Predigt über Markus 16,1-8

Ostersonntag
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Es ist schon ein erstaunlicher Vorgang: die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ titelt zum Osterfest: „Die unglaublichste Geschichte der Welt“ und fragt „Nichts klingt unwahrscheinlicher als die Auferstehung Jesu. Warum feiern Milliarden Christen trotzdem Ostern?“ Da geht es endlich einmal nicht um das x-ste Umfrageergebnis, dass noch nicht einmal 30 Prozent der Deutschen mit Ostern das Fest der Auferstehung Jesu verbinden und noch weniger an diese glauben. Auch wird nicht wieder einmal das Turiner Leichentuch als angeblicher Beweis für die Auferstehung aufgewärmt. Da hält es eine liberale Zeitung für angebracht, dem Leser eine „Quellenkunde für Atheisten“ vorzulegen und die Redakteurin Sabine Rückert begründet mit „aufgeklärtem Geist“, warum sie als rational denkender Mensch an die Auferstehung Jesu von den Toten glaubt. Und sie plädiert dafür, die biblischen Geschichten bei nüchternem Verstand zu ertragen und zu betrachten. Daran wollen wir uns auch jetzt halten, wenn wir als Predigttext für den Ostersonntag die „unglaublichste Geschichte der Welt“ in der Fassung des Markusevangeliums hören:

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.
Markus 16,1-8

Stellen wir uns einmal vor: die Frauen hätten tatsächlich nichts erzählt. Sie hätten alles, was sie am Ostermorgen erlebt haben, für sich behalten. Stellen wir uns vor: wir erzählten nichts von unseren Ängsten und Hoffnungen, von unseren Brüchen im Leben, von Neuanfängen, von Scheitern und Gelingen. Stellen wir uns also vor, wir würden alle nur noch in uns gekehrt existieren; hörbar nur noch eine tiefe Verschwiegenheit über alles, was unser Leben ausmacht – wie Mehltau würde das Unausgesprochene, das Unterdrückte auf den Seelen der Menschen lasten und unser Land in eine graue Depression stürzen. Und vielleicht ist ja eine Ursache für viele Probleme, die uns lebendig in eine Art Todesstarre versetzen, dass wir viel zu wenig miteinander reden über das, was uns berührt, erschreckt, aufwühlt, empört, zuversichtlich macht; dass wir uns durch ein läppisches Dauer-Entertainment ablenken lassen von dem, was uns eigentlich umtreiben muss: wie wir menschlicher, hoffnungs- und vertrauensvoller, gerechter miteinander umgehen können, damit sich für die nächste Generation eine erwartungswürdige Zukunft eröffnet.

Ich selbst gehöre der Generation an, die in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts in Westdeutschland ihren Eltern massiv vorgeworfen hat, nicht mit Furcht, Zittern und Entsetzen berichtet zu haben über die Ungeheuerlichkeiten in der Nazi- und Kriegszeit; die Niederlage 1945, den Tod Deutschlands, nicht wirklich wahrhaben und ganz schnell zur Tagesordnung übergehen zu wollen. Persönlich habe ich Gott sei Dank am Familientisch ganz viel von meinen Eltern erfahren, was sie in den schrecklichen Jahren des Nationalsozialismus durchgemacht haben. Vor allem aber sprachen meine Eltern im Blick auf 1945 immer von der Notwendigkeit der Niederlage im Sinne eines Gerichtes, deuteten so auch die Teilung Deutschlands und empfanden die Entwicklung danach als unverdientes Geschenk eines neuen Aufbruchs. Was aber wäre aus mir geworden, wenn sie das alles mit Schweigen übergangen hätten? Was, wenn wir heute die vergangenen zwei Jahrzehnte, den Aufbruch vom Herbst 1989, die Um-, Ab, und Aufbrüche, die damit verbunden sind, unausgesprochen lassen und gleichzeitig die Geschichte nach 1945, auch die Zeit von Diktatur und Bevormundung, von Unrecht und Demütigung so einebnen, als sei es fast gleichgültig, unter welchen Bedingungen wir leben?

Gerade diese Frage lässt mich daran zweifeln, dass die Frauen ihr Schweigen haben lange durchhalten können. Natürlich kann man sich vorstellen, dass es ihnen zunächst die Sprache verschlagen hat, als sie in den frühen Morgenstunden feststellen mussten: der Stein vor dem Grab ist weggerollt, die Grabstelle ist leer. Und als ihnen dann auch noch von einer mysteriösen Figur, ein junger Mann im weißen Gewand, zugesichert wird:
Jesus ist auferstanden, er ist nicht hier!
da werden die Frauen zunächst entsetzt gewesen sein. Denn da brach für sie eine Welt zusammen, ohne dass sie die Konturen einer neuen erkennen konnten. Jesus war nicht nur tot, sein Leichnam war auch weg. Die Frauen sahen sich um den Ort ihrer Trauer betrogen und die Leere des Grabes, die sie eigentlich hätte froh stimmen müssen, wurde für sie zum Ort des Schreckens: alles verloren.

