Predigt über Matthäus 2,1-12
Johann Sebastian Bach (1685-1750)Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben
Kantate zum Festtag Epiphanias - 6. Kantate aus dem Weihnachtsoratorium, BWV 248/6
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Weihnachten – das ist Idylle und kalt-berechnendes Drohszenarium in einem. Wer zu Hause das Wohnzimmer schmückt, es in den vergangenen Tagen besonders festlich hat zugehen lassen, den Familienfrieden bewahren konnte und dann den Fernseher anschaltet und sieht, wie sich zeitgleich Menschen in der Ausweglosigkeit von Krieg und Terror niedermachen und töten, der befindet sich mitten in den Widersprüchen, in die uns schon der Eingangschor der 6. Kantate führt:
Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben,
So gib, dass wir im festen Glauben
Nach deiner Macht und Hülfe sehn!
Doch damit wird noch ein weiterer Widerspruch offenbar: die Kraftquelle für den Glauben, Jesus Christus, ist gleichzeitig Auslöser für das Schnauben der Feinde, für das Leiden, das Menschen um des Glaubens willen zu ertragen haben. Wer an der Krippe zu stehen kommt, der sieht dort nicht nur das Kind, die Hoffnung für diese und die zukünftige Welt, sondern auch den am Elend menschlicher Unzulänglichkeit leidenden Christus.
Ob es daran liegt, dass Johann Sebastian Bach dem letzten Choral des Weihnachtsoratoriums die Melodie unterlegt, die wir eigentlich vom Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ kennen, und dennoch diesen zeilenweise gesungenen Choral in einem sehr lebendigen konzertanten Orchestersatz mit strahlender Trompete einbettet? Die Vermutung liegt nahe, dass Bach damit zwei Erfahrungen miteinander verbinden will:
• zum einen das rettende Glück, das der Menschheit mit der Geburt Jesu beschieden ist:
Sünd, Teufel, Tod und Hölle
Sind ganz und gar geschwächt,
Bei Gott hat seine Stelle
Das menschliche Geschlecht.
• Zum andern handelt die 6. Kantate des Weihnachtsoratoriums davon, wie gefährdet das irdische Leben Jesu von dem Moment an war, als es durch die Weisen der Weltöffentlichkeit bekannt wurde. Denn die damals Herrschenden wie König Herodes sahen sich und ihre Machenschaften von der mit dem Kind in der Krippe verbundenen Botschaft, also dem globalen Anspruch dessen, was wir heute Gerechtigkeit und Menschenrechte nennen, bedroht und schritten zum Äußersten, dem Kindermord.
Allerdings wird im Aufbau der Kantate zum Festtag Epiphanias und durch den überlegenen Charakter der Musik offenbar, dass ein Herodes letztlich der befreienden Botschaft Jesu nichts anhaben kann und dass mitten im Wüten der Welt ein innig gesungener Choral genauso seinen unaufgebbaren Platz hat wie in der Mitte der Kantate:
Ich steh an deiner Krippen hier
O Jesu, du mein Leben,
Was kann das anderes heißen, als: der Glaube an Jesus Christus hat sich mit den Verwerfungen des Lebens, mit Krieg und Terror, nicht erledigt. Vielmehr erneuert er sich dort, wo wir zur Anbetung gelangen, also zur bewussten Abkehr von den zerstörerischen Mächten dieser Welt. In diesem Sinn ebnet der Glaube die uns Menschen in dieser vergänglichen Welt trennenden Verhältnisse ein, die ja gleichzeitig Ursache für Gewalt sind. Und er lässt auch die Menschen nach dem Wesentlichen streben, die – wie die Weisen - bis jetzt nur über einen ungefähren Zugang zum Glauben verfügten:
Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
Matthäus 2,1.2
So beginnt sie, die Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland, aus denen im Verlauf der Kirchengeschichte die Heiligen drei Könige Kaspar, Melchior und Balthasar wurden. Es ist eine Geschichte vom Suchen und Finden. Wir Menschen sind ja ausnahmslos auf der Suche, ständig unterwegs zu selbst gesteckten Zielen, die manchmal vor uns wie Sterne leuchten: beruflicher Erfolg, familiäres Glück, Gesundheit, ausreichend Geld. Es ist die Suche nach Anerkennung, nach Wegen aus der Bedeutungslosigkeit, nach materieller Unabhängigkeit, die uns immer wieder aufbrechen lassen. Aber: kommen wir mit diesen Zielvorgaben zur Erfüllung unserer Wünsche? Oder ist es nicht vielmehr so: weil wir uns über die wahren Ziele des Lebens, über Sinn und Hoffnung, sehr im Unklaren sind, weil wir um die Wahrheitsfrage einen großen Bogen machen, weil wir vieles gerne im Unbestimmten belassen, um uns ja nicht zu binden, hängen wir dem Nächstliegenden an – und das ist meist die Befriedigung materieller Bedürfnisse, ohne Rücksicht darauf, was das für den Nächsten bedeutet. Was aber, wenn sich auch diese als nicht erfüllbar erleben? Was, wenn sich Selbstverständlichkeiten in Nichts auflösen und wir spüren, dass wir ohne eine Ahnung von Wahrheit nicht leben können?
Die Weisen laufen nicht aufs Geratewohl, unüberlegt flüchtend irgendwohin, sondern ihr Weg hat ein Ziel. Denn sie wissen, was sie suchen: einen Menschen. Das können wir möglicherweise nachvollziehen, weil wir oft nichts angestrengter suchen als einen Menschen, der mit uns geht, der uns versteht, der uns verlässlicher Partner ist, der uns liebt. Es muss ja nicht gleich ein König oder eine Prinzessin sein. Und nun fängt die letzte Phase der Suche mit einer präzisen Frage an:
Wo ist der neugeborene König der Juden?
Gesucht wird nicht irgendetwas, irgendwer. Gesucht wird eine konkrete Person, an der sich Hoffnung festbindet, Hoffnung auf eine Wende. Das hat Folgen. Wo so konkret gefragt wird, verlassen wir die Allgemeinplätze unseres Suchens und erkennen, dass die Wahrheit Hände und Füße haben muss, soll sie zum Leben verhelfen. Die Geburt des Menschen Jesus von Nazareth veranlasst und verursacht eine neue Fragestellung, die Theorie und Praxis, Glauben und Leben miteinander verbindet. Es heißt nun nicht mehr abstrakt: Was ist Wahrheit? sondern: Wer lebt Wahrheit? Es heißt nicht mehr. Was ist Sinn? sondern: Wer gibt Sinn? Wer verschafft dem Leben Inhalt und Tiefe? Es heißt nicht mehr: Was ist Freiheit? sondern: Wer befreit? Es heißt nicht mehr: Was und wo ist Gott? sondern: Wo und in wem ist Gott gegenwärtig?
Wer so sucht, der wird finden. Wer so sucht, dem gehen die Sterne und Lichter auf. Ja, die Suche kehrt sich in ihr Gegenteil: Der Suchende wird erkennen, dass er schon längst gefunden wurde und nicht mehr suchen muss, weil Wahrheit, Sinn, Freiheit und Gott Hände und Füße haben, weil in Bethlehem nicht blasse Ideen zur Welt gekommen sind, sondern das Wort, die alten Verheißungen vom Frieden ohne Ende, Fleisch geworden sind. Damit aber erfahren unsere Welt, unser Leben, unsere Geschichte eine neue Dimension, die gleichermaßen Neugier und Angst, Erwartung und Skepsis erzeugt. Hören wir, wie die Geschichte vom Suchen und Finden weitergeht:
Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete.
Matthäus 2,3-8
Die Frage nach dem neugeborenen König gerät zum Politikum. Sie erregt Angst und Schrecken bei denen, die nichts mehr fürchten, als dass Menschen hinter dem Schein der Macht Wahrheit, Sinn, Freiheit suchen. Das ist ja die andere Seite der Weihnachtsgeschichte: Jesus Christus, der neue Mensch Gottes, stillt nicht nur den individuellen Hunger nach Wahrheit, sondern er entfacht auch den sozialen Hunger nach Veränderung der Verhältnisse, die der Wahrheit, einem sinnvollen Leben, der Freiheit, dem Frieden im Wege stehen. Diese Seite der Weihnacht wird gerne unterschlagen. Wir kennen auch diejenigen, die daran interessiert sind: Es sind die, die selbständiges Suchen nach neuen Lebenszielen nicht zulassen. Es sind die, die ihre Wirklichkeit absolut setzen und eine Infragestellung durch das Kind in der Krippe nicht dulden. Doch wer hier unterschlägt, der schlägt sich auf die Seite von König Herodes, der nicht zulassen will, dass der Mensch ganzer Mensch wird und Gott Gott bleibt. Deshalb trommelt Herodes Priester und Schriftgelehrte, die Stützen von Thron und Altar, zusammen, um sich bei ihnen Rat zu holen. Sie wissen zwar, wo der neugeborene König zu finden ist, aber sie machen sich nicht auf den Weg. Sie haben keine Fragen und brauchen keine Antworten. Und darum muss Jesus aus dem Spiel bleiben und Herodes kann weiter das Sagen haben.
