Predigt über Johannes 10,10-16
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.Wer ist Jesus von Nazareth? Eine Frage, die so alt ist, wie der christliche Glaube. Jesus selbst stellt diese Frage zuerst:
Wer, glauben die Leute, bin ich
Markus 8,27b - nach der Übersetzung von Walter Jens)
Hinter der Frage verbergen sich neben verständlicher Neugier die konkrete Sorge, Menschen könnten sich falsche Vorstellungen von Jesus machen. Die Sorge ist nicht unbegründet: schließlich hatte ein Judas andere Erwartungen an Jesus, als dieser zu erfüllen bereit war. Darum das tödliche Zerwürfnis zwischen beiden. Auch die Jünger von Emmaus dachten, Jesus wäre der, der Israel von aller Unterdrückung befreit. Darum verließen sie so niedergeschlagen Jerusalem, nachdem ihr Hoffnungsträger am Kreuz gescheitert war.
Die Frage, wer Jesus ist, bewegt auch heute noch die Gemüter - nicht nur in den Kirchen. Denn es geht um die Tragfähigkeit und Glaubwürdigkeit der Maßstäbe und Botschaften, die wir diesem Jesus von Nazareth verdanken. Wenn wir jetzt Antworten sammeln würden - es käme mehr als ein bunter Frühlingsstrauß zusammen. Jesus - Fiktion, Erfindung von religiösen Spinnern und Heiland frommer Gemüter; Jesus - gescheiterter Revolutionär oder Sohn Gottes; Jesus - Sektenanführer und Volksaufrührer; Jesus - auferstandener Christus und verwester Leichnam. Für alles lassen sich Gründe anführen. Nur - halten diese Antworten den in den Evangelien gesammelten Selbstaussagen Jesu und ihrer Einbettung in die Glaubenstradition stand?
Eine dieser Selbstaussagen bestimmt den Predigttext für den heutigen Sonntag, ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium.
Ich bin der gute Hirte,
der sein Leben für die Schafe lässt.
Johannes 10,11 - nach der Übersetzung von Walter Jens
Die Menschen, die das zuerst von Jesus selbst, dann in den Gemeinden bis zum heutigen Tag hörten und hören, verbanden und verbinden mit dieser Selbstaussage vom guten Hirten viele Bilder und Geschichten aus der biblischen Tradition. Da ist ja nicht nur der uns so vertraute 23. Psalm, diese eiserne Ration des Glaubens:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Jesus, der gute Hirte - da denken wir auch an Abel, den gottesfürchtigen Hirten; an Mose, den Hirten, der von Gott mit dem Auftrag versehen wurde, das Volk Israel aus der Knechtschaft in Ägypten herauszuführen; an David, den Hirtenjungen, der zum König aufstieg. Da erinnern wir uns an das prophetische Bild vom Hirten, der das Verlorene suchen und das Zerstreute zusammenführen wird. Da kommt uns in den Sinn, dass es die Hirten waren, die von der Geburt Jesu erfahren, ihre Furcht überwinden, das Kind in der Krippe anbeten und so zu den ersten Trägern der Verkündigung werden. Und schließlich erinnern wir uns daran, dass Jesus im Gleichnis vom verlorenen Schaf die Rolle des Hirten darauf zuspitzt: nicht die 99 Starken müssen beschützt werden, denn ihnen ist viel Eigenleistung zuzumuten; aber die Schwachen, eben das eine verlorene Schaf darf in seiner Verzweiflung und Einsamkeit nicht allein gelassen werden.
All das schwingt mit, wenn wir diese Aussage Jesu hören:
Ich bin der gute Hirte
Da ist nichts Bedrohliches; nichts Aggressives; nichts, was uns Angst machen könnte; nichts Falsches. Und doch umgibt sich Jesus nicht mit der Aura einer Hirtenidylle oder Schäferpoesie. Sie ist auch der Bibel fremd: Abel wird Opfer eines brüderlichen Eifersuchtdramas; Mose vergeht sich an einem Ägypter; David verführt die Frau eines seiner Offiziere. Und der verlässliche Hirte, der dafür sorgt, dass mir nichts mangelt, weidet die Schafe nicht nur auf grüner Aue. Er ist auch bei ihnen, wenn sie einen Weg durchs finstere Tal, durch das Tal des Todes zu bewältigen oder ihr Leben im Angesicht der Feinde zu bestehen haben.
