Predigt über Lukas 4,16-21

Neujahr
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Blindflug durch die Welt“
so ist in der neuesten Ausgabe des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL ein Essay überschrieben, in dem der Sozialpsychologe Harald Welzer feststellt, dass es sich fatal auswirkt, „wenn ein politisches Gemeinwesen keiner Idee folgt, was es eigentlich sein will.“ Welzer beklagt den Mangel an Sinn stiftenden Programmen, die in Krisenzeiten ein Netz ausspannen können, in dem vor allem die aufgefangen werden, deren materielle Erwartungen sich nicht erfüllen. Allerