Predigt anlässlich der Einweihung des restaurierten Taufsteins

2. Sonntag nach Ostern - Miserikordias Domini
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Taufstein – nur selten können wir das, was zu jeder Kirche gehört, wirklich würdigen, zumal wenn der Taufstein in einem nicht jederzeit zugänglichen Bereich der Kirche aufgestellt ist. Das hat natürlich auch seine Richtigkeit: denn wir sollen uns ja nicht um Steine scharen, sondern um Menschen kümmern – um Menschen, die sich durch die Taufe von Gott ins Dasein rufen und zu verantwortlichem Leben berufen lassen. Um Menschen, die durch den Glauben den Sinn, die Aufgaben und das Ziel ihres Lebens entdecken. Um Menschen, die des Trostes, der Wegweisung und der Schärfung der Gewissen bedürfen.

Aber ein Taufstein erzählt auch die Geschichte einer Kirche, einer Gemeinde – unser Taufstein aus dem Jahr 1614 vermag dies in zweifacher Weise:
• zum einen berichtet er von der Geschichte unserer Kirchgemeinde. Und das seit fast 400 Jahren. Zehntausende Kinder, Jugendliche, Erwachsene wurden an dieser Stelle getauft, früher in das Becken getaucht, Symbol dafür, dass – wie Martin Luther im Kleinen Katechismus sagte – „der alte Adam in uns … soll ersäuft werden“, und die Menschen wurden mit Recht und Würde gesegnet. Gleichzeitig erhielten sie mit der Taufe ihren Namen – was die Einzigartigkeit und die Unverwechselbarkeit eines jeden Menschenlebens unterstreichen soll. Das war bei den 11 Kindern aus der zweiten Ehe von Johann Sebastian Bach mit Anna Magdalena Bach so, die an diesem Taufstein, damals noch unter der Westempore stehend, hier getauft wurden, aber auch bei Richard Wagner, der 1813, und bei Karl Liebknecht, der 1871 in der Thomaskirche getauft wurde. Und das ist auch heute bei den vier Kindern, die getauft wurden, und denen, die sich gerade an ihre Taufe haben erinnern lassen. Für ihre Geschichte steht der Taufstein, den wir in den vergangenen Wochen restauriert haben, auch für die Erinnerung an die gute Nachricht von Jesus Christus und für die Mahnung, dass wir als Christenmenschen in dieser Welt unserer Berufung gerecht werden sollen.
• Und damit komme ich zu der anderen Geschichte, die dieser Taufstein erzählt. Dieser Taufstein ist so gestaltet, dass er als eine Art Bilderbuch zur Taufe gelesen werden kann. Und nun können wir Seite um Seite aufschlagen, fangen aber mit dem Äußeren, dem Buchdeckel an:

Da ist der Fuß bzw. Schaft des Taufsteins aus schwarz-braunem Marmor gefertigt – durchaus dunkel-bedrohlich: er stellt das stürmische Meer dar, Muscheln sind zu erkennen und Seetiere. Das erinnert an den Anfang der Schöpfung, die Urflut:
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
1. Mose 1,1.2
Geist Gottes verleiht dem Chaos, dem Tohuwabohu, eine Ordnung. Doch wie den Geist darstellen? Die Künstler dieses Taufsteins haben der Flut vier Atlanten in Gestalt von Kindern, zwei Jungen, zwei Mädchen, an die Seite gestellt, keine Engelsfiguren – nein, Kinder, die das Becken über der Flut halten. Was für ein Symbol: es sind die Kinder, die die Zukunft der Kirche ausmachen. Und es sind die Kinder, die durch die Kraft des Glaubens mehr vermögen, als ihnen von uns zugetraut wird.
Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.
Markus 9,23
sagt Jesus und verweist damit auf die Energie, die dem Glauben innewohnt.

Doch halten nicht nur Kinder das Taufbecken über der stürmischen See - der Taufstein ist den Kindern sehr zugewandt gestaltet. Auf Augenhöhe von Kindern werden in kleinen, kunstvoll gestalteten Reliefs aus Alabaster vier Geschichten erzählt – und zwar in jedem Feld nicht nur eine Szene. Vielmehr wird die Abfolge des Geschehens meist von rechts nach links erzählt. Und wieder geht es ums Wasser: zwei Geschichten, die die zerstörerische Wirkung des Wassers aufzeigen, zwei die die heilende Kraft darstellen – und dies geschieht sozusagen über Kreuz.

