Predigt über Lukas 8,4-8

2. Sonntag vor der Passionszeit - Sexagesimä
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten, redete er in einem Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. 6 Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's. 8 Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Lukas 8,4-8

So, wie Jesus es in dem Gleichnis vom Sämann erzählt, so war das im alten Israel und so geht es zum Teil heute noch auf den kargen Äckern im Land Juda zu: der Same, der ausgesät wird, fällt auf steinige, ausgetrocknete, unförmige Erdflächen, unterbrochen von Pfaden und durchsetzt mit Dornenhecken – Flächen, die den Namen Feld kaum verdienen. Da steht der Ertrag der Ernte in keinem Verhältnis zum Einsatz der Saat. Denn Etliches der Saat wird wieder zertrampelt oder von den Vögeln gefressen, etliches kann auf dem felsigen Untergrund nicht gedeihen, etliches wird von den wieder aufwachsenden Dornensträuchern unterdrückt. Nur ein kleiner Teil der Saat geht auf und bringt Frucht.

Alle, die etwas von Landwirtschaft verstehen, können über diese primitive, unrationelle, verschwenderische Art zu säen nur den Kopf schütteln – zumal man noch bedenken muss, dass zur Zeit Jesu das Saatgut der zur Stillung des Hungers notwendigen Mehlzubereitung entzogen wurde. Wer auf diese Weise seinen Acker bestellt, darf sich über den geringen Erfolg nicht wundern. Ja, er muss froh sein, wenn er wenigstens ein Viertel der Saat als Ernte einfahren kann. Heute ist das in der Landwirtschaft natürlich anders. Da besteht das, was wir Acker nennen, aus fruchtbarem Boden. Felsstücke werden vor der Saat herausgehauen oder ausgespart. Dornenhecken wie anderes Unkraut werden sorgfältig gejätet und Vogelscheuchen sollen den Fraß der Saat verhindern. Und sollte der Boden zu trocken sein, wird entsprechend gedüngt und gewässert. Und natürlich steht ausreichend Saatgut zur Verfügung. Die Ernte muss jedenfalls in einem guten Verhältnis zur Saat stehen. Rentabilität und Sparsamkeit müssen gewährleistet sein. Unnötige Verschwendung gefährdet die Wirtschaftlichkeit des Betriebes. Alles in allem: das Risiko muss kalkulierbar bleiben.

Da steht uns die moderne Landwirtschaft viel näher als der unbefangene, unbekümmerte Sämann orientalischer Prägung aus dem Gleichnis. Wer denkt unter uns nicht zuerst über den Ertrag, den Erfolg nach, bevor er mit seiner Arbeit beginnt? Wer erstellt nicht zuerst einmal eine solide Kalkulation, damit das Risiko des Einsatzes möglichst gering gehalten werden kann? Wer spart bei seiner Arbeit nicht die Gebiete aus, die voraussichtlich keinen Gewinn bringen? Nicht nur große Konzerne und kleine Unternehmen stoßen Produktionszweige ab, wenn sie nicht den erhoffen Gewinn abwerfen. Auch im Dienstleistungsbereich, selbst in Kirchgemeinden, werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer wieder angehalten, sich auf das jeweilige Kerngeschäft zu konzentrieren, sich nicht zu verzetteln mit Aktivitäten, sich möglichst dort zu engagieren, wo die Erfolgserlebnisse vorprogrammiert sind.

Wer also kann sich das leisten, so zu arbeiten wie der Sämann – unbekümmert, ohne Sichtung der Erfolgschancen, verschwenderisch, sich zufrieden gebend mit 25 Prozent Erfolg? Eigentlich niemand. Und ich nehme mich nicht aus. Denn mir ist es auch nicht gleichgültig, wie viele Menschen zum Gottesdienst oder zur Motette kommen, wie viele Eintrittskarten für ein Konzert verkauft werden, ob das Angebot unserer Gruppen und Kreise ausreichend in Anspruch genommen wird, wie viele Gemeindeglieder sich am Kirchgeld beteiligen und wie viele Jugendliche sich zum Konfirmandenunterricht anmelden bzw. sich nach der Konfirmation an der Jungen Gemeinde beteiligen. Also: mir ist das Verhältnis zwischen dem Einsatz für all die Aktivitäten und dem tatsächlichem Ertrag nicht gleichgültig. Das gilt nicht nur im Blick auf die Zahlen, sondern auch inhaltlich. So möchte ich schon dafür Sorge tragen, dass unsere Kampagne für die neue Universitätskirche St. Pauli Erfolg hat, dass unser Ausschuss für Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit etwas beiträgt zum bewussteren Umgang mit den natürlichen Ressourcen in der Kirchgemeinde und in unseren Häusern, dass sich wenigstens ein paar Menschen an der Aktion „7 Wochen ohne …“ beteiligen. Es kommt also schon darauf an, dass Menschen sich von dem überzeugen lassen, was wir an Grundwerten und Lebensorientierung aus dem christlichen Glauben zu entwickeln versuchen.

