niemand, was werden soll. Noch 100 Jahre Mauer oder am 09. Oktober die „Chinesische Lösung"? Viele waren vom System der Demütigung und Verlogenheit wie gelähmt und hatten Angst sich zu bewegen. Ihre Gedanken, Hoffnungen, Füße befreiten sich nur langsam von den verordneten Fesseln. Doch dann brachen sie auf und umringten Jesus und warteten auf sein Wort.

Aber wo Massen unterwegs sind, da bleiben andere Räume leer. Und auch das kennen wir. Da gibt es die Neider, die zunächst verächtlich auf die herabsehen, die plötzlich die Herzen der Menschen erreichen und bewegen. Als Kirche müssen wir auch diese Phasen durchstehen: wenn Menschen sich abwenden. Gottesdienst als überflüssig ansehen und wir selbst auch spüren, dass wir erfolglos bleiben und offensichtlich den Nerv nicht mehr treffen. Ich kann mir vorstellen, dass es so auch den Schriftgelehrten in den Synagogen ergangen sein muss. Da liefen die Menschenmassen diesem Wanderprediger nach und in den Gotteshäusern herrschte gähnende Leere. Und dann gibt es noch eine Gruppe, die deutliche Distanz zur Masse hält: diejenigen, denen das alles viel zu viel ist; die eine volle Kirche als bedrohlich ansehen; die Angst vor der Manipulierbarkeit der Massen und ihrer Dynamik haben. Vor 20 Jahren forderte der damalige Landesbischof Johannes Hempel in den Friedensgebeten die Menschen auf, nach Hause zu gehen - aus Sorge davor, dass es bei den Demonstrationen zu Gewaltausbrüchen kommt. Und heute: da gibt es ja auch nicht wenige, denen ist in der Thomaskirche zu viel Betrieb. Da kommen zu viele Menschen, zu viele Fremde. Da fehlt es an Übersichtlichkeit und Nähe. Und wer weiß, ob es denen, die doch nur wegen der Musik kommen, um das Eigentliche geht ...

Da rückt uns die Geschichte noch einmal ganz nahe: volles Haus, die Neider und die Leute, die abseits stehen; die Sehnsucht nach einem erlösenden Wort und die Skepsis, ob es denn überhaupt noch durch den Glauben Orientierung geben kann. Bleiben die übrig, die den Gelähmten Mann auf der Pritsche tragen. Sie sind für mich die Hauptfiguren in der Erzählung. Denn sie gehören weder zu den Neidern, noch zu denen, die die Menschenmenge scheuen. Das sind Männer und Frauen, denen geht es in erster Linie um einen Menschen, der jetzt dringend Hilfe braucht. Da gerät plötzlich das Schicksal eines Einzelnen in den Mittelpunkt. Die Gruppe lässt sich durch die äußeren Bedingungen nicht abschrecken. Es wird auch nichts davon erzählt, dass es zu Unruhen kommt. Nein - nachdem sie keine Möglichkeit sehen, auf normalem Weg in das Haus zu gelangen, greifen sie zu einer ungewöhnlichen Lösung: sie decken das Dach auf und lassen den Gelähmten auf seiner Pritsche an Seilen ab, so dass er unmittelbar vor Jesus zu liegen kommt. Auch das scheint sich in absoluter Ruhe zu vollziehen. Kein Geschimpfe, keine Auseinandersetzung mit den anderen. Mich hat diese Film reife Szene schon als Kind fasziniert - vor allem deswegen, weil hier phantasiereich geschildert wird, wie leicht es offensichtlich ist, eine Menschenmasse zu überwinden.

Und nun notiert der Evangelist Markus:
Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Da hält der Evangelist Markus für uns eine Überraschung bereit: Jesus spricht hier nicht den Glauben des Gelähmten an, sondern würdigt das drängende Vertrauen der Träger. Weil diese glauben, wendet Jesus sich dem Gelähmten zu, über dessen religiöse Ausrichtung die Geschichte keine Aussage macht. Das unterstreicht noch einmal, wie hilflos der Gelähmte ist. Nicht er hat die Träger um Unterstützung gebeten, sondern diese haben ihn zu Jesus getragen und das Dach geöffnet.