Es beginnt mit der Sintfluterzählung: die Arche Noah. Rechts sehen wir –ja wen? Eine Figur - sie sitzt unter einem Baum, dessen Krone sich schützend über die Figur wölbt. Der Figur rechts entspricht eine zweite Figur, die links aus dem Bild zu laufen scheint, ebenfalls Schutz suchend unter einem Baum. Die rechte Figur hat auf dem Schoß einen Säugling liegen. Die linke Figur scheint diesen rettend weg zu tragen. Wie ist das zu deuten? Ich will es so versuchen: rechts sitzt die Frau des Noah, händeringend, den Säugling vor sich liegend. Links ist Noah, der das Kind vor den Fluten rettet in die Arche trägt. Und dazwischen geht alles in den Fluten unter. Links oben sehen wir die Arche, die über den Fluten schwebt. Sie hat acht Fenster – ein Hinweis auf die acht Geretteten, von denen in dem Bibelzitat aus dem 1. Petrusbrief die Rede ist und durch das die Sintflut gedeutet wird:
Gott harrte und (hatte) Geduld zur Zeit Noahs, als man die Arche baute, in der wenige, nämlich acht Seelen, gerettet wurden durchs Wasser hindurch. Das ist ein Vorbild der Taufe, die jetzt auch euch rettet.
1. Petrus 3,20b-21a
Wenn wir diesen Gedanken auf die Taufe beziehen, dann kann es keinen Zweifel am Inhalt geben: nur die, die getauft werden, haben Anteil am Heil, die anderen gehen unter. Doch gegen eine solche Sichtweise sträubt sich unser Denken, zumindest meines – nicht zuletzt aufgrund der verheerenden Zwangstaufen im 16. Jahrhundert im eroberten Lateinamerika. Heute verbinden wir die Taufe nicht mit der Rettung, jedenfalls nicht in dem Sinn, dass ohne Taufe die Menschen verloren sind. Da hätte die Leipziger Bevölkerung schlechte Karten und wir müssten jeden Tag mindestens drei zornig-warnende Gerichtspredigten halten. Heute sehen wir in der Taufe eher den Zuspruch Gottes an den einzelnen Menschen.

Aber im übertragenden Sinn können wir die Geschichte von der Sintflut schon so verstehen: wer keine Orientierung im Leben erfährt, droht unterzugehen. Und derzeit gibt es ja viele Menschen, die überhaupt nicht mehr zurecht kommen mit ihrem Leben. Sicher: es liegt zum einen an den krank machenden Faktoren unseres Alltags: Umweltbelastungen, Überforderungen in Schule und Beruf, Schnelligkeit der Prozesse. Aber ein Grund für die krisenhafte Situation vieler Menschen ist darin zu finden, dass zu viele Menschen keinen Zugang mehr haben zur Geborgenheit der Arche. In der vergangenen Woche wurde im ARD-Magazin „Monitor“ ein erschütternder Bericht über die dramatisch zunehmenden psychischen Erkrankungen von Menschen gesendet, die sich den beruflichen Anforderungen nicht mehr gewachsen fühlen und dann, angesichts des drohenden burn-out-Syndroms, zu Aufputsch- oder Beruhigungsmitteln greifen: „Doping am Arbeitsplatz“. Offensichtlich mangelt es uns Menschen immer mehr an inneren Steuerungsinstrumenten, so dass wir uns den äußeren Anforderungen hilflos ausgeliefert sehen. Es mangelt uns an einem Grundvertrauen, das uns Widerstandskraft verleiht und uns nicht untergehen lässt. Dennoch muss uns aber eines klar sein: Rettung erfahren wir nicht dadurch, dass wir andere zugrunde richten, vernichten, sondern nur in dem Sinn, dass wir wissen, wo unsere Arche, unser Schutzraum ist.

Das gegenüber liegende Relief erzählt die Geschichte vom Durchzug des Volkes Israel durch Rote Meer – die Grundgeschichte von der Befreiung, auch von der Freiheit eines Christenmenschen: Mose im Mittelpunkt, der mit seinem Stock das Meer teilt. Links die Israeliten, die durchs Trockene gezogen sind und nun der Wolke folgen, die ihnen den Weg durch die Wüste weist. Und rechts die Ägypter, die elendig in den zurückdrängenden Fluten des Roten Meeres ertrinken. Und nun das Bibelwort, das auf seltsam direkte Weise vom Erfolg und Misserfolg des Glaubens spricht:
Durch den Glauben gingen sie durchs Rote Meer wie über trockenes Land; das versuchten die Ägypter auch und ertranken.
Hebräer 11,19
Natürlich wirft gerade dieses Wort wie auch die Gestaltung des Relief die Frage auf: warum ist Rettung, warum ist das Glück der einen immer verbunden mit Verderben, mit Unglück von anderen? Warum können wir Lebensgenuss, Freude, Erfolg immer nur auf Kosten von anderen erreichen? Eine schlüssige Antwort kann ich nicht geben. Unser Leben ist voll von Widersprüchen. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß. Wir wollen und können gut und böse, richtig und falsch, gelungen und gescheitert, Täter und Opfer nicht bis zur Unkenntlichkeit einebnen. Im Blick auf die Taufe bedeutet dies: durch das Wasser gehen wie durchs trockene Land kann nur der, der Gott vertraut. Vertrauen kommt nicht von selbst und unterliegt auch nicht dem Zufallsprinzip. Denken wir an Petrus, der auch versuchen wollte, Jesus auf dem Wasser entgegen zu gehen, aber es nicht vermochte und durch Jesus aus dem Wasser gezogen werden musste. Ihm fehlte das Vertrauen. Deswegen sprach Jesus vom Kleinglauben. Wer sich auf den Weg zur Freiheit begibt, wer dabei durchs Wasser gehen will, benötigt einen starken Glauben.

