Predigt über Lukas 9,57-62

3. Sonntag der Passionszeit - Okuli
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Nachfolge – ein sperriger, ein altmodischer Begriff, nicht unbedingt dazu geeignet, Sympathie für den christlichen Glauben zu wecken. Jeder, der sich ernsthaft zur Nachfolge Jesu verpflichtet, setzt sich dem Verdacht aus, einen fundamentalistischen Touch zu haben. Denn Nachfolge scheint vorauszusetzen, dass man ein Stück seiner Identität, seiner Persönlichkeit, seines eigenen Willens aufgibt. Widerspricht aber eine so enge Bindung an Jesus nicht dem Lebensgefühl von Individualität und Selbstbestimmung? Doch was würden wir darum geben, dass unsere Kinder und Jugendlichen, dass wir selbst eine Ahnung davon haben, wem wir folgen, nachfolgen, wem wir im Leben und im Sterben vertrauen können, welche Vorstellung wir von unserer Zukunft haben und wie der Weg aussehen soll, den wir beschreiten. Was würden wir darum geben, einem wie Jesus nachfolgen zu können, um so Lebensgewissheit zu gewinnen? Schließlich fällt es in der so diffusen Welt immer mehr Menschen schwer, Lebensziele zu benennen, Orientierungspunkte zu setzen und dann zu gewichten zwischen wesentlich und nichtig, richtig und falsch. Warum das so ist? Weil vielen Menschen der innere Kompass abhanden gekommen ist – teils, weil sie die Vielfalt der Möglichkeiten nicht mehr erfassen können, teils weil ihnen nie ein Lebensfundament vermittelt wurde, das auch im Wandel der Zeiten eine Gültigkeit behält. Und in dem Moment gerät dann Individualität zur tiefen Einsamkeit und Selbstbestimmung emanzipiert sich zur egomanischen Selbstbehauptung.

Wenn weltweit große Teile der Führungseliten elendig an der von ihnen propagierten Globalisierung gescheitert sind, sich moralisch, politisch, menschlich völlig überfordert erweisen von den Möglichkeiten, den Versuchungen und der Verantwortung, die ihnen übertragen wurde, dann darf uns nicht wundern, dass junge Menschen sich ziemlich hilflos der Unübersichtlichkeit dieser Welt ausgeliefert sehen, innerlich aus den Fugen geraten und sich nach einfachen Antworten sehnen. Und da stellt sich verschärft die Frage: wem folgen wir nach? Dabei ist Nachfolge sehr viel mehr als sich blind und unkritisch einem Idol oder einer Idee anzuvertrauen. Nachfolge beinhaltet Aneignung von Gewissheit mitten in einer vielfältigen, verworrenen Welt, in der ständig an mir herumgezerrt wird, aber wenig Gestaltungsspielräume verbleiben. Was das aber im Einzelnen bedeutet, das können wir dem Predigttext für den heutigen Sonntag entnehmen – ein Abschnitt aus dem 9. Kapitel des Lukasevangeliums:
57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Lukas 9,57-62

Da hat also ein Mensch – vielleicht nach langer Suche - einen löblichen Vorsatz gefasst:
Ich will dir folgen, wohin du gehst.
sagt er zu Jesus. Doch anstatt dieses Angebot froh und dankbar anzunehmen, zeigt Jesus mit unmissverständlichen Bildern auf, was es mit der Nachfolge tatsächlich auf sich hat:
Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Was verbirgt sich hinter dieser Radikalität? Will Jesus die Unmöglichkeit der Nachfolge aufzeigen? Will er auf uns Menschen Rücksicht nehmen und warnt uns deswegen vor einem Weg, dessen Konsequenzen wir gar nicht überblicken können? Oder will Jesus uns vor jeder Art von Fundamentalismus bewahren, weil er ahnt: Menschen, die vorhaben, mir hundertprozentig zu folgen, drohen in der Sackgasse selbst zerstörerischer Überheblichkeit zu verenden.