So besprechen wir in unseren wöchentlichen Dienstberatungen sehr genau, wie die Erfolgsbilanz der unterschiedlichen Veranstaltungen und Aktivitäten aussieht – und stellen uns oft genug die Frage: hat sich der Aufwand gelohnt oder gab es zu viel Streuverlust? Und wir diskutieren über die Frage: wird dieser Gottesdienst, wird die Musik, wird die Predigt, werden die 90 Motetten im Jahr, werden unsere Thomasbriefe, die ausliegenden Stellungnahmen irgendetwas ausrichten? Werden unsere Gebete und Lieder in unserer Gemeinde, in der Stadt etwas bewirken? Lohnt sich der finanzielle Aufwand, der damit verbunden ist – vor allem im Blick darauf, dass durch ihn Glauben vermittelt, gebildet wird?

Der Sämann, so haben wir gehört, stellt all diese Fragen nicht. Er problematisiert noch nicht einmal, dass beim verschwenderischen Umgang mit dem Saatgut auch das Korn vergeudet wird, das die Hungernden dringend benötigen. Er grenzt sein Betätigungsfeld nicht ein. Genau darin unterscheidet er sich von uns. Um uns vor Misserfolg, vor Vergeblichkeit, vor Niederlagen zu schützen, zirkeln wir unsere Aufgabenbereiche ab, umgehen Felsen, Trampelpfade, Dornenhecken und schräge Vögel – und verlieren dadurch ganze Bereiche des menschlichen, des gesellschaftlichen Lebens aus dem Blick. Aus lauter Sorge, wir könnten etwas vergeuden, versagen wir Hilfe. Immer, wenn ein Obdachloser um Hilfe bittet, steht sie ja an die Frage: streue ich bedenkenlos aus oder grenze ich ein: der wird das Geld sowieso versaufen, also versage ich Hilfe, ist eine gängige Erwägung. Aber dieselben Fragen stellen wir uns bei „Brot für die Welt“: kommt das Geld an. Oder auch bei der Teilnahme an einer Demonstration: bringt das überhaupt etwas, wenn ich mich engagiere? Oder mancher fragt sich: was bleibt vom Konfirmandenunterricht hängen oder von einer kirchlichen Trauung. Ist das nicht doch eher Bedienung gesellschaftlicher Bedürfnisse, also Saat auf felsigen Untergrund?

Wenn wir so fragen, werden wir nicht dem gerecht, was Jesus mit seinem Gleichnis verdeutlichen will. Denn der Sämann des Gleichnisses gehört nicht zu den Menschen, die ängstlich darauf bedacht sind, alles richtig zu machen. Der Sämann steht für Gott, für Jesus Christus selbst. Verschwenderisch geht er mit der Saatgut um, mit dem, was er uns Menschen zu sagen und zu geben hat. Er fragt nicht, bevor er sät: geht die Saat auch auf bzw. von welchen Feinden bin ich umstellt? Nein, Jesus heilt die 10 Aussätzigen im Wissen davon, dass nur einer zurückkommen und ihm danken wird. Jesus grenzt seinen Acker nicht ein, sondern bezieht die äußersten Ränder des Feldes bei der Saat mit ein. Sein Feld ist die ganze Welt, das ganze Leben – und dazu gehören auch die kargen Gebiete, wo nichts mehr läuft.

Und doch macht sich Jesus, der Sämann, keine Illusionen über sein Tun. Mit ernüchterndem Realismus sieht er, was mit seiner großzügigen Saat geschieht: zum Teil wird sie achtlos niedergetrampelt; zum Teil ist sie sehr kurzlebig, so kurzlebig wie die Begeisterung der Volksmassen beim Einzug Jesu in Jerusalem, als Jesus als der Sohn Gottes, der Retter, der Messias gefeiert wurde – doch wenige Tage später schrieen die gleichen Leute: Kreuzige ihn. Ein weiterer Teil der Saat erstickt unter den Ängsten und Zweifeln, unter der Bequemlichkeit und Resignation. Und ein kleiner Teil der Saat bringt Frucht, viel Frucht sogar.

