Predigt über Johannes 19,23-42
23 Als aber die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch das Gewand. Das war aber ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns das nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.
25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!
27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.
28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.
29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und steckten ihn auf ein Ysoprohr und hielten es ihm an den Mund.
30 Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.
31 Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über - denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden.
32 Da kamen die Soldaten und brachen dem ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war.
33 Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht;
34 sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.
35 Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt.
36 Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2. Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.«
37 Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.«
38 Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, dass er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leichnam Jesu ab.
39 Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.
40 Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in Leinentücher mit wohlriechenden Ölen, wie die Juden zu begraben pflegen.
41 Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war.
42 Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab nahe war.
Johannes 19,23-42
Was für ein Widerspruch am Karfreitag: auf der einen Seite die Dramatik eines grausamen Sterbens, Jesus einsam und verlassen am Kreuz, gefoltert und entmenschlicht. Tot – auch weil auf Golgatha sich eine unüberbrückbare Gottesferne wie eine klaffende Wunde auftut:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Was der Beter des 22. Psalms hinausschreit, wird im Gekreuzigten offenbar: der Mensch ist im Sterben auf sich allein geworfen. Jesus vor sich nur noch die Finsternis des Grabes, das Nichts. Damit scheint alles beseitigt, ausradiert, von der Tagesordnung verschwunden, wofür Jesus stand: die Hoffnung auf ein menschlicheres, gerechteres Leben in dieser Welt. Genau so empfinden wir in den Augenblicken, da uns mit dem Sterben eines nahen Menschen der Boden unter den Füßen zu entgleiten droht und wir den elenden Zustand unseres Lebens, dieser Welt nicht mehr mit dem Walten eines barmherzigen Gottes in Einklang bringen können – die Welt als Golgatha, das Leben als nicht enden wollender Kreuzgang.
Auf der anderen Seite steht die Schilderung des Sterbens Jesu durch den Evangelisten Johannes. Bei ihr wird man den Eindruck nicht los: hier wird fast protokollarisch ein Geschehen festgehalten, dessen Ablauf nicht von denen bestimmt wird, die die Vernichtung Jesu gnadenlos durchziehen und vor dem Fest zu Ende bringen wollen. Nein, auch jetzt, nachdem Jesu Gegner mit seinem gewaltsamen Tod scheinbar ihr Ziel erreicht haben, beherrscht der Gekreuzigte die Szenerie. Selbst bei seinem Begräbnis scheint er Regie zu führen. Darum müssen die an der Kreuzigung Beteiligten letztlich das tun, was Jesus will – so jedenfalls stellt es der Evangelist Johannes dar. Daher rührt die Spannung zwischen dem, was die Menschen Jesus an Grausamkeiten antun, und der Art und Weise, wie Jesus alles vollbringt:
Er nahm alles wohl in acht
in der letzten Stunde
So deutet Johann Sebastian Bach in der Johannespassion das Wirken des Gekreuzigten und unterstreicht damit: Jesus selbst ordnet seinen Nachlass. Er bestimmt vom Kreuz herab, dass und wie es mit ihm, mit uns, mit der Welt weitergehen soll. Er bildet vom Kreuz herab die erste Gemeinde, indem er im Blick auf seinen Freund zu seiner Mutter sagt:
Siehe, das ist dein Sohn!
Und dem Freund sagt er:
Siehe, das ist deine Mutter!
So signalisiert Jesus aller Welt: auch im Moment tiefster menschlicher Niedertracht, dann, wenn die Macht triumphiert und die Niederlage alles Menschlichen besiegelt zu sein scheint, behält Gott das Heft in der Hand.