Es ist schon merkwürdig. Hier, im 9. Kapitel des Lukasevangeliums, wird Jesus selbst als das eigentliche Hindernis der Nachfolge dargestellt. Er schildert sich als einen unsteten, flüchtigen Menschen, der auf dieser Erde weder ein Ziel noch ein Zuhause hat. Diese Lebenshaltung Jesu widerspricht aller Sehnsucht nach Klarheit und allem menschlichen Streben nach Heimat, nach Obdach, nach geordneten Verhältnissen. Spätestens mit 30 sollten Menschen so weit sein, sich eine gesicherte Existenz aufgebaut zu haben - Beruf, Familie, Eigenheim. Mit 30 aber hatte Jesus keine Bleibe. Er war unterwegs - unsteter und flüchtiger als die Füchse und Vögel unter dem Himmel. Denn so beweglich diese Tiere sind - sie haben ihren Bau und ihre Nester, von denen sie aufbrechen und zu denen sie zurückkehren. Jesus aber ist nirgends daheim. Ohne Bürger- und Wohnrecht ist er unterwegs. Jedermann ausgeliefert. So wanderte er zu seinen Lebzeiten durch Israel-Palästina, so wandert er durch unsere Geschichte bis zum heutigen Tag - jederzeit dem verbrecherischen, verfälschenden Zugriff von uns Menschen ausgesetzt. Aber - und das ist entscheidend - auch jederzeit dem flüchtigen, heimatlosen, entwurzelten, obdachlosen, schuldigen Menschen ganz nahe und freundlich zugewandt.

Es ist hier zu erinnern an eine grundlegende Geschichte unserer Bibel, in der wie in keiner anderen von der flüchtigen und unsteten Existenz des Menschen als Folge einer großen Schuld, dem Mord, die Rede ist: Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt (vgl. 1. Mose 4,1-16). Zwar schützt Gott das Leben des Mörders Kain, aber Kain muss von nun an unstet und flüchtig leben – so wie jetzt die Familie des Tim K. auf der Flucht ist oder der Sexualstraftäter Karl D. aus Heinsberg nach 20jähriger haft oder die Eltern der ermordeten Michelle oder alle, die sich öffentlich an den Pranger gestellt sehen. So finden wir Jesus auf dem Weg nach Jerusalem in tiefster Solidarität mit den Kains aller Zeiten: unstet und flüchtig unterwegs, unschuldig unter den Schuldigen, tröstend unter den Umherirrenden und Entwurzelten.

Zwischen der Geburt Jesu in Bethlehem und seinem Tod am Kreuz auf Golgatha hat sich daran nichts geändert: die Kains sind das Ziel seines Wirkens. Bei den Kains macht Jesus Halt. Er sucht sie, um sie auf ihre Schuld hin anzusprechen, sie aus der Sünde herauszurufen, um ihnen vergeben zu können. Damit macht sich Jesus keine Freunde. Und selbst unter seinen Anhängern löst er damit immer wieder Kopfschütteln aus. Denn wer sich mit einem Schuldigen einlässt, wird allzu schnell mit dessen Schuld gleichgesetzt und der Kumpanei besichtigt. Und auch wer den Opfern an die Seite tritt, kann sich des Beifalls der Massen nicht sicher sein. Denn es ist die Tragik des Opfers, dass ihm immer auch ein Teil der Schuld zugewiesen wird und ihr Schicksal schnell der Vergessenheit anheim fällt.