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Bild vom guten Hirten sehr tröstliche, befreiende Konturen: von ihm geht keine Angstpropaganda aus, denn Jesus will Vertrauen stiften. Von ihm geht keine Zerstörung aus, denn Jesus will Leben bewahren. Jesus macht sich auch dann nicht aus dem Staub, wenn es für ihn selbst gefährlich wird:
Er lässt sein Leben für die Schafe
Das von aller äußeren Bedrohung befreite Leben der Schafe ist ihm wichtiger als die Selbsterhaltung des eigenen Lebens. Jesus, der gute Hirte, instrumentalisiert die Schafe nicht für seine Sache. Auch sagt er nicht: wenn ich schon dran glauben muss, dann auch ihr. Die kollektive Selbstzerstörung, allzu oft schrecklicher Endpunkt religiös-politischer Verblendung (man denke nur an die kollektive Selbstmordaktionen in Sekten), ist nicht die Sache Jesu und kann damit auch niemals die Sache von Christen sein.
Um das zu verdeutlichen, entwirft Jesus ein Negativbild - uns aus historischer und gegenwärtiger Erfahrung mindestens so vertraut, wie das Bild vom guten Hirten:
Der Mietling* jedoch,
(*der für Geld eine Aufgabe erledigt, hinter der er nicht steht und für die er nicht einsteht)
gedungen, fremd, um Lohn gekauft,
flieht, wenn er den Wolf kommen sieht,
und lässt die Schafe allein,
die nicht sein eigen sind,
und sieht zu, wie der Wolf,
der Räuber,
in die Herde einfällt, die Tiere reißt
und, die vor ihm flüchten, zerstreut.
Was kümmern den gedungenen Mann die Schafe?
Er läuft davon und lässt die Herde im Stich.
Johannes 10,12-13 - nach der Übersetzung von Walter Jens
In diesen knappen Sätzen beschreibt Jesus sehr polemisch ein System des Herrschens und Raubens, das bis zum heutigen Tag wirksam ist. In diesem System bedingen sich Mietling und Wolf gegenseitig. Sie kommen gut miteinander ins Geschäft, wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten - jeder auf seinen materiellen Vorteil und seine Macht bedacht. Mietlinge - das sind all die selbsternannten Hirten, Machtmenschen, die sich aus sehr eigennützigen Gründen an die Spitze einer sich selbst überlassenen, verunsicherten Herde setzen. Aber niemals sind sie bereit, Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen, schützend, Vertrauen bildend, Angst nehmend für die Herde zu wirken. Mietlinge, das sind Hirten, die in der Herde nur eine amorphe Masse sehen. Sie können aber nicht das, was der gute Hirte vermag: jeden einzelnen bei seinem Namen rufen.
Ich aber bin der gute Hirte,
und ich kenne meine Schafe
und die Schafe kennen mich
Johannes 10,14 - nach der Übersetzung von Walter Jens
so die zweite Qualifizierung des guten Hirten. Mit ihr sagt Jesus, für wen er sein Leben einsetzt: für jeden einzelnen Menschen. Jeden einzelnen in seiner Not und Angst, in seiner Traurigkeit und Verzweiflung, in seinem Glück und Erfolg kennen, ihm in Gesundheit und Krankheit, im Leben und Sterben beistehen - das ist das Markenzeichen und das Erkennungsmerkmal des guten Hirten, des Jesus von Nazareth.
In seiner Herde droht niemand in der Masse unterzugehen. Da wird auch niemand mit Gewalt gefügig gemacht. Der gute Hirte achtet die Individualität eines jeden Menschen und fördert so sein Selbstbewusstsein. Gerade Letzteres überwindet ein Herdenverhalten, vor dem wir uns durchaus fürchten und dessen sich die Mietlinge so gern und schamlos bedienen: dass sich nämlich das Selbstwertgefühl eines Menschen nur herleitet über den anderen, genauer: im Gegensatz zum Schwächeren oder Andersartigen. Der Sozialhilfeempfänger erhebt sich über den Asylbewerber; der Erwerbslose über den Obdachlosen; der Jugendliche ohne Ausbildungsplatz über den Ausländer - und alle machen aus dem Anderen ihr Feindbild bzw. die Mietlinge liefern es freihaus.
Jesus geht es aber darum, dass sich der Selbstwert eines Menschen nicht über andere, sondern nur über ihn, den guten Hirten bestimmt. Gott ist es, der dem Einzelnen seine Identität, seine Unverwechselbarkeit verleiht - woran wir durch die Taufe erinnert werden. Und dann geht es Jesus um ein Zusammenleben der Einzelnen in einer Gemeinschaft der Gerechtigkeit. Für den Mietling aber ist die Herde eine Ansammlung anonymer Massenteilchen. Da kommt es gar nicht darauf an, ob eines fehlt oder nicht, ob es einem gut geht oder schlecht - Hauptsache keiner ragt heraus und macht dem Mietling seine Stellung streitig.
Nirgends war das Mietling- und Wolfssystem so perfekt organisiert wie im Dritten Reich unter den Nationalsozialisten. Adolf Hitler - Mietling und Wolf zugleich - bemächtigte sich der Herde des deutschen Volkes mit einer Unzahl von Mietlingen, um sie dem Fraß und der Zerstreuung durch die Wölfe preiszugeben. Wie ein Dieb und ein Räuber ist er in den Schafstall hineingestiegen, um sein Unwesen zu treiben - um zu stehlen, zu morden, zu zerstören, niederzumetzeln und umzubringen (mit diesen Worten beschreibt Jesus das abscheuliche Treiben derer, die sich nicht durch ihn für den Hirtendienst beauftragen lassen, sondern sich selbst Macht anmaßen; vgl. Johannes 10,10a). Als es mit dem Naziregime zu Ende ging, da schickte der Mietling-Wolf Hitler noch die ganz jungen Schafe in den Tod. Und sich selbst stahl er davon, indem er sich selbst tötete.
Was in der Nazi-Diktatur im Extremen geschah, spielt sich auf sehr subtile Weise immer wieder im gesellschaftlichen und politischen Leben ab. So gehört zum Mietling- und Wolfssystem das Verschwinden des Einzelnen hinter anonymen Zahlen und Massenbezeichnungen. Wir erleben es derzeit extrem, wie hinter den Milliardensummen, die täglich als Schulden, als Verlust, als auszugleichende Summe herumschwirren, das Einzelschicksal verschwindet. Das hat einen tiefen Grund: der Mietling will sich nicht mit den Folgen seines Handelns für den einzelnen Menschen konfrontieren lassen. Nicht das verlorene Schaf, nicht der ins soziale Abseits geratene Mensch bestimmen sein Handeln, sondern die Absicherung seines materiellen Erfolges. Was hat ein Banker für eine Ahnung, wie es um einen Hartz-IV-Empfänger oder einer Familie in Darfur steht, also die direkt Betroffenen seines Handelns? Es wird also alles darauf ankommen, dass wir unterscheiden lernen zwischen dem guten Hirten und seiner wohltuenden Botschaft der Fürsorge, der Geborgenheit und des Erbarmens - und den Mietlingen, die aus einer führerlosen Herde wohl eine organisierte Masse zu machen vermögen, aber dies nur können auf Kosten von Recht und Gerechtigkeit, auf Kosten des Einzelnen und seiner Würde.
In diesem Jahr stehen uns viele Wahlen ins Haus. Das ist ja zunächst etwas Wunderbares: Zeichen von Demokratie und Beteiligung. Bei diesen Wahlen wird es auch um die Unterscheidung gehen zwischen denen, die sich als Wölfe und Mietlinge aufspielen, und denen, die die Würde des Menschen, sein Lebensrecht und seine Bedürfnisse, im Blick haben. Im Leipziger Osten grassieren derzeit die Mietlinge und Wölfe der NPD – mit dem Slogan „Wir sind das Volk“ und vermischen Woche für Woche auf unerträgliche Weise die Errungenschaften der friedlichen Revolution mit ihren Nazi-Parolen wie „Sondersteuer für Unternehmen, die Ausländer beschäftigen“ „Ausländerstopp für Leipzig! Unsere Stadt darf nicht Klein-Instanbul werden“ „Keine Moschee in Leipzig“ „Ausgliederung statt Integration! Besseres Lernen durch Trennung von ausländischen und deutschen Kindern …“ „Kulturstätten dürfen nicht länger als Zentren der antifaschistischen Propaganda missbraucht werden!“ „Entartungen Einhalt gebieten“. In dieser ekelhaften Weise versuchen Neonazis und Demokratiefeinde aus den sozialen Schwierigkeiten und Verunsicherungen, in die viele Menschen geraten sind und die ihr Selbstwertgefühl erschüttert haben, propagandistisches Kapital zu schlagen.
Nun merken wir hoffentlich alle zwei Dinge sehr schnell:
• wie wir uns gegenüber der NPD verhalten, ist keine Frage von politischer Opportunität, sondern hier ist unsere Glaubensüberzeugung herausgefordert;
• bei den Drahtziehern der Neonazis handelt es sich um Mietlinge und Wölfe, um Diebe und Räuber, die jetzt in den Stall einsteigen, sich dabei vieler Türen bedienen, die sehr unterschiedlich beschriftet sind - aber ein Namensschild tragen sie nicht: Jesus Christus (vgl. Johannes 10,7ff).
Denn den Neonazis ging es noch nie um den einzelnen Menschen, seine Individualität, seine Würde, sein Recht. Vielmehr soll eine Herde dadurch zusammengeschweißt werden, dass alles Fremde - zum Feindbild gemacht - mit kanalisierter Gewalt ausgeschaltet und verdrängt wird.
Wie gut, dass wir aus dem Mund Jesu hören: der gute Hirte fühlt sich nicht nur verantwortlich für die uns überschaubare Herde, der wir angehören, sondern für alle Menschen.
Und es sind viele Schafe,
aus vielen Ställen,
nicht nur dem einen,
und alle gehören zu mir,
ich führe sie her, das ist meine Pflicht,
und sie werden meine Stimme hören,
und es wird nur eine Herde sein
und ein Hirt.
Johannes 10,16 - nach der Übersetzung von Walter Jens
Jesus zieht keine Mauer oder Stacheldraht um die Herde, damit niemand hereinkommen bzw. niemand ausbrechen kann. Im Gegenteil - er sagt denen, die sich - aus nationalistischen, religiösen oder rassistischen Gründen - über andere Menschen erheben, die meinen, ihren Glauben, das Gute als Privateigentum für sich pachten zu wollen, die sich nur im feindlichen Gegensatz zu anderen Menschen bestimmen können - denen sagt Jesus: der Andere, der euch Fremde, gehört auch zu mir. Denn auch ihn kennt der gute Hirte mit Namen. Auch für ihn setzt er sein Leben ein. Und ihn will er mit allen anderen zu einer Herde unter einem Hirten führen.
Mit diesem Einspruch will Jesus einer doppelten Gefahr wehren:
• dass aus seiner Gemeinde eine sich selbst genügende Herde mit klerikalem, nationalem Stallgeruch wird.
• dass aus der Kirche eine selbstsichere Institution wird, die ihre Funktionäre zwar Hirten nennt, ohne davon zu reden, wie schnell aus ihnen Mietlinge und Wölfe werden können.
Es wird aber nur von einem Hirten gesagt, dass er gut ist: Jesus Christus. Er verheißt uns das, wonach wir ein Leben lang suchen und was er als seine Aufgabe bezeichnet:
Ich aber bin gekommen,
damit sie am Leben bleiben
und Nahrung im Überfluss haben.
Johannes 10,10b - nach der Übersetzung von Walter Jens
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.