In diesem Sinn wird Jesu Tod als Anfang des Lebens verstanden:
Jesu, der du warest tot,
lebest ohne Ende
heißt es im Choral, der in der Bach’schen Johannespassion der Todesmeldung „... und er verschied“ folgt. Die Dialektik von Tod und Leben bestimmt das Geschehen: Während die beiden Mitgekreuzigten durch das Brechen der Beine endgültig dem Tod übergeben werden, wird dem gestorbenen Jesus mit einer Lanze in die Seite gestochen - Blut und Wasser fließen aus der Wunde. Was den Soldaten als Beweis des Todes gilt, ist in Wahrheit Zeichen des neuen Lebens. Denn mit dem herausströmenden Blut und Wasser wird erinnert und angeknüpft an die Aussagen Jesu vom Blut als dem „wahren Trank“ und vom Wasser als der Quelle des ewigen Lebens. Doch erst am Kreuz wird deutlich, wo die Quelle des Blutes und des Wassers zu finden ist: im geschundenen Leib des Gekreuzigten. Das Leiden Jesu ist der Ursprung des Lebens. Wer immer aus Jesus Lebens- und Glaubenskraft schöpfen möchte, der muss sich dem Gekreuzigten zuwenden. Im leidenden und gekreuzigten Jesus (und nicht etwa in der Siegerpose eines heroisch kämpfenden Religionsführers) begegnet uns Gottes Angebot des Lebens. Gleichzeitig unterstreicht Johannes durch seine Darstellung der Passion Jesu: dieses Angebot behält trotz aller Leiderfahrung, der wir Menschen bis zum heutigen Tag ausgesetzt sind und die wir selbst verursachen, seine Gültigkeit. Dieses Angebot umfasst alles, worauf wir hoffen:
• Jesu Liebe, die vor dem Feind nicht halt macht.
• Jesu Versöhnungsbereitschaft, die Schuld als Schuld benennt, aber Vergebung zuspricht.
• Jesu Gerechtigkeit, die den Armen den Vorrang einräumt.
• Jesu Anspruch, dass in seinem Wirken Gottes Wollen sichtbar und erfahrbar ist.
Das bleibt. Diese Spuren können nicht einfach beseitigt, ungeschehen gemacht werden. Darum gelingt es den Soldaten auch nicht, das Gewand Jesu zu zerteilen – will sagen: die Botschaft Jesu in kleine Häppchen bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen. Nein, sie ist nur ungeteilt, im Ganzen zu haben. Sie ist allumfassend, Welt umspannend. Und wenn es heißt, dass das Gewand ohne Naht gewebt ist, dann bedeutet dies nichts anderes als: die Botschaft Jesu weist keine Widersprüche auf, aber sie deckt schonungslos die Widersprüche auf, in denen wir leben. Darum ist sie unentbehrlich. Nach dem Johannesevangelium erkennen die vier römischen Soldaten das als erste. So retten diejenigen die Ganzheit der Botschaft Jesu und verhindern, dass ihr die Spitze abgebrochen wird (darin liegt die Bedeutung, dass Jesus die Beine nicht gebrochen werden), die gleichzeitig die Verantwortung für die Kreuzigung Jesu tragen.
Spätestens hier merken wir, dass Johannes eigentlich zwei Geschichten erzählt bzw. ein Geschehen auf zwei Ebenen entwickelt. Zum einen schildert er mit der Kreuzigung Jesu unsere Welt, wie sie ist: grausam, unbarmherzig, herrisch, rachsüchtig, ungerecht. Und wir könnten dieser Erzählung millionenfach Leidensgeschichten der Menschen hinzufügen: von den Hexenprozessen im Mittelalter über die Judenprogrome bis zur Vergewaltigung einer Gefängnispsychologin durch einen Häftling in der vergangenen Woche, vom Erdbeben in Italien über den Terror in Bagdad bis zu den Folterungen in Guatanamo – von der menschlichen Niedertracht im täglichen Machtkampf von Oben und Unten ganz zu schweigen. Zum andern aber lenkt Johannes unseren Blick auf die Geschichte, die Jesus konsequent schreibt und uns eröffnet: mit ihr ordnet er die Welt neu; mit ihr stellt er Menschen in den Dienst seiner Sache; mit ihr befreit er uns aus bisherigen Bezügen; mit ihr eröffnet er uns eine neue Lebensperspektive.
Diese neuen Verhältnisse werden im Johannesevangelium an zwei Menschen verdeutlicht:
• Joseph von Arimathäa, ein Freund Jesu, aber gleichzeitig ein ängstlicher, um seine bürgerliche Reputation besorgter Mann. Er nimmt allen Mut zusammen und erwirkt bei Pilatus die Erlaubnis, Jesus würdig zu begraben. Da wird deutlich, was sich bis zum heutigen Tag immer wieder ereignet: In der Stunde des Todes sind einem die entfernten Bekannten oft näher als die engsten Freunde. In der Stunde des Todes verflüchtigt sich Bekennermut zum Nichts (wie bei Petrus), und unsichere Kantonisten und ängstliche Kompromissler erweisen sich als die starken Persönlichkeiten. In der Stunde des Todes kommt es darauf an, dass wir dran bleiben, an Jesus dranbleiben – auch wenn wir eine tiefe Gottesferne verspüren angesichts des Elends auf dieser Welt.