Jesu Anliegen aber ist, dass wir die Verlorenen nicht aus den Augen verlieren. Dafür hat er sich ruhe- und rastlos eingesetzt. Aber damit gibt er auch den Kains keine Ruhe, überlässt sie nicht ihrem eigenen Schicksal, gibt sie nicht auf. Darum heißt Nachfolge: ruhelos unterwegs sein zu den Kains. Nicht meinen: Ich habe den Glauben, ich habe die Lösung aller Probleme gefunden. Denn ich habe meinen Jesus. Jesus ist nicht das ideologische Ruhekissen, nicht das Nest, nicht der Bau, der uns ein beschauliches, eindimensionales Glaubensleben, versehen mit ein paar Moralvorstellungen, verspricht. Wer immer den Glauben, wer Nachfolge als Rückzug in die Nestwärme versteht, der wird von Jesus ziemlich unsanft aus dieser Art moralisch-frömmelnder Selbstgewissheit gerissen. Nachfolge beinhaltet die alte biblische Erkenntnis:
Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Hebräer 13,14
Wir wissen, dass alles, was jetzt ist, nur vorläufigen Charakter hat, unvollkommen und zerbrechlich ist – auch unser eigenes Leben. Darum sollen wir nicht auf die Sicherheiten bauen, die die Welt uns bietet, sondern der Spur folgen, die Jesus Christus durch sein Leben und Wirken weist. Und das heißt: unterwegs sein.

Folge mir nach!
So redet Jesus einen zweiten Menschen in dem Dorf an. Doch nun erweist sich der Fragesteller als das Hindernis der Nachfolge:
erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
antwortet der Mann auf den Anruf Jesu. Und ein Dritter, der Jesus freiwillig folgen will, verbindet seine Bereitschaft sofort mit einer Einschränkung:
Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind.
Abschied nehmen von dem verstorbenen Vater, von der Familie - wer will das einem Menschen ernsthaft verwehren? Im Gegenteil: Wer dies nicht tut, wer die Beerdigung des eigenen Vaters versäumt, wer sich ohne Abschied von der Familie davonstiehlt - er wird auf Unverständnis stoßen und bittere Enttäuschungen provozieren.

Und doch wissen wir auch, wie sehr uns Angst vor Trennung, Verhaftetsein in der Vergangenheit und der Totenkult am Leben hindern. Darum sagt Jesus:
Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Wohl gemerkt: Jesus redet hier nicht einer gedankenlosen Gegenwartsbezogenheit, einer Erinnerungs- oder Traditionslosigkeit das Wort. Aber er fordert uns auf: Lasst euch zuerst und vor allem auf die Zukunft des Lebens ein! Blickt wie der Bauer auf dem kargen Acker im alten Orient, der dem Ochsen beim Pflügen folgt, nach vorn. Damit schenkt er uns die Freiheit, von der Vergangenheit Abschied zu nehmen, die Toten tot sein zu lassen und nicht der Illusion aufzusitzen, man könne das Vergangene doch noch retten, festhalten wie eine Ewigkeit.

Natürlich: so können wir jetzt nicht mit denen reden, die durch das Massaker in Winnenden in tiefste Verzweiflung gestürzt wurden. So ein Wort hat auch keinen Platz bei einer Beerdigungsansprache. Aber jeder Trauernde, jeder, der Trennung zu verarbeiten hat, steht in der Gefahr, nicht Abschied nehmen zu können, den letzten Augenblick festhalten zu wollen wie eine Ewigkeit, ein Leben nur noch aus der Erinnerung herauszuführen, im schlimmsten Fall nur noch mit den Toten zu leben. Der tägliche Gang zum Friedhof, das Selbstgespräch mit den Verstorbenen am Grab, die eigene Wohnung als Museum, im Kleiderschrank die Anzüge des vor 10 Jahren verstorbenen Ehemannes, die Kuscheltiere des früh gestorbenen Kindes werden jeden Tag neu aufgereiht - das, was sich im persönlichen Bereich öfter ereignet als wir vermuten, es spiegelt sich auch im Alltag unserer Gesellschaft wider.