Aus dieser realistischen Einschätzung heraus zieht Jesus aber nicht die Konsequenz, auf Nummer sicher zu gehen und nur noch da zu säen, wo er fruchtbaren Boden vermutet. Da unterscheidet er sich von unseren normalen Überlegungen: Wie kann der Verlust möglichst gering gehalten werden? Jesus lenkt sein Augenmerk auf den Teil der Saat, der aufgeht, ohne die andere Saat als überflüssig zu deklarieren oder gar zu bedauern oder zu bereuen oder es als Fehler anzusehen, dass er Saat auch vergeblich ausgestreut hat. Und nun endet das Gleichnis mit der Aufforderung:
Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Ja, wer Ohren hat, der möchte vor allem das hören: die Minderheit, dieses eine Viertel des Ackers, bringt nicht nur Frucht, sondern hundertfach Frucht. Für diesen außerordentlichen Erfolg lohnt es sich, Dreiviertel der Saat zu vergeuden! Für den Erfolg, Menschen um sich zu sammeln, die seine Botschaft weiter tragen, hat es sich für Jesus gelohnt, dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Wer Ohren hat zu hören, der höre das: der Sämann sät und weiß nicht, wo die Dornenbüsche wieder aufgehen, wo der felsige Untergrund kein Wachstum zulassen wird. Hüten wir uns also vor vorschnellen Urteilen: hier ist jede Arbeit umsonst, dort lohnt sich der Einsatz nicht mehr. Hüten wir uns vor den vorschnellen Prognosen: ändern kannst Du sowieso nichts. Hüten wir uns vor allen Festlegungen darüber, wo fruchtbarer Boden und wo felsiger Untergrund ist. Denn …

Wer Ohren hat zu hören, der höre auch das: nicht jeder, der sich Christ nennt, kann sich als fruchtbarer Ackerboden verstehen. Und bei manchem, der es dennoch tut, wünscht man sich, dass die Saat nicht aufgeht – wenn ich an so manche Fehlentwicklung in den Kirchen denke. Das Umgekehrte gilt aber auch. Der felsige Untergrund und das Dornengestrüpp sind nicht die Gleichnisbilder für die Nichtchristen, Ungläubige, Angehörige anderer Religionen. Niemand weiß, ob er nicht doch eher Dornenhecke ist, der die Saat Jesu unterdrückt, ob ich nicht doch eher Felsen bin, der die Saat nur kurzfristig aufgehen lässt, aber dann verwelkt alles wieder. Darum …

Wer Ohren hat zu hören, der höre vor allem das: jeder Mensch trägt den vierfachen Acker in sich, der von Gott reich gesegnet ist mit verschwenderischer Saat. In jedem von uns ist Felsen neben Dornen, Trampelpfade neben fruchtbarem Boden. Und das heißt: in jedem von uns kann die Saat Gottes aufgehen und hundertfach Frucht bringen. In jedem von uns kann die Saat des Glaubens dorthin fallen, wo wir unseren fruchtbaren Boden haben, wo wir die Saat aufgehen lassen, wachsen und gedeihen lassen können.

Das ist eigentlich das Ermutigende und Hoffnungsvolle, das wir aus diesem Gleichnis heraushören können: auch in dir kann die Saat aufgehen – selbst wenn du in dir nur noch Felstücke, Dornen und trockene Wege vermutest oder wenn du meinst, du seiest nur noch von Dornengestrüpp umgeben, das Glaubenswachstum nicht mehr zulasse und das den Grundwerten des Glaubens keinen Raum mehr lässt. Irgendwo liegt auch deine Möglichkeit zu glauben, Jesus zu vertrauen. Irgendwo wird in dir hundertfache Frucht aufgehen. Denn die Saat Jesu wird auch diesen verborgenen Flecken deines Ackers erreichen. So stiftet uns dieses Gleichnis an, immer mehr zu hoffen, als allem Augenschein nach zu hoffen möglich ist. Nicht die 75 Prozent Erfolglosigkeit, von denen unser Leben geprägt ist, nicht die Dreiviertel vergeblicher Mühe, die sich oft genug als Lebensbilanz in den Vordergrund stellen, sind entscheidend, sondern der Teil unseres Lebens, in dem die Hoffnungskraft des Glaubens vielfältige Früchte zeitigt. Wer Ohren hat, zu hören, der höre heute vor allem diese gute Nachricht.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.