• Dies bewahrheitet sich auch in der Begegnung zwischen dem Leichnam Jesu und Nikodemus, ein frommer Jude, Pharisäer und Mitglied des Hohen Rates. Als die beiden sich zu Lebzeiten Jesu begegneten und des Nachts miteinander diskutierten, da redeten sie aneinander vorbei. Jetzt aber - so berichtet der Evangelist Johannes - sucht Nikodemus die Nähe zu Jesus und stiftet hundert Pfund Myrrhenharz und Aloe für die Pflege des Leichnams. Ob er ahnt, dass nur in diesem Tod Jesu würdiges, erfülltes Leben zu finden ist? Ob er ahnt, dass sich in diesem toten Leib schon das abzeichnet, was er damals nicht verstanden hat: die Wiedergeburt zu einer lebendigen Hoffnung, die Auferstehung zum Leben? Ob er jetzt begreift, dass Jesus nichts anderes wollte, als den verkümmerten Glauben Israels zu neuem Leben zu erwecken?
Am vergangenen Samstag sprach mich ein etwa 60jähriger Mann mit sichtbarer Erregung nach der Motette an. „Warum redet ihr Christen noch immer davon, dass die Juden Jesus ans Kreuz gebracht haben, dass es die Juden waren, die den Pilatus zum Todesurteil trieben? Warum macht ihr das immer noch, wo ihr doch wisst, dass dadurch so viel Verbrechen ermöglicht wurden? Ich bin selbst Jude und kann das nicht verstehen.“ Der Mann hat natürlich Recht: Angesichts der Verbrechen an den Juden können wir Texte wie aus dem Johannesevangelium nicht mehr unbefangen lesen. Nie mehr dürfen wir es zulassen, dass die in den Evangelien geschilderten Auseinandersetzungen zwischen Jesus und dem Hohen Rat dazu missbraucht werden, Klischees der Judenfeindlichkeit zu bedienen. Und natürlich müssen wir heute da, wo in den biblischen Passionsgeschichten von „den Juden“ die Rede ist, vor allem an uns selbst denken. So wie sich damals die führenden Leute der Synagoge verhielten, so agieren heute auch in den Kirchen diejenigen, die um ihre Macht fürchten, Störenfriede ausgrenzen und Einmischung von unten abwehren. Jesus selbst aber – er lebte ganz in der Tradition des jüdischen Glaubens. Von daher wird auch verständlich, dass ein Nikodemus sich zu ihm hingezogen fühlte – vielleicht auch deswegen, weil Jesus sich nie an religiöse Grenzen gehalten hat und er am Pessachfest vor allem die Befreiung aus der Knechtschaft im Blick hatte. Bach nimmt auch diesen Gedanken in seiner Johannes-Passion auf:
Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn,
Muss uns die Freiheit kommen.
Diese Freiheit wird in der letzten Stunde, in der Stunde des Sterbens und der Grablegung, überdeutlich:
• Nikodemus, der zunächst mit den Anliegen Jesu seine Schwierigkeiten hatte,
• Joseph von Arimathäa, der Angst hatte, sich öffentlich zu Jesus zu bekennen,
• die Soldaten, die im letzten Anflug von Ehrfurcht Jesus nicht die Beine brachen und zuvor schon sein Gewand nicht zerteilten,
die Menschen also, die sich religiös, kirchlich gesehen nicht durch Gradlinigkeit auszeichnen - sie sind im entscheidenden Moment frei, da, um die Position einzunehmen, aus denen sich die Jünger zuvor davon gestohlen haben. So nimmt Gott uns Menschen eben in sehr unterschiedlicher Weise in Anspruch - unabhängig von unserem Vorleben. Und er lässt auch die an der Sache Jesu teilhaben, die zunächst ganz andere Absichten gehabt haben - sogar die, die für das Aufrichten der Kreuze mit verantwortlich sind. So verändert Jesus auch in seiner Sterbestunde von Kreuz herab und sogar noch im Grab liegend nachhaltig und heilsam unser Leben. Was für ein Geschenk, das wir schon in den dunklen Stunden des Karfreitags erfahren können. Gott schenke uns, dass wir von diesem österlichen Leben jetzt schon ergriffen werden. Amen.