Denn auch dort sind wir der Gefahr des Totenkultes und der Beschwörung des Vergangenen ausgesetzt:
• Wenn das Wichtigste an der neuen Universitätskirche die Epitaphe, die restaurierten Grabplatten, sein sollen, und sich nach ihnen nicht nur die Innenarchitektur ausrichten soll, sondern diese im gottesdienstlich genutzten Teil der Universitätskirche angebracht werden, so dass nach dem Willen der Verächter der Religion unter den Gebildeten von ihnen die Botschaft ausgeht: die Kirche ist dem Tod geweiht, dann steht das im krassen Gegensatz zur Aufgabe, das Reich Gottes als Zukunft und Hoffnung auch dort zu verkündigen, wo man meint, auf Vernunft allein bauen zu können.
• Wenn schon auf Babykleidung renommierter Marken Totenköpfe abgebildet sind, von den martialischen Hass-, Gewalt-, Vernichtungs- und Todes-Darstellungen auf Millionen T-Shirts ganz zu schweigen, dann fragt man sich: und davon soll eine Hoffnungs-, eine Lebensbotschaft für Kinder und Jugendliche ausgehen?
• Und wenn offensichtlich brutale Hinrichtungszeremonien im Film und vor allem bei Computerspielen die größte Faszination auf junge Menschen ausüben und die Anzahl der virtuell Getöteten darüber entscheidet, wer Sieger im Spiel wird, dann möchte ich eigentlich nicht mehr eine akademische Diskussion über angeblich pädagogisch nützliche gruppendynamische Prozesse führen, die sich zwischen den Spielern bei entsprechenden Treffen entwickeln sollen. Und es bedarf auch keines medialen Expertenaufgebotes um zu wissen, dass all diese katastrophalen Gewaltverherrlichungen in der Seele eines jeden Menschen wie ein Dum-Dum-Geschoss herumschwirren und auf Dauer alles zerstören, was Leben wertvoll macht und zu sozialer Verantwortung führt. Wir brauchen keine neuen Gesetze gegen diesen nekrophilen Schwachsinn. Wir benötigenden entschlossenen Abschied vom Selbstbetrug, als könne man auf Dauer unbeschadet virtuell Töten spielen. Aus dem allem kann nichts Gutes erwachsen. Denken wir noch einmal an die Geschichte von Kain und Abel. Als Kain seinen Neid gegenüber Abel spürt und sich in ihm seine Vernichtungsphantasien verdichten, spricht Gott ihn an:
Warum bist du zornig, und warum ist dein Blick gesenkt? Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, kannst du frei aufblicken. Wenn du aber nicht gut handelst, lauert die Sünde an der Tür, und nach dir steht ihre Begier, du aber sollst Herr werden über sie.
1. Mose 4,6f
Darum geht es: den Tod, die Sünde zu beherrschen, in dem wir uns von Tod verabschieden und aus der Sünde herausrufen lassen. Und: so wie Gott sich frühzeitig um Kain kümmert, so muss es auch aussehen zwischen Kindern und Eltern, Lehrern und Schülern, Pfarrern und Konfirmanden.

Und nun merken wir, dass Jesu Bedingungen der Nachfolge uns zu einem kritischen Umgang mit unserer eigenen Geschichte anleiten sollen, damit wir allen zerstörerischen Ballast von Todessehnsucht und Totenkult abwerfen und aller Beschönigung des Todes – spielerisch, künstlerisch, religiös - entsagen. Alles Erinnern und Gedenken hat nur Sinn,
• wenn es zu einer glaubwürdigen Botschaft für die Lebenden gerät, die unstet und flüchtig nach Sinn und Halt, nach neuer Zukunft, nach Vergebung suchen;
• wenn wir Menschen heute daraus Kraft schöpfen für den Weg in die Nachfolge Jesu und für die Werte und Ziele eintreten, die wir der Botschaft Jesu verdanken: Barmherzigkeit und die Ehrfurcht vor dem Leben;
• wenn wir in selbstkritischer Betrachtung erkennen, welche Hindernisse wir selbst für die Nachfolge Jesu darstellen.

Wenn wir in diesem Sinn unsere Hand an den Pflug legen, dann geht es nicht um ein lupenreines Christenleben, nicht um die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit. Vielmehr gilt es das in den Blick zu nehmen, worauf es Jesus ankommt:
• Hingehen zu den Lebenden;
• den Kains dieser Welt eine neue Lebensperspektive aufzeigen;
• aus dem Zuspruch der Vergebung heraus neu anfangen mit dem Leben;
• der Zukunft zugewandt bleiben durch die Botschaft vom Reich Gottes.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.