So stehen wir mit unserem Suchen und Finden vor der Frage: Wer ist Jesus und wer ist Herodes? Wo suchen wir die Antworten auf unsere Fragen nach dem richtigen Weg: in Krippe und Stall beim neugeborenen König, der so gar nicht ins Klischee passt, oder im Palast bei Herodes, dort wo die Welt von Oben neu geordnet werden soll? Vor dieser Frage stehen wir jeden Tag neu: nach welchen Sternen richten wir unser Leben aus? Welche Maßstäbe legen wir an, wenn wir heute Orientierung suchen? Und was geben wir Christen in diesen Tagen an Orientierung in Sachen Krieg und Frieden? Was geben wir für Orientierung in Sachen Wirtschaften für das Leben? Bleiben wir in den alten Mechanismen von Terror und Gegenterror, von Reich und arm gefangen? Sehen wir nur in den Herodessen dieser Welt und ihren Beratern die kompetenten Antwortgeber, wohl wissend, dass Lüge und Selbstbetrug zum gängigen Repertoire ihres Handelns gehören? Lassen wir uns von ihnen vorschreiben, wie wir zu denken und zu glauben haben? Lassen wir uns durch die Drohgebärden und Gewaltapparate einschüchtern? Natürlich entbehrt es nicht einer gewissen Lächerlichkeit, wenn wir in diesen Tagen dem realen Krieg nichts anderes als die Worte Jesu, seine Gewaltlosigkeit und die Anbetung entgegenzusetzen vermögen. Doch Anbetung bedeutet eben: Abkehr von Gewalt. Und das markiert den Widerspruch zwischen dem Stall von Bethlehem und dem Palast in Jerusalem, zwischen dem Kind und dem kaltschnäuzig-protzenden Herodes.
Mit den Weisen aus dem Morgenland werden wir vor der Frage gestellt: Jesus oder Herodes, Gott oder Kaiser? Anbetung oder Anbiederung? Aber diese Frage beinhaltet nicht, dass Jesus an die Stelle des Herodes gesetzt wird. Das würde eine Abwertung Jesu, weil Gleichsetzung mit Herodes bedeuten. Vielmehr ist es unsere Aufgabe, im Geist Jesu den Herodessen dieser Welt zu begegnen, sie an Gottes Reich und Gerechtigkeit zu erinnern. Es geht also nicht um Politik im engeren Sinn. Es geht nicht darum, auf der Kanzel Finanzkrisen zu bewältigen oder Kriege anzuheizen oder zu beenden. Nein - unsere Aufgabe ist es, den Vorrang für Gewaltlosigkeit, für die Armen, für die Barmherzigkeit zu betonen und nicht das nachplappern, was die Herodesse und ihre religiösen Steigbügelhalter vorgeben. Unsere Aufgabe ist es, den Weg, den die Weisen gehen, mitgehen.
Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
Matthäus 2,9-11
Unangefochten erreichen die Magier aus dem Osten ihr Ziel. Und sie sind weit gegangen - nicht in die Richtung des Herodes, der auch weit, zu weit gegangen ist mit dem Kindermord und doch gleichzeitig gefangen geblieben ist im Teufelskreis von Gewalt und Krieg. Die Weite des Weges der Weisen wird aber bestimmt vom Stern, der sie hat ausbrechen lassen aus gewohnten Bahnen, und dann vom Kind in der Krippe. In diesem Sinn müssen wir in dieser Weihnachtszeit auch weit gehen, um uns zu lösen aus der Komplizenschaft der Herodesse, um dem schmeichelnden, verlogenen Gerede des Herodes kein Gehör mehr zu schenken und keinen Augenblick stehen zu bleiben bei denen, die uns immer wieder Krieg als Zwangsläufigkeit aufzwingen wollen und die nicht nach der Wahrheit suchen.
Weit gehen, ausbrechen aus der Anbiederung, stehen bleiben im Stall und in der Anbetung des Kindes spüren: hier finden wir das, was wir suchen - Gewissheit, Liebe, Freude. Hier finden wir das Leben, das ohne die Menschen verachtenden Statussymbole auskommt, ohne kriegerisches Potenzgehabe, ohne Hass und Gewalt. Hier, in diesem Kind, sehen wir den Menschen, der uns die Möglichkeit gibt, zu unterscheiden zwischen dem einen König und den vielen Diktatoren. Und an der Krippe können wir alles loslassen, woran wir sonst unser Leben festmachen: das Gold, die elende Beweihräucherung unserer gegenwärtigen Lebensverhältnisse, die Schuld falscher Entscheidungen, uns selbst. Ja, wir müssen in diesem Jahr viel ablegen: Illusionen, Ansprüche. Von den Lasten befreit können wir dann wieder aufbrechen - und weiter gehen wie die Weisen
Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.
Matthäus 2,12
Innehalten, die Richtung ändern und weiter gehen - so möchte die Parole für das neue Jahr heißen. So möchten wir auch in diesen Wochen als Christen bestehen, wenn wir gefragt werden:
Wo ist der neugeborene König?
Wo ist der angemessene Weg zum Frieden? Wo finden wir den Ort, an dem wir Versöhnung erfahren? Und behaupte niemand, mit diesen Fragen würden wir naiv dem Feind auf den Leim gehen. Nein, die Weisen wurden nicht Opfer des blindwütigen Treibens eines Herodes. Sie verhielten sich - Dank der Führung Gottes - klug und sehr geschickt. Und auch das sollten wir immer deutlich machen: Wer um den Kindes willen für den Frieden eintritt, der ist kein Träumer. Nein, er ist jemand, der dem Treiben der Herodesse mit Herz und Verstand, aber auch anbetend und demütig die Stirn bietet, weil er offene Augen hat für den Stern und sogar im Schlaf auf die Stimme Gottes hören kann.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



