Predigt über Johannes 14,23-27

Pfingstsonntag
Joseph Haydn (1732-1809)
Missa Sancti Nicolai
für Soli, Chor und Orchester, Hob. XXII:6

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Johannes 14,23-27

Pfingsten – das ist bekanntlich der Geburtstag der Kirche. Und wie das bei Geburtstagen so üblich ist, erinnert man sich gerne an die Anfänge, lässt die dunklen Kapitel lieber außen vor und freut sich darüber, dass man noch rüstig ist und mit klarem Kopf ein hohes Alter erreicht hat: 1979 Jahre - eine stolze Zahl. Da müssten die Gratulanten Schlange stehen. Doch leider hat sich mancher davon gestohlen. Der Anfang der Kirche war fulminant: begleitet von Tosen, Brausen und Feuer konnten alle Menschen verstehen, was die Apostel zu sagen hatten, obwohl eigentlich jeder in der Metropole Jerusalem eine andere Sprache sprach. Sie waren in der Lage, die Predigt des Petrus über die großen Taten Gottes zu begreifen. Denn die Botschaft Jesu verkündete er in einem Geist, der die Trennwände und Mauern der unterschiedlichen kulturellen, religiösen und sprachlichen Traditionen zu durchstoßen vermochte. Das also war die Kirche Jesu Christi in ihren ersten Lebensjahren: eine große Bewegung, die Gottes neue Welt im Blick hatte. Begeisterung für neue Lebensmöglichkeiten, für Aufbrüche ins Unbekannte des Friedens und der Gerechtigkeit.

Doch nun wissen wir, dass diese Begeisterung nicht über fast 2000 Jahre anhalten kann. Wir wissen, dass Kirche erlahmt, ihren Auftrag verfehlt, ihren eigenen Zielen zuwider handelt – also Krankheiten und Krisen durchzustehen hatte. Wir wissen, dass die Stimmungen in den christlichen Gemeinden bis zum heutigen Tag schwanken zwischen himmelhoch jauchzend (wie bei einem Kirchentag in Bremen) und zu Tode betrübt sein (angesichts von ausbleibenden Geburtstagsgästen). Aber wollen wir an einem Geburtstag davon sprechen? Wollen wir die dunklen Seiten ausleuchten? Finden wir uns dann doch nur in der Schmollecke der Weltgeschichte wieder als die Beckmesser, die Kritikaster, die die allgemeine Harmonie stören? Doch nun wissen wir hoffentlich auch, dass das Versagen der Kirchen, das uns noch heute die Schamröte ins Gesicht treiben muss, seien es die Kreuzzüge, die Zwangsmissionierung Lateinamerikas im 16. Jahrhundert oder der gewalttätige Judenhass, oft genug auch der Ausgangspunkt neuer, wunderbarer Entwicklungen war.

In diesen Tagen erinnern wir uns an die bedeutende Barmer Synode vor 75 Jahren – die Geburtsstunde der Bekennenden Kirche, die leider kaum mehr im Bewusstsein der Geburtstagsgäste ist. Ihr voraus ging ein katastrophales Versagen der Kirchen, die sich - von Ausnahmen abgesehen - Anfang 1933 ziemlich willenlos dem Hitler-Deutschland an die Brust geworfen hatten, unfähig aus dem Glauben heraus dem fatalen Obrigkeitsdenken zu entsagen, die Demokratie zu bejahen, dem Antisemitismus zu widerstehen und sich von der Kriegsverherrlichung abzuwenden. Aber gleichzeitig kam es in der Gemarker Kirche vom 29.-31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen zu einer Sternstunde des Glaubens und Bekennens: 137 Männer und eine Frau aus ganz Deutschland besannen sich auf die Grundlagen des Glaubens, um der ideologischen Okkupation der Kirchen durch den Nationalsozialismus Einhalt zu gebieten und deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass es neben und außer Jesus Christus, dem einen Wort Gottes, keine Macht geben darf, der wir uns unterzuordnen oder zu gehorchen haben. Dass sich damals über alle politischen und konfessionellen Unterschiede hinweg die Kirchenvertreter so verständigen konnten, das ist nur zu erklären durch die Kraft, die wir mit diesem Fest auch feiern: der Heilige Geist. Aber auch er ist kein Dauergast auf Erden und weht, wo er will. Das zeigte sich auch kurz nach der Verabschiedung der Barmer Theologischen Erklärung. Da zerfielen die unterschiedlichen Kirchen wieder in ihre konfessionelle Lagermentalität, grenzten sich gegenseitig ab und verdächtigten einander. Ein Dietrich Bonhoeffer war zur damaligen Zeit als Synodaler undenkbar, weil viel zu entschieden im Widerstand gegen die Nazis, viel zu politisch und einseitig. Auch durch viele Gemeinden, nicht zuletzt St. Nikolai und St. Thomas, ging ein tiefer Riss zwischen Mitgliedern der bekennenden Kirche und den Deutschen Christen.

Nun sind wir heute Gott sei Dank nicht in der Situation eines „status confessionis“, also der Notwendigkeit, uns gegen gewalttätig daherkommende ideologische Bevormundung wehren zu müssen. Doch das verdanken wir nicht zuletzt der Tatsache, dass damals inmitten von Versagen der Heilige Geist aufleuchtete und eine auch heute noch wirksame Klärung herbeigeführt hat. Darum können wir an diesem Geburtstag voller Dankbarkeit auf unsere Geschichte zurückblicken, weil uns mitten in katastrophalen Entwicklungen neue Anknüpfungspunkte geschenkt worden sind – nicht nur 1934; nicht nur 1539, als durch Martin Luther die Reformation in Leipzig eingeführt wurde; nicht nur 1519, als durch die Leipziger Disputation zwischen Martin Luther und Johann Eck der erneuerte Glaube Profil gewann. Die Geschichte der evangelischen Kirchen geht natürlich zurück bis auf das Pfingstfest, so dass wir auch in der Zeit vor der Reformation genügend Anknüpfungspunkte finden. Darum ist es ein wunderbares Zeichen, dass wir heute – sozusagen als Geburtstagsständchen – die Missa Sancti Nicolai von Joseph Haydn hören und damit uns unserer großen ökumenischen Tradition bewusst werden: die Messe als die Grundform des christlichen Gottesdienstes, die lateinische, katholische Messe - zeitlos gültig und von universaler Kraft, weil die Welt umspannend und das Menschsein in seinen Höhen und Tiefen erfassend. Auch das ist Ausdruck von des Geistes Kraft.

Aber reicht uns das heute – die Erinnerung an die gelungenen Momente in der Existenz der Kirche? Suchen wir nicht gegenwärtige Lebendigkeit – abseits verstaubter Traditionen? Suchen wir nicht eine Kirche, die aus sich heraus begeistert wie damals in Jerusalem? Aber: haben wir nicht gleichzeitig ein großes Bedürfnis nach Gewissheit – Gewissheit, die Krisen überdauert und vor Anfechtungen bewahrt und SStabilität verleiht?

Damals am Anfang, damals noch lange vor dem Pfingstfest, als Jesus seinen Jüngern ankündigt, dass er bald nicht mehr auf der Erde gegenwärtig sein wird, da stellten sich ähnliche Fragen – nach Erneuerung und Vergewisserung. Jesus verwies damals die Jünger auf den Geist, der weht und wirkt, wo er will, und der uns alles in Erinnerung ruft, was in Vergessenheit gerät, und alles lehrt, was wir verlernen:
Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater in meinem Namen euch senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
sagt Jesus in seiner Abschiedsrede, Predigttext für den Pfingstsonntag. Was für eine wunderbare Aussicht für alle, die niedergeschlagen, verunsichert, ratlos sind: der heilige Geist ist ihr Anwalt, Beistand und Tröster. Auf ihn können sich alle verlassen und möchten sich alle einlassen, die es mit sich selbst und mit ihrem Leben schwer haben. Und das sind ja leider mehr Menschen, Prominente und Unbekannte, Junge und Alte, als wir vermuten – in unserer Stadt, in unserer Gemeinde. Wie viele fühlen sich von allen guten Geistern verlassen und suchen nach Trost, nach Anerkennung, nach Liebe, nach Zuwendung: Menschen mit leeren Gesichtern und schwarzen Rändern unter den Augen, Menschen mit zerschlagenem Gemüt, Menschen, die in dieser unübersichtlichen Welt nicht mehr klar kommen und an den Anforderungen zerbrechen. Stellvertretend für sie haben wir vorhin den alten Pfingstruf gesungen:
Komm, Heiliger Geist, Herre Gott,
erfüll mit deiner Gnaden Gut
deiner Gläubgen Herz, Mut und Sinn.
Ja, komm, Heiliger Geist als Anwalt, als Verteidiger, als Herausforderer und Tröster. Wir brauchen dich als einzelne Menschen, die aufgerichtet werden möchten, und als Kirche, die ihrem Auftrag gerecht werden will. Wir brauchen dich als Beistand, der unserer Schwachheit aufhilft, der uns weiterhilft, wenn wir nicht mehr wissen, was wir beten sollen, wenn wir also in Verlegenheit darüber geraten, wie wir leben sollen, welchen Sinn unser Dasein hat und nach welchen Maßstäben wir uns richten können.

Kürzlich hatte ich mit einem 15jährigen Jugendlichen und seinem Freund, der aus dem Tal der religiösen Ahnungslosigkeit kam, ein längeres, spontanes Gespräch. Von meiner Seite aus schwankte das zwischen Aufmöbeln und Zusammenstauchen, Ermutigung und Ermahnung. Ich versuchte den beiden Jugendlichen zu verdeutlichen, dass ihre Generation es uns Älteren gefährlich leicht macht – weil von ihnen kaum etwas kommt an Ideen, an Protest, an Aufbegehren. Dafür ganz viel Selbstbezogenheit, ganz viel Abtauchen, ganz viel Luschigkeit. Und ich fragte beide: wo denn ihre Visionen von Zukunft liegen? Warum sie ihre Kräfte so relativ sinnlos und leichtfertig im Johannapark vergeuden beim Kiffen und Saufen, anstatt sich einzumischen? Sich ausprobieren ist das eine, aber uns Älteren eine Ahnung von dem zu geben, wie sie einmal leben wollen, das muss schon erwartet werden von jungen Menschen. Beide schauten mich ziemlich ent-geistert an und grinsten etwas verlegen. Vielleicht wollten sie auch signalisieren: lass den Alten quatschen. Ich war mir auch nicht sicher, ob ich das Gespräch richtig geführt habe. Wenige Tage später aber schrieb mir der Vater des Jungen eine Mail. Die Diskussion war von einen der beiden Jugendlichen offensichtlich nicht einfach abgehakt worden. Sein Sohn habe ihm davon erzählt und dann nachdenklich bemerkt: so habe noch nie jemand mit ihm gesprochen.

Warum ich das erzähle? Weil ich mir Gedanken darüber mache, wie traurig-haltlos Geistlosigkeit daher kommt. Aber nicht nur bei Jugendlichen. Wir können allgemein feststellen: Überall, wo der Geist fehlt, überall da, wo die Seele aus dem Leben entwichen ist, entleeren sich die Inhalte des Lebens und entsteht ein Mangel – Mangel an Hoffnung, an Glaube, an Liebe. Ohne Geist fehlen uns die Maßstäbe eines moralisch gebundenen Gewissens, fehlt uns auch der Wille, unserem Leben eine Richtung, eine Ausrichtung zu geben. Ohne Geist stehen wir in der großen Gefahr, nur noch um uns selbst zu kreisen, uns selbst zu genügen – uns selbst in höchste Höhen zu katapultieren und umso tiefer zu fallen. Ohne Geist scheitern wir an uns selbst, weil wir keine Möglichkeit haben, mit unseren Schwächen und Fehlern umzugehen.

Solange das so ist, haben wir als Kirche trotz unseres hohen Alters ein riesiges Betätigungsfeld vor uns – gerade auch in unserer atheistisch geprägten Stadt, in der Jugendliche den Geist widerspiegeln, den sie einatmen können oder nicht, der in ihnen Wohnung nimmt oder schon längst entwichen ist. Gestern gedachten wir der Sprengung der Universitätskirche vor 41 Jahren. Da waren kein Rektor, kein Dekan, kaum ein Professor der Universität, eine Handvoll Studierende anwesend, kein Oberbürgermeister, kein Kulturdezernent, eine Stadträtin von 72 - Anzeichen von Luschigkeit? Und noch nicht einmal die Bauarbeiten auf dem Campus wurden für die Zeit des Gedenkens eingestellt. Lediglich der Amtsinhaber der ältesten Institution unserer Stadt, der Thomaskantor und die Thomaner traten auf und sangen die Bach-Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ – den Presslufthammer übertönend. Und nun die Frage: wer möbelt hier auf und staucht zusammen und wen? Wer merkt überhaupt noch, dass das ein Skandal ersten Ranges ist – Ausdruck von Geistlosigkeit, alles, wozu Jugendliche in der Lage sind, in den Schatten stellend?

Und damit sind wir bei der entscheidenden Frage: in welchem Geist leben wir als Kirche? Wofür streiten wir? Woran knüpfen wir an? Der Predigttext beginnt mit den programmatischen Worten Jesu:
Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen
Es bleibt unsere Aufgabe zeichenhaft zu leben, dass Gottes Geist uns verschiedenen Menschen miteinander verbindet und wir darum aufeinander angewiesen sind und darum kein Leben, aber auch keine Auseinandersetzung über die Frage, wie wir leben, für überflüssig erklärt werden darf. Und wenn wir allein das im Auge behalten, dann mangelt es niemandem an sinnvoller Arbeit, an Betätigung, und hoffentlich auch nicht an Geisteskraft, zukünftiges Leben zu gestalten. Und wir können dabei als Kirche durchaus mit dem gesunden Selbstbewusstsein des reifen Alters auftreten: denn jeder möge sich unsere Städte einmal ohne Kirchen, ohne deren Beitrag zur Kultur, ohne Christenmenschen, ohne die Grundbotschaft Jesu:
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
vorstellen. Ich weiß, was manche jetzt denken: der nimmt den Mund zu voll. Nein - in einer Zeit, in der die Leserbriefspalten damit gefüllt sind, wie überflüssig Kirche und ihre Botschaft sind, und in der bis in die Bildungselite hinein Menschen meinen, wir Christen seien von gestern und es komme nicht darauf an, ob ich zur Kirche gehöre oder nicht, in einer solchen Zeit sollten wir an unserem Geburtstag daran erinnern, dass gerade die Kirche 1989 und auch davor mit ihrer Botschaft in hiesigen Regionen nicht nur für Christen ein wichtiger Anknüpfungspunkt war und nach wie vor ist. Was, wenn wir darauf nicht mehr zurückgreifen können?

Jeder möge sich also vorstellen, wenn wir nur noch von dem reden können, was uns möglich ist; nur noch von dem Frieden reden können, zu dem wir Menschen fähig (und vor allem nicht fähig sind) und unsere Maßstäbe nicht von der Gewaltlosigkeit Jesu ableiten können und uns stattdessen in einer oberflächlichen Harmoniesucht verlieren, in der es um nichts als um Belanglosigkeiten geht. An diesem Pfingstwochenende sind sie wieder versammelt – die Violetten und die Schwarzen zum Wave Gothic Treffen. Jeder von uns redet über sie. Ich auch. Und kaum dass man einmal einen kritischen Gedanken äußert, wird einem entgegen gehalten: aber die sind doch friedlich! Na, hoffentlich! Dennoch muss erlaubt sein, diese Lebenshaltung zu hinterfragen, darüber zu debattieren: warum schwarz und warum die vielen Totenköpfe, von den umgekehrten Kreuzen ganz zu schweigen? Darf man da nicht mehr zumindest von Geschmacklosigkeit sprechen, wenn ich allein an die fatale Parallelität zu Waffen-SS denke? Warum tragen schon kleine Kinder T-Shirts mit Totenköpfen? Soll davon eine Lebens-, eine Friedensbotschaft ausgehen? Der Frieden schließt diese kritische Auseinandersetzung nicht aus – im Gegenteil: er überwindet eine Gleichgültigkeit, in der es auf nichts mehr ankommt und an deren Ende innere und äußere Haltlosigkeit steht. Jesus sagt:
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Lasst uns in diesem Geist leben, der unserer Schwachheit, unserer Trägheit aufhilft und uns das Rückgrat stärkt. Gott sei Dank schenkt uns Jesus durch seinen Geist den Frieden Gottes, um den wir auch am Schluss der Messe bitten:
Dona nobis pacem
Dieser Friede Gottes ist höher als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.