Jeder, der um etwas Vergangenes trauert, um einen Menschen oder um eine vergangene Zeitspanne, der kann ermessen, was die plötzliche Leere des Grabes bedeutet – und gleichzeitig weiß er um den unendlichen Schmerz, wenn einem statt des Ortes nur noch eine vage, nicht greifbare Hoffnung angeboten wird, die womöglich noch mit einem Aufbruch aus vertrauter Umgebung verbunden ist:
Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
Das hörten die drei Frauen von dem jungen Mann, der vor dem Grab lag. Wie sollen sie dies bewerkstelligen? Wie sollen sie glauben, dass Jesus tatsächlich vor ihnen hergeht? Wie sollen sie neue Zuversicht entwickeln, wenn sie des Ortes beraubt wurden, an dem sie wenigstens der gestorbenen Hoffnung gewahr werden konnten, an dem sie die Erinnerung konservieren konnten?

Was den Frauen am Ostermorgen widerfahren ist, spielt sich in jeder Aufbruchsituation ab: Warum alte Gegebenheiten verlassen, um sich dem Ungewissen zuzuwenden? Solange es nur um die Überwindung des Alten geht, solange wir nur die Trauer zu bewältigen haben, mag das noch angehen. Aber in dem Moment, wo wir angehalten werden, unser Leben neu auszurichten, den Tod, das Ende zu akzeptieren, und uns dazu die Orte weg brechen, an denen wir in die Vergangenheit eintauchen können, in dem Moment setzt wie bei den drei Frauen
Zittern und Entsetzen
ein. Und dann wird auch nachvollziehbar, dass sie zunächst nichts sagen konnten. Denn wie das leere Grab, wie die Leere im Leben akzeptieren, ohne zu wissen, wie und womit sie sich jemals wieder füllen wird? Dann doch lieber auf Nummer sicher gehen und nichts sagen.

Um zu erahnen, was in den drei Frauen vor sich gegangen sein muss, lassen sie uns einen Augenblick darüber nachdenken, wie es denn bei uns mit dem leeren Grab aussieht. Was, wenn jetzt vor der Kirche ein junger Mann steht und allen zuruft:
Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth … Er ist nicht hier. … Geht … nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen.
Jesus nicht hier? Nicht bei uns? Nicht in der Kirche? Nein, Jesus ist nicht hier. Und ich sage: Gott sei Dank! Gott sei Dank gibt es kein Jesusgrab in einer Kirche, so wie wir über das Bach-Grab verfügen oder es im Berliner Dom die Kaisergruft gibt. Denn Kirchen sind keine Grabstätten, und schon gar nicht Grabeskirchen – das, was einstmals in Jerusalem gebaut wurde, ist ein Widerspruch in sich. Darum gilt auch an Ostern für jede Kirche: Jesus ist nicht hier! Jesus können wir nicht in einen Hohlraum fassen und einen Stein davor rollen, ihn zum System erheben und nur noch zelebrieren. Wenn wir das wollen, dann müssen wir ihn zuvor noch einmal töten, begraben, einbalsamieren, konservieren. Genau davor will uns das Osterfest bewahren. Wir wollen doch, dass Jesus lebt, mitten unter uns. Und wenn wir das wollen, dann müssen wir froh darüber sein, dass Jesus nicht hier zu finden ist.

Wo ist er aber dann? Das ist die Frage, um die es an Ostern wirklich geht. Nicht: ist es möglich, dass ein Toter zum Leben erweckt wird? Ist das leere Grab der Beweis dafür, dass ein Leichnam wieder belebt wurde? Nein, wer so fragt, verliert sich in pseudowissenschaftlichen und pseudohistorischen Erwägungen, mit denen man keinen aufgeklärten Geist hinter dem Ofen hervorlocken kann. Die österliche Frage ist: Wo ist Jesus jetzt? Und die Antwort lautet: Er ist schon längst unterwegs, nach Galiläa. Galiläa - das war (und ist) der arme Norden Israels, Inbegriff der Verlorenheit, eine Welt ohne Gott, ohne religiöse Traditionen. Schon die Propheten sprachen von Galiläa als dem Land der Heiden. Dort, in die Gottlosigkeit der Menschen, ist der Auferstandene aufgebrochen, dorthin sollen ihm alle folgen, nachfolgen. Und dort ist er zu sehen.

Also nicht hier in der Kirche? Nicht im Grab? Sind die Frauen einen falschen Weg gegangen? Ist unser Weg in die Kirche, zum Gottesdienst der verkehrte? Hätten wir uns sofort aufmachen sollen nach Galiläa, an die Brennpunkte unserer Stadt, in die Kontaktstelle „Oase“, zur Bahnhofsmission, auf die Pflegestationen – dort, wo wir das Antlitz Jesu im leidenden Menschen erkennen können? Nein – das nicht. Denn wenn die Frauen nicht zum Grab gegangen wären, hätten sie nicht die entscheidende Botschaft des jungen Mannes gehört:
Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
Dann wäre es den Frauen so ergangen wie Millionen Menschen, die Ostern deswegen verpassen, weil sie nicht dorthin gehen, wo Jesus nicht mehr ist – ans leere Grab, in die Kirche, und darum auch nie Galiläa erreichen, den Nächsten, der auf uns wartet. Und der erste Nächste ist Jesus selbst. Und trotzdem gilt: hier in der Kirche ist Jesus nicht. Hier ist das Grab leer. Hier finden wir allerhöchstens den Mann im weißen Gewand, der uns mit der neuen Botschaft aufschreckt und fortschickt. Und nun ist die Frage: Lassen wir uns in Bewegung setzen? Erkennen wir, dass der Weg nach draußen, nach Galiläa, frei ist? Verfügen wir über die Gewissheit, dort dem Auferstandenen zu begegnen? Dass wir dort gebraucht gebraucht?

Sicher – wie jeder Vergleich hinkt auch dieser zwischen Kirche und leerem Grab. Doch als Kirche verstehen wir uns durchaus auch als Kammer, die Wertvolles bewahrt. Und manchmal schieben wir schwere Steine davor, damit wir unter uns bleiben, und die Tradition nicht beschädigt wird, verschließen die Türen und lassen sie bewachen, anstatt sie zu öffnen. Und doch wissen wir, dass der Wert des Wertvollen sich nur entfalten kann, wenn der Schatz die Truhe verlässt, der Grabstein der Tradition weggerollt wird und die Botschaft nach draußen dringen kann. In diesem Widerspruch befanden sich auch die Frauen. Deswegen reagieren sie auf die Botschaft des Engels mit Entsetzen, Zittern und Furcht. Deswegen verschlägt es ihnen die Sprache. Aber – das war nur ein vorübergehender Zustand. Denn sie werden – wenn auch mit zeitlicher Verzögerung - zu den Jüngern gegangen sein und sie zu dem Aufbruch veranlasst haben, der ihnen zunächst so schwer auf der Seele lag. Langsam wird sich Botschaft des jungen Mannes
Entsetzt euch nicht
in ihnen Raum geschaffen haben, so dass die Angst weichen konnte, denn Jesus ging ihnen, geht uns voran nach Galiläa zu den Menschen.

Können wir das heute auch den Menschen sagen:
Entsetzt euch nicht
Oder gefallen wir uns doch eher darin, die durch die Schlagzeilen der Medien millionenfach verbreitete Botschaft „Fürchtet euch sehr!“ nachzuplappern? Fürchtet euch vor dem drohenden Verlust von Sicherheit und sorgt deswegen dafür, dass ihr die Kröten beieinander haltet. Stopft alles hinein in die Abwrackprämie, nur damit wir nicht zu viel nachdenken müssen über einen neuen Aufbruch, über veränderte Lebensziele. In dem erwähnten ZEIT-Artikel heißt es:
Der Mensch ist mit seiner ängstlichen Absicherung derart beschäftigt, dass er nicht bemerkt, wie er den Mörtel rührt zur Zementierung der bestehenden Verhältnisse und der ihn umgebenden Mauer aus Ansprüchen.
Da sind wir wieder im leeren Grab. Wenn wir da verbleiben, dann hat uns die Angst vor Verarmung, Erkrankung, Verlassenwerden und dem wirtschaftlichen Untergang, die Angst auch vor dem Niedergang der Kirche, so im Griff, dass uns nur noch der Tod mitten im Leben bleibt. Keine Frage: die drei Frauen waren zunächst genau von dieser Angst gelähmt. Aber der Weg nach Galiäa, die Nachfolge Jesu, das Heraustreten aus der Leere der Kirchen wird uns davon frei machen. Diese Kraft verdanken wir der Auferstehung Jesu.

Vielleicht kennen einige den sarkastischen Witz:
Drei Frauen unterhalten sich über den Rückgang der Kirchenbesucher: „In unserer Gemeinde sitzen manchmal nur vierzig Leute.“ sagt die eine. „Das ist gar nichts“, antwortet die Zweite,“‚bei uns sind wir oft nur zu zehnt.“ – „Bei uns ist es noch viel schlimmer“, seufzt die Dritte. „Immer wenn der Pfarrer sagt: Geliebte Gemeinde - werde ich rot ...“.
Wie wäre es, wenn wir – anstatt schamhaft über die Leere in den Kirchen zu erröten - unsere Aufgabe darin sehen, dass die Steine, die unsere Kirchen verschlossen halten, weggerollt werden, damit die Gute Nachricht aus der Kirche dringt und wir zu den Menschen gehen, um ihnen zu sagen, dass der Auferstandene uns alle, Frauen und Männer, in Galiläa erwartet. Wsa ist es für ein Segen, dass wir zu denen gehören, die erwartet werden! Wenn wir so unser Leben, unsere Aufgabe verstehen, dann werden unsere Kirchen keine Stätten des Leerlaufs sein, sondern Quelle der Erneuerung, deren unserer Gesellschaft so dringend bedarf. Aber sicher ist das immer mit dem Entsetzen, mit dem Schrecken des Schweigens verbunden wie bei den drei Frauen am Ostermorgen. Dabei bleibt es aber nicht – denn schließlich haben wir es bei der Auferstehung mit dem unglaublichsten Ereignis zu tun, das unsere Welt zu bieten hat. Und es hat sich Gott sei Dank nicht erledigt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.