Wenn wir noch einmal an die Friedliche Revolution vor 20 Jahren denken, dann könnte man das Gleichnis auch so deuten: da hatte die Stasi am 09. Oktober 89 versucht die Nikolaikirche zu besetzen, um andere an der Teilnahme am Friedensgebet zu hindern. Aber dann öffneten auch die anderen Kirchen ihre Pforten: Thomas-, Michaelis-, die Reformierte Kirche und Christen wie Nichtchristen trugen die sich im Lähmungszustand befindliche Gesellschaft samt der vergreisten Führungsschicht in den Kirchenraum, legte sie Jesus zu Füßen - und der sagt als erstes:
Dir sind deine Sünden vergeben.
Was so viel bedeutet: du Bürgerin, du Bürger, du Stasi-Informant, du Mitläufer bist frei, einen neuen Weg zu gehen. Du bist nicht mehr Gefangener deiner selbst. Du bist zwar an dem krankhaften Lähmungszustand mit beteiligt. Aber das soll und darf dich nicht daran hindern, jetzt aufzustehen. Damit weist Jesus auf zwei entscheidende Faktoren hin:
1. Jeder ist für den Zustand, von dem er befreit wird, mit verantwortlich. Das gilt für politische Vorgänge genauso wie für eine Lebenskrise wie für eine Krankheit. Pastor Martin Niemöller, von 1937 bis zum Ende des 2. Weltkriegs als persönlicher Gefangener Adolf Hitlers im Konzentrationslager Dachau eingesperrt, also jemand, der sich als Widerstandskämpfer von jeder Schuld am Naziregime hätte frei sprechen können, wurde nie müde, sich zu seinem Schuldanteil am Nationalsozialismus zu bekennen - nicht zuletzt im Stuttgarter Schuldbekenntnis, das er mit fünf anderen Kirchenführern am 19. Oktober 1945,also morgen vor 64 Jahren, formuliert hatte. Und das gleiche gilt für Krankheiten. Natürlich haben wir an den Ursachen Anteil. Aber: der Hinweis darauf darf nicht dazu führen, die Lähmung zu verstärken, sondern sie zu überwinden: du bedarfst der Befreiung.
2. Und der zweite Faktor: Äußere Bedingungen zu verändern, ist das eine. Aber die innere Einstellung, die zum Versagen, zur Schuld, zur Krankheit führt, muss genauso überwunden werden. Um es an einem banalen Beispiel deutlich zu machen: der Raucher, dem erfolgreich ein Geschwür aus der Lunge entfernt wird, muss seine innere Lebenseinstellung verändern und muss aufhören zu rauchen. Tut er dies nicht, ist die Heilung sinnlos - bleibt er auf der Pritsche liegen.

Wenn wir Jesus so verstehen, dann können wir auch das Streitgespräch zwischen ihm und seinen Gegnern nachvollziehen. Diese werfen Jesus vor, dass er dem Gelähmten mehr versprochen hat, als erlaubt war. Hätte Jesus dem Gelähmten vorgehalten: Du bist krank, weil du gesündigt hast! wäre das in Ordnung gewesen. Aber dass Jesus dem Gelähmten zuspricht:
dir sind deine Sünden vergeben.
ist in den Augen der Schriftgelehrten eine klare Kompetenzüberschreitung. Auf diesem Hintergrund macht auch die rhetorische Frage Jesu Sinn, mit der er auf die Vorhaltungen der Schriftgelehrten reagiert:
Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?
Spontan denken wir: natürlich das erste. Denn ob ich einem Menschen die Schuld vergebe oder nicht, das ändert doch nichts an den krankhaften Zuständen. Aber bei etwas Nachdenken (und die Schriftgelehrten waren nicht dumme, sondern intelligente Leute) wird schnell klar, dass es auf die Frage überhaupt keine eindeutige Antwort gibt. Denn beides läuft auf dasselbe hinaus: die Schuldvergebung beinhaltet die Heilung und die Heilung die Schuldvergebung. Beides aber, und das ist der Vorwurf der Gegner Jesu, vermöge nur Gott - was sie aber keinen Moment daran hinderte, bei anderen Menschen Schuld festzustellen, sie darauf festzunageln und sie so bewegungsunfähig zu machen.

Und so stehen die Schriftgelehrten für die Menschen, die alles so belassen wollen, wie es ist - und letztlich die Menschen auf den St. Nimmerleinstag vertrösten. Jesus geht aber den umgekehrten Weg: er spricht die Menschen auf ihre Schuld an, um sie von ihr zu befreien. Jesus will nicht festnageln, sondern den Status quo überwinden. In diesem Sinn ist auch die Aufforderung an den Gelähmten zu verstehen:
steh auf, nimm dein Bett und geh heim!
Dieser Satz ist nicht die Heilung, sondern die Ergänzung des heilenden Zuspruchs:
dir sind deine Sünden vergeben.
Und klar ist: wäre der Mann nicht aufgestanden, würde er heute noch auf der Pritsche liegen. Aber auch das gilt: hätte es nicht die Menschen gegeben, die den Gelähmten ins Haus getragen haben, würde er noch heute im Abseits leben.

Und nun verstehen wir, warum der Evangelist Markus gar nicht erwähnt, welcher Art die Lähmung des Mannes war: Gicht, Querschnittslähmung, Schlaganfall oder Depression, Nervenkrankheit, Burnout. Offensichtlich hat Jesus vor allem die Lähmung im Blick, in die uns Schuld und Verfehlung treiben. Diese Lähmung der Seele kann sich auch in körperlicher Bewegungslosigkeit niederschlagen - dann, wenn ich nicht mehr loskomme von dem, was ich angerichtet habe, keine Möglichkeit erkenne, die eigene Schuld, das Versagen, die Fehler auszusprechen, fixiert bin auf meine Vergangenheit, im Inneren mich die Selbstvorwürfe, die Angst quälen. Wenn wir dann niemanden haben, der uns trägt, der uns eine Luke im Dach öffnet, ein Fenster zur Hoffnung, die mir eine neue Lebensperspektive öffnet, dann ist es schlecht um uns bestellt. Denn dann kreisen wir weiter um uns selbst.

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem jungen Mann. Er ist seit Jahren Hartz IV Empfänger. Er nahm heftigen Anstoß daran, dass die neue Regierung das Schonvermögen erhöhen will. Auf meine erstaunte Rückfrage, warum er gerade diese längst überfällige Korrektur an Hartz IV kritisiere, antwortete er: Diese Änderung sei ein großes Unrecht gegenüber denen, denen in den Jahren zuvor das mühsam angesparte Vermögen gekappt wurde. Ich entgegnete ihm: wenn wir so denken, dann dürfen wir überhaupt keinen Fehler mehr korrigieren. Dann muss ich ja auch die Friedliche Revolution bedauern, weil sie an dem geschehenen Unrecht zu DDR-Zeiten nachträglich nichts ändert. Kaum hatte ich das angesprochen, beschwerte sich der Mann darüber, dass bei Hartz IV Empfängern künftig die Miete von der ARGE direkt an den Vermieter gezahlt werden soll, was eine Entmündigung darstelle. Dagegen müsse man protestieren. Ich bot ihm an, gemeinsam zum Bundestagsabgeordneten zu gehen. Doch kaum hatte ich das ausgesprochen, sprang er zum nächsten Problem ... Machen wir uns nichts vor: zum einen ist dies Ausdruck der fatalen Lähmung, in die Menschen durch Erwerbslosigkeit gestürzt werden, zum andern denken in allen Schichten nicht wenige so wie der junge Mann: das Angebot einer Problemlösung wird damit beantwortet, das das nächste Problem als unlösbar dargestellt wird - eine besondere Form von Lähmung.

Wir haben zu begreifen: Vergebung bedeutet nicht, dass das, was gewesen ist, ausradiert wird. Vergebung ermöglicht einen Neuanfang. Er muss von denen initiiert werden, die einen Lahmen zu Jesus tragen und das Fenster der Hoffnung öffnen - also Solidarität, stellvertretendes Handeln ist dringend erforderlich. Das ist unsere bleibende Aufgabe als Gemeinde: Fenster öffnen, Mauern am Ende einer Sackgasse beseitigen. Bei dieser Aufgabe müssen dann der Glaube, die Hoffnung, die Liebe greifbar werden. Aber auch die, die geheilt werden, haben eine Aufgabe, von der sie niemand entlastet: sie müssen sich die Vergebung gefallen lassen und aufstehen, damit sich das Wunder vollenden kann.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.