Predigt über Johannes 16,23b-33

5. Sonntag nach Ostern - Rogate
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Abschied – ständig sind wir darum bemüht, ihn zu verhindern, ihm aus dem Weg zu gehen und doch steht er in jedem Augenblick unmittelbar bevor: der Abschied von einem lieben Menschen, von vertrauter Umgebung; der Abschied von der Lebensmitte, der Wohnung, der Heimat, der Familie. Abschiednehmen müssen verursacht vor allem eines: Angst – Angst, Vertrautes zu verlieren oder verlassen zu müssen, aber auch Furcht vor dem Neuen, dem Ungewissen.

Abschied ist das Thema einer großen Rede Jesu. Sie ist uns im Johannesevangelium überliefert. Jesus wusste, dass er von seinen Jüngern bald Abschied nehmen wird, dass sie ohne ihn werden auskommen müssen. Darum versucht Jesus seine Anhänger auf eine Situation vorzubereiten: ohne den leben zu können, der ihnen immer wieder den Rücken gestärkt, Orientierung verliehen hat und mit Wort und Tat zur Seite gestanden ist. Jesu Abschiedsreden sind aber auch festgehalten worden, damit Menschen, die dem irdischen Jesus nicht begegnet sind, die sich also lange nach seinem Leben und Wirken auf Erden dem Glauben zugewandt haben, ihre Lebens- und Abschiedsängste aufgehoben sehen in dem Trost, den Jesus seinen Jüngern zusprechen wollte. Wenn wir jetzt den Abschnitt aus den Abschiedsreden Jesu hören, der als Predigttext für den heutigen Sonntag Rogate vorgesehen ist, dann möchten wir diese Sätze auf zwei Ebenen verstehen: zunächst als Wort Jesu an seine Jünger, damals gesprochen, um sie aufzurichten, und dann als eine Botschaft an uns heute, die wir in Abschiedssituationen oft genug einen Ansprechpartner vermissen und Stärkung und vor allem Trost suchen.

23 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. 24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, dass eure Freude vollkommen sei. 25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Zeit, dass ich nicht mehr in Bildern mit euch reden, sondern euch frei heraus verkündigen werde von meinem Vater. 26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten will; 27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. 29 Sprechen zu ihm seine Jünger: Siehe, nun redest du frei heraus und nicht mehr in Bildern. 30 Nun wissen wir, dass du alle Dinge weißt und bedarfst dessen nicht, dass dich jemand fragt. Darum glauben wir, dass du von Gott ausgegangen bist. 31 Jesus antwortete ihnen: Jetzt glaubt ihr? 32 Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.33 Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.
Johannes 16,23b-33

Sind wir eigentlich auf solch fremd klingende Texte heute noch angewiesen? Fehlt uns etwas, wenn wir diese Gedanken nicht mehr zur Kenntnis nehmen? Brauchen wir diese Reflexionen über Jesus? Benötigen wir den Glauben an Gott, um unser Leben in den Griff zu bekommen, Krisen zu bewältigen, Ängste zu überwinden? Brauchen wir das Gegenüber Gottes in einer Welt, die sich selbst genug zu sein scheint? Vor allem aber: wie soll Orientierung ausgehen von einem Jesus, dessen Leben in der Sackgasse, im Scheitern am Kreuz zu verenden droht? Wie soll Angst überwunden werden können, wenn mit der Kreuzigung Jesu, aber auch mit seiner Himmelfahrt, ein endgültig erscheinender Abschied von und aus dieser Welt bevorsteht? Das sind Fragen, die sich zunächst innerhalb des Glaubens stellen. Aber in ihnen verbergen sich auch ganz säkulare, alltägliche Anliegen, die Menschen auch ohne Glaubensbezug nachvollziehen können: Was vermittelt uns in dieser Welt Kontinuität? Was bleibt mir als Fundament, wenn alles andere weg bricht – so dass, wie Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht so wunderbar formuliert, wirklich jedem neuen Anfang ein Zauber inne wohnt?