Nun wenden wir uns den beiden Erzählungen, durch die die heilende Kraft des Wassers aufgezeigt wird. Da ist zunächst die relativ unbekannte Geschichte von der Heilung des syrischen Hauptmanns Naaman durch Elisha, den Sohn des Propheten Elia. Sie wird im 2. Buch der Könige erzählt. Das besondere an dieser Erzählung ist: Elisha und Naaman trafen nie aufeinander. Elisha lässt seine Nachricht überbringen. Rechts ist ein Diener Naamans zu sehen, der ihn anzutreiben scheint. Und Naaman selbst ist dabei, sich den Mantel auszuziehen. Sieben Mal soll er ins Jordanwasser eintauchen, um sich zu waschen und dadurch vom Aussatz befreit zu werden. Im Zusammenhang mit der Taufe soll diese Geschichte illustrieren, was mit dem Bibelwort aus dem Johannesevangelium ausgesagt ist:
Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Johannes 3,5
Taufe ist kein mirakulöses Erleben. Heilung geschieht nicht durch Medizinmänner oder –frauen, sondern durch Wasser als Element der Reinigung und durch den Geist Gottes, der Vertrauen ermöglicht.

Das wird auch durch das vierte Relief verdeutlicht: die Taufe des Kämmerers aus dem Morgenland. Eine erstaunliche Geschichte, die uns in der Apostelgeschichte überliefert wird. Das Relief zeigt, wie Philippus zu dem Kämmerer geht und diesen in ein Gespräch verwickelt:
Verstehst du auch, was du liest?
fragt Philippus den Kämmerer. Daraus entwickelt sich ein langer Diskurs über Gott und die Welt, an dessen Ende, eine Wasserstelle erblickend, der Wunsch des Kämmerers steht getauft zu werden. Die Taufhandlung bestimmt das Relief. Oben links sieht man dann, wie der Kämmerer weiterfährt:
Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.
Auch hier legt der Bibelspruch wieder das Hauptgewicht auf die Heilszusage durch die Taufe:
Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.
Markus 16,16a
steht auf dem nach Osten gerichteten Rand des Taufbeckens. Damit wird zusammengefasst, was in der Begegnung zwischen Philippus und dem Finanzminister eigentlich geschieht: ein erwachsener Mensch kommt zum Glauben, indem er in der Bibel liest, sich auf das Gespräch mit einem anderen Menschen einlässt und diesen bittet, als er eine Wasserstelle entdeckt, ihn zu taufen. An dieser Stelle ist wichtig, auf die dreifache Bedeutung des Taufwassers hinzuweisen:
• Ohne Wasser, kein Gedeihen. Ohne Düngen und Bewässern des Glaubens, verdorren auf Dauer das Vertrauen, die Liebe, die Hoffnung.
• Wasser ist Kraft, Energie, die wir zum Leben brauchen, um vor dem Dahinvegetieren bewahrt zu werden.
• Und schließlich ist das Wasser das Element der Reinigung und damit Zeichen für die Vergebung, die wir durch Jesus Christus erfahren.
Natürlich: das Wasser verliert dann seine zerstörerische und entwickelt seine heilende Kraft, wenn der Geist Gottes über dem Wasser schwebt. Darin liegt auch die Bedeutung des leider verloren gegangenen Taufdeckels. Er war als Baldachin gestaltet und wurde bei jeder Taufe an einem Seil hochgezogen. Leider ist der Deckel bei der Verlegung des Taufsteins in den Altarraum entfernt worden. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er vernichtet. Aus den Unterlagen wissen wir: den vier Kindern, die das Becken halten, korrespondierten im Taufdeckel die vier sitzenden Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Innerhalb des Baldachins war dargestellt die Taufe Jesu durch Johannes. Die Bekrönung des Baldachins bildete eine Christusfigur mit einem Kind auf dem Arm, Anspielung auf das sog. Kinderevangelium. Das bedeutet: die Kinder, die das Becken halten, können dies nur, weil sie durch Jesus Christus, durch seinen Geist getragen, aufgefangen, gehalten werden. Dieser Geist Jesu soll auf jeden Täufling übergehen.

Nun ist es niemandem möglich, die verschiedenen Aspekte der Taufe auf einmal zu erfassen – so wie wir ja auch den Taufstein und seine Bilder nicht im Ganzen und gleichzeitig sehen können. Man muss um ihn herum gehen, Verbindungen zwischen den einzelnen Reliefs und Bibelsprüchen herstellen – ein wunderbares Zeichen dafür, dass Taufe, Vertrauen, Glauben eben kein einmaliges Geschehen sind, sondern der Erinnerung, der Vertiefung, der GlaubensBildung bedürfen. Dazu möchte uns das Wasser immer eine lebendige Quelle sein und dazu schenke Gott uns seinen Geist.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.