Predigt über Lukas 16,19-31
Johann Sebastian Bach (1685-1750, Thomaskantor 1723-1750)
O Ewigkeit, du Donnerwort
Kantate zum 1. Sonntag nach Trinitatis, BWV 20
19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. 26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.
Lukas 16,19-31
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Wenn die Ewigkeit zum bedrohlichen Donnerwort wird, dann ist unser Leben hier auf Erden mächtig in Unordnung geraten. Dann verkehrt sich der elend-billige Versuch, die Armen auf das Jenseits zu vertrösten, zur Trostlosigkeit im Jenseits - und zwar für die, die hier auf Erden schamlos raffen, um ungestört genießen zu können. Hintergrund der Kantate „O Ewigkeit, du Donnerwort' ist das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Wir haben es als Evangelium für den 1. Sonntag nach Trinitatis gehört. Jesus richtet es an die, für die Geld und Besitz zum Götzen, Gott aber zum Nichts geworden ist. Dadurch tut sich ein unüberwindlicher Graben auf zwischen denen, die ihren Reichtum exhibitionistisch im Heute zelebrieren, und denen, denen auf Erden alles Glück vorenthalten bleibt.
Ein armer Mensch namens Lazarus liegt vor der Tür eines reichen Mannes, für den Luxus zum alleinigen Lebensinhalt geworden ist. Für Lazarus sind aber noch nicht einmal die Brotkrumen bestimmt, die vom Tisch des Reichen fallen. Die einzige Zuwendung, die er erfährt, kommt von den Hunden, die ihm seine Geschwüre lecken. Als Lazarus stirbt, wird er von den Engeln in den Schoß Abrahams empor getragen. Der reiche Mann aber stürzt nach seinem Tod in die Hölle, wo er ewigen Qualen ausgesetzt ist:
Ach! Aber ach! Die Pein der Ewigkeit hat nur kein Ziel;
Sie treibet fort und fort ihr Marterspiel
Im Tenor-Rezitativ wird die Strafe, die dem reichen Mann auferlegt wird, als eine nicht endende Folter beschrieben: weder wird der reiche Mann durch das Feuer vernichtet, noch wird seine Seele geläutert. Der Skandal seiner Ungerechtigkeit löst sich nicht in gnädiges Wohlgefallen auf. Mit diesen Gedanken wird einem verbreiteten Trugschluss widersprochen: als könne der Mensch folgenlos dem Luxus frönen, als hätten wir mit der Armut der Armen und ihrem Elend nichts zu tun. Nein - niemand kann sich ungestraft aus seiner persönlichen Verantwortung für gerechtes Zusammenleben davonstehlen:
Auf kurze Sünden dieser Welt,
Hat er (Gott) so lange Pein bestellt;
Für den reichen Mann erweist sich diese Aussage aus dem Bass-Arioso als grausame Wirklichkeit. Und niemand möge sich täuschen: diese nicht gerade erfreuliche Perspektive hat sich auch durch die Säkularisierung nicht erledigt. Von der Verantwortung für das eigene Tun kann sich niemand emanzipieren. Früher oder später muss sich jeder ihr stellen – unabhängig von seiner religiösen Ausrichtung.
Das Gleichnis jedenfalls eröffnet dem Reichen nicht die Aussicht, dass ihm irgendwann sein Raffen und seine Gier vergeben werden. Auch hat das Gleichnis nicht den Sinn, den armen Lazarus mit guten Aussichten für das Jenseits zu vertrösten. Nein: wir würden das Gleichnis Jesu völlig falsch verstehen, wenn wir ihm unterstellten, es ziele auf jene pseudoreligiöse Ausgleichsgerechtigkeit im Jenseits ab, die hier auf Erden alles beim Alten belässt. Das, was sich im Gleichnis jenseits des Todes im Himmel und in der Hölle abspielt, soll lediglich offenbar machen, welche Ausrichtung unser Leben im Diesseits erfahren soll. Darum beginnt der zweite Teil der Kantate mit einem Weckruf, unterlegt mit den Fanfaren einer Trompete:
Wacht, wacht auf, verlornen Schafe,
Ermuntert euch vom Sündenschlafe
Und bessert euer Leben bald!
Hier wird die Umkehr derer eingeklagt, die an Lazarus vorbei leben und dabei über seine und anderer Leichen gehen. Allerdings haben wir zu beachten, dass Jesus im Gleichnis jede klassifizierende Aussage über Reichtum und Armut im Diesseits vermeidet - in dem Sinn, als sei Reichtum per se etwas Unanständiges und Armut ein urchristliches Ideal, ein erstrebenswerter Zustand. Im Gleichnis wird unterstellt, dass der Mann auf ehrliche Weise zu seinem Reichtum gekommen ist, der – nach biblischen Verständnis - durchaus als Ausdruck eines gesegneten Lebens verstanden werden kann. Und der Arme wird als elendig leidender Mensch beschrieben, gezeichnet von einem abstoßenden körperlichen Verfall – alles andere als ein Vorbild. Reichtum und Armut an sich werden nicht moralisch bewertet. Jesus klagt vielmehr den verantwortlichen Umgang mit Reichtum und Besitz ein und zeichnet dazu sehr drastisch die Höllenqualen auf, die ein Mensch auf ewig ertragen muss, wenn er beziehungslos zum leidenden Menschen lebt.
Und nun führt der in der Hölle schmorende Reiche mit Abraham im Himmel ein Zwiegespräch. Darin wird von dem Reichen die Bitte ausgesprochen, Abraham möge den Lazarus zu seinen, zu des Reichen noch lebenden Brüdern senden, damit sie gewarnt werden und umkehren können, bevor es zu spät ist. Doch Abraham lässt den Reichen kühl abblitzen:
Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. ...
Und auf den Einspruch des Reichen, das würde nicht genügen, vielmehr solle einer der Toten, also Lazarus, die Lebenden warnen, antwortet Abraham:
Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.
Was hilft ein spektakuläres Wunder, nämlich die Rückkehr des toten Lazarus ins diesseitige Leben, wenn das, was dem Menschen aufgegeben ist zu tun, dennoch unterbleibt? Mit Showeinlagen werden keine Fragen der Gerechtigkeit gelöst - weder damals, noch heute. Alle pseudoreligiösen und –politischen Heilsbringer werden mit dieser nüchternen Einschätzung entzaubert. Und vor allem: Niemand soll glauben, andere, zum Beispiel Jesus, würde für uns die sozialen Probleme lösen, deren Ursache wir selbst sind und für deren Lösung uns alle Mittel zur Verfügung stehen. Religion, Glaube ist nicht die Schokoladensauce, mit der wir die sozialen Verwerfungen übergießen können, um so zu einem guten Gewissen zu gelangen. Darum verweist das Gleichnis auf die Grundbotschaft der Propheten, durch die wir Menschen wissen können, was dem Nächsten dient. Bei denen heißt es – wie zum Beispiel beim Propheten Micha - lapidar und jeden Menschen verpflichtend:
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott!
Micha 6,8
Hätte der Reiche in seinem Leben diese uralte Botschaft beherzigt, hätte er Gerechtigkeit und irdisches Glück den Armen, Witwen und Waisen nicht vorenthalten (denn darum geht es in erster Linie bei dem, was gut ist und was Gott von uns will), hätte er im Diesseits das beherzigt, wonach er sich im Jenseits sehnt, nämlich nach einer Beziehung zu dem armen Lazarus, so wäre dem Lazarus Gerechtigkeit auf Erden widerfahren und das Leben des Reichen hätte eine menschliche Erfüllung erfahren, die auch in der Kantate eingeklagt wird:
Drum sei vor allen Dingen
Auf deiner Seelen Heil, bedacht!
werden wir nachher im Alt-Rezitativ hören – und da geht es nicht um Befriedigung religiöser Befindlichkeit, sondern um ein authentisches, den Geboten Gottes angemessenes Leben. Weil das aber dem reichen Mann fremd war, ging ein Armer elendig zugrunde und wurde verscharrt und ein Reicher lebte in Saus und Braus und wurde mit Pomp zu Grabe getragen. Weil auch zu Jesu Zeiten seine Botschaft von der kommenden Gerechtigkeit ungehört verhallte, darum wurde er als Unschuldiger gekreuzigt und gingen die Schuldigen weiter ihren erfolgreichen Geschäften nach. Weil wir heute oft genug nicht nach der Bestimmung unseres Menschseins mit der Leidenschaft der Propheten fragen, darum gibt es die große Kluft zwischen arm und reich, darum liegen auch vor unseren Türen Menschen, die nur noch vor sich hin dämmern.
Noch einmal: der reiche Mann versagt nicht deshalb, weil er über materiellen Besitz verfügt, sondern weil er mit dem Reichtum nicht das anfängt, was geboten ist, weil er keine gesellschaftliche Verantwortung übernimmt, weil er sozial versagt – und so auch in und mit seiner Seele Unheil anrichtet. Nach biblischer Auffassung findet Reichtum nur darin seine Rechtfertigung, dass ich die mir geschenkten Möglichkeiten, also den göttlichen Segen, für andere einsetze und nicht meinen privaten Besitz, sondern mit ihm Gutes tun zu können, als Privileg verstehe. Genau das bringt auch die Kantate zum Ausdruck, in der ja Lazarus so gut wie nicht vorkommt. Spätestens da sollte uns allen deutlich werden: Jesus erzählt das Gleichnis nicht, damit wir uns mit Lazarus und seiner Armut identifizieren. Nein, sein Zustand ist nicht erstrebenswert. Jesus will mit dem Gleichnis uns alle warnen – und dieser drohende Unterton zieht sich auch musikalisch wie ein roter Faden durch die Kantate:
Ach spiegle dich am reichen Mann,
Der in der Qual
Auch nicht einmal
Ein Tröpflein Wasser haben kann!
hören wir in der Duett-Arie von Alt und Tenor. Martin Petzoldt zitiert in diesem Zusammenhang in seinen Erläuterungen einen Merkspruch aus der Olearius-Bibel:
Der nichts gab, muss nichts ewig haben.
Geiz und Raffsucht sind kurzlebig – eine gute Nachricht!
Denn nun ist klar: Es gibt auch in Sachen Reichtum und Armut ein Tat-Folge-Verhältnis, das weit über den Tod hinausreicht. Um das in den Blick zu bekommen, sollten wenigstens wir Christen versuchen, alle oberflächlichen Klischeedebatten hinter uns zu lassen. Zu diesen Klischees zählt für mich, wenn wir reflexartig die Kritik an exorbitanten Gehaltsunterschieden mit dem Verdikt „Neiddebatte“ belegen und abzuwürgen versuchen. Wir sollten auch vermeiden aus elend versagenden Managern Monster zu machen, sondern sie vielmehr aus der Perspektive des auf sie zurollenden Unheils betrachten: und da kommen bedauernswerte Seelenkrüppel zum Vorschein, in deren Inneres das Schwert des ewigen Absturzes schon tief eingedrungen ist. Allein das verbietet uns – schon aus Selbstschutz – jede Form von Hass oder Neid. Und genauso wenig hilfreich ist es, wenn wir das wachsende Armutsproblem ausschließlich fiskalisch diskutieren. Armut kann in einem Land, in dem niemand hungern muss und jeder ein Dach über dem Kopf haben kann, nicht allein dadurch behoben werden, dass Sozialsätze erhöht werden. Denn das eigentliche Armutsproblem ist, dass viele Menschen nicht mehr über die Grundfertigkeiten des Lebens verfügen, ihren Alltag nicht mehr strukturieren können, unfähig sind Kinder zu erziehen und für deren Bildung zu sorgen und verlernt haben (darin übrigens manchem reichen gleich) verantwortlich mit Geld umzugehen. Da fehlt jeder Antrieb, jede Motivation, weil es an Anerkennung mangelt und diese Menschen kein Selbstwertgefühl entwickeln können – übrigens auch deswegen, weil sie von ihrer Berufung nie etwas erfahren haben. Da allerdings sind wir wieder ganz dicht bei Lazarus. Wenn es von ihm heißt, dass er von Geschwüren übersät vor der Tür des Reichen lag, auf Brotkrumen wartete und offensichtlich nicht mehr in der Lage war, für seine Interessen zu kämpfen, dann sollten wir uns ihn als einen in seiner Persönlichkeit schon stark geschädigten Menschen vorstellen – innerlich und äußerlich verwahrlost, apathisch sich treiben lassend.
Und nun ist die Frage: Wer sieht den Lazarus, der vor unserer Tür liegt? Wer sieht die Geschwüre der hungernden Menschen und Völker, die rund um den Globus auf die Brocken von der Reichen Tische warten, wenn sie überhaupt noch warten? Wer sieht, wie die Geschwüre von militärischer Gewalt wie von Hunden geleckt und damit vertieft werden? Und wer sieht die Armutsgeschwüre bei uns, die materielle und seelische Vernachlässigung von allzu vielen Kindern und Jugendlichen, die darüber hinaus noch medial bis zur Willenlosigkeit abgeschleckt werden? Wer sieht das alles und lässt sich noch zur Umkehr bewegen? Diese Fragen will Jesus mit seinem Gleichnis bei uns provozieren - und gleichzeitig ein neues Sehen bewirken: ein Sehen mit den Augen des Abraham. Das wird zwar noch nicht Grundlegendes ändern. Aber es lässt uns mit der ganzen Schärfe unseres Verstandes und mit der ganzen Tiefe unseres Glaubens danach trachten, den alten Aufruf
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert
politisch, sozial und wirtschaftlich hier auf Erden umzusetzen. Je mehr wir uns in der Rolle des reichen Mannes wiedererkennen, je mehr wir aber auch bereit sind, mit den Augen des Abraham zu sehen, desto stärker sind wir gehalten, Gottes Wort zu halten, Liebe zu üben und demütig zu sein vor Gott. Dann werden wir beides erfahren: die bedrohliche Nähe des Gerichtes über unser Versagen und die verheißungsvolle Nähe der Liebe Gottes, die Lazarus schon erfahren hat. Vor allem aber werden wir spüren: uns dem Lazarus jetzt zuzuwenden, ist Sorge an der eigenen Seele.
Und nun wird sich mancher fragen: Geht es nicht ein bisschen tröstlicher, ein bisschen weniger fordernd? Nein, es gibt Texte in unserer Bibel, die sind so wie sie sind. Da verbietet sich jede Verharmlosung. Und das scheint auch Johann Sebastian Bach so empfunden zu haben. Da löst sich nichts in Wohlgefallen auf. Auch bei einem Bachfest, auch bei kulturellem Genuss, dürfen wir nicht die Augen davor verschließen, wie tief der Graben zwischen den Gestaltern und den Abgeschriebenen in unserer Stadt schon geworden ist. Dennoch gibt es einen tröstlichen Aspekt: Wir zählen als Hörerinnen und Hörer dieser Texte, auch der Bachschen Musik, zu den Menschen, die sich über die Ungerechtigkeiten nicht mehr hinwegtäuschen wie der reiche Mann, die nicht auf die großen Problemlösungswunder hoffen, die uns im Nichtstun bestätigen, sondern die in dem, worüber wir erschrecken, das Gute entdecken, das Gott uns schenkt:
Bedenke doch
In dieser Zeit annoch,
Da dir der Baum des Lebens grünet,
Was Dir zu deinem Friede dienet!
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