Wenige Wochen nach dem Tod meiner Frau suchte mich ein ungefähr gleichaltriger Mann in der Sprechstunde auf. Er erzählte, dass auch er seine Frau durch eine schwere Krankheit verloren habe. Er habe gehört, dass mir das gleiche Schicksal widerfahren ist, und nun wolle er wissen, wie ich mit der Trauer umgehe. Für ihn selbst habe das Leben jeden Sinn verloren. Er wisse eigentlich nicht, warum er morgens aufstehen soll, und – da er auch noch erwerbslos ist - sei für ihn der Alltag völlig entleert. Wir haben lange miteinander gesprochen – er, der in der atheistischen DDR-Gesellschaft sozialisierte Mann, dem der Blick über den Tellerrand des irdischen Lebens abhanden gekommen ist und der über keine Jenseitsperspektive verfügt; und ich, der ich das unverdiente Glück hatte, schon als Kind am Familientisch gelernt zu haben, dass wir Menschen keinen Anspruch auf ein langes, unbeschwertes Leben haben, wohl aber darauf vertrauen können, dass Gott unsere Bitten, unser Flehen erhört und uns auch dann beisteht, wenn wir einen Weg durch ein finsteres Tal gehen müssen, und er uns am Ende in seiner neuen Welt in Ehren annimmt. Ich erzählte dem Mann, dass mir aus der Zeit der Trauer alles vertraut ist: die Antriebslosigkeit, die depressive Stimmung, das Rechten, die schmerzende Frage nach dem Warum, die Bitterkeit und das tiefe, dunkle Loch der Einsamkeit. Aber dennoch hat mein Leben, hat diese Welt, hat das Diesseits auch in der Stunde des Abschieds ein Gegenüber behalten: Gott. Er hat mich ins Leben gerufen. Zu ihm kann ich beten und in ihm gewinnt mein Leben eine neue Ausrichtung. Vor allem aber ermöglicht mir dieses Vertrauen die Dankbarkeit: die Dankbarkeit für das Zusammenleben, für einen Menschen, den ich liebe. Und das sollte jede Trauer überlagern. Der Mann brachte deutlich zum Ausdruck, dass er Menschen beneidet, die in diesem Vertrauen ihr Leben gestalten können. Ihm sei der Zugang zu einem solchen Glauben leider nicht möglich.

In diesem Sinn ist der Mann Repräsentant derer, die – wie wir alle - in der Welt Angst haben, denen aber der Zugang zum Trost noch verwehrt ist; die mit ihren Bitten, ihren Sehnsüchten allein bleiben; denen in der Stunde des Abschieds niemand so wie Jesus den Jüngern zuruft: Sei getrost, ich habe die Welt, also deine Traurigkeit, deine Verzweiflung überwunden. Ich bin der, der Leben auch im Angesicht des Todes verheißt. Ich bin der, der es nicht bei Bildern, bei Gleichnissen, bei Vertröstungen belässt, der nicht mit Plattitüden wie „Kopf hoch“ oder „Das Leben geht schon irgendwie weiter“ die Trauer, Depression, Bedrängnis, Vereinzelung zu überspielen versucht, sondern der jetzt neues Leben ermöglicht, Gemeinschaft stiftet, Fundamente baut, indem er eure Bitten zu seinen Anliegen macht und sich uns zur Seite stellt und so die Brücke schlägt zu dem oft so fremden und fernen Gott.

Weil sich Jesus so zu uns wendet und so für uns eintritt, gehen die Gebete nicht ins Leere. Weil wir darauf vertrauen können, sind wir alle mit unseren Anliegen, Bitten, Zweifeln, mit unseren Ängsten und Traurigkeiten gut im Gottesdienst aufgehoben. Man stelle sich vor, wir würden in unserer Gesellschaft auf Lieder, Psalmen, Gebete und Texte wie den aus dem Johannesevangelium verzichten. Man stelle sich vor, dass nicht jeden Tag Millionen Menschen um den Frieden, um Gerechtigkeit bitten, das Elend der Menschen im Gebet vor Gott tragen und dabei nicht ihre Vorstellung, ihre Möglichkeit, ihre kleine Welt zum Maßstab machen, sondern die Vorstellungen, die Jesus dazu entwickelt hat. Man stelle sich also vor, dass wir trotz Marssonde und Satteliten nicht über den Tellerrand des Lebens blicken und das Reich Gottes ins Visier nehmen. Es bliebe uns nicht viel Hoffnung und Zuversicht in diesem Leben. Aber nun ist es Gott sei Dank anders:
Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben.
ruft Jesus den Jüngern zu. Wenn wir unsere Wünsche einbetten in das Leben und Wirken Jesu, wenn wir das, worum wir bitten, an den Zeichen, Bildern, Gleichnissen Jesu ausrichten, dann wird Gott uns erhören. Es geht hier um ein zielgerichtetes Beten. Dieser Hinweis ist wichtig. Denn das Gebet kann ja schnell verkommen zu einem Geplapper, zu einer gedankenlosen Aneinanderreihung von allen möglichen Wünschen (das reicht von der Bitte um Sonnenschein, weil ich eine Grillpartie angesetzt habe, bis hin zur Zwei in der Mathearbeit), Wünsche, mit denen ich aber eher meine eigenen Versäumnisse zu übertünchen versuche (wenn ich an die mangelnde Vorbereitung für die Mathearbeit denke) oder einfach nur meine Bedürfnisse kurzfristig befriedigt sehen möchte. Wenn wir aber in Jesu Namen bitten, dann ordnen wir all unsere menschlichen und allzu menschlichen Sehnsüchte dem unter, worauf es Jesus Christus ankommt: Gottes neue Welt, sein Frieden und seine Gerechtigkeit.

Jesus will mit seinen Abschiedsworten etwas Ordnung bringen in unser Bitten und Beten, auch in unsere Hoffnungsvorstellungen in einer brüchigen Welt. Das ist auch nötig. Denn er ahnt, was uns Menschen bei jedem Abschied bevorsteht:
es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst.
sagt Jesus zu den Jüngern. Zerstreut werden in das Seine. Nur mit sich selbst beschäftigt sein. Nur noch seinen eigenen Gedanken nachhängen. Das ist eine der gefährlichen Begleiterscheinungen von Abschied. Es stimmt: Trauer macht egoistisch. Ich sehe nur noch meinen Schmerz, mein Leid und spinne mich darin ein. Ebenso besteht eine Gefahr für Angehörige von schwer erkrankten Menschen darin, sich sie sich von der Krankheit so beherrschen lassen, dass die eigene Bedrängnis, die eigenen Probleme, die daraus erwachsen, sie am Beistand hindern, sie selbst im Mittelpunkt stehen und nicht der Kranke, dem das alles nicht hilft. Diesen Erfahrungen sieht sich Jesus auch ausgesetzt: die Jünger, vom Abschiedsschmerz überrollt, verlassen ihn in der Stunde, in der er vor allem Beistand benötigt. Gott sei Dank ist aber Jesus nicht allein, denn er lebt in der Gemeinschaft mit Gott:
Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.
Und dann fügt Jesus an:
Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt.
Lasst euch bitte nicht vereinzeln, nicht zerstreuen, nicht auseinander dividieren, sondern steht zusammen in dieser Welt gegen alle Bedrängnis, gegen alle Ängste, gegen alle Traurigkeiten. Wir können einen solchen Zuspruch auch heute gut gebrauchen. Denn wir durchleben eine schwierige Phase in unserer Gesellschaft, in der wir wieder einmal Abschied nehmen müssen – von Illusionen ungebremsten Wachstums und Gewinns und von Sicherheiten, ohne den Zauber des neuen Anfangs zu spüren. Stattdessen ist dies mit vielen Ängsten verbunden: nicht zuletzt die Angst vor dem Absturz in die Armut. Und wir sehen auch an etlichen unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger, wie sie sich voneinander abwenden, sich zurückziehen, resignieren, vereinzeln, und wie die Ängste sich in ungezielter Wut und diffusen Enttäuschungen entladen. Was kann es da bedeuten: mit Jesus Frieden haben? Vor allem dies: die eigenen Sehnsüchte mit seiner Lebensperspektive verbinden und so vor Gott treten. Und wir werden spüren: da geht es nicht mehr nur um die Befriedigung kurzfristiger Bedürfnisse. Da geht es um das ganze Leben und Sterben und Auferstehen. Da geht es also um Freude und Leid, Himmel und Erde. Da geht es um den Blick über den Tellerrand.

Im Herbst werden wir im Rückblick auf die friedliche Revolution 1989 uns auch an die Kraft des Gebetes erinnern. Damals wurden durch das Gebet, durch die inständige Bitte nach Frieden und Gerechtigkeit, durch die Hinwendung zu Gott Bedrängnis und Angst überwunden. Damals waren Männer und Frauen davon überzeugt, dass Gott diese Welt nicht so unveränderbar geschaffen hat, wie diejenigen Glauben machen wollten, die der Mauer noch im Sommer ’89 hundert Jahre Zukunft verheißen hatten – und das, obwohl oder weil sie für sich jeden Gedanken an Gott verwarfen. Doch wer betet, wer immer und immer wieder Bitten vor Gott trägt, für den ist nichts unveränderbar, dem liegt die Welt zu Füßen – denn jeder Augenblick hält für uns ein Wunder Gottes bereit, und darin liegt der Zauber des neuen Anfangs begründet. Wer betet, der verfügt über eine Perspektive, die weit über die Grenze des Todes und damit auch über die Grenze des Ist-Zustands unseres Lebens, unserer Gesellschaft hinausreicht. Wer betet, vertraut darauf, dass unabhängig von unserem Glauben Gott an uns glaubt, für uns glaubt, auf uns setzt und uns vertraut, obwohl wir dieses Vertrauen immer wieder negieren. Für diese Haltung Gottes steht der Name Jesus Christus. Er hat nicht nur die Welt, sondern auch jeden von uns überwunden. Darum lasst uns keinen Augenblick aufhören zu bitten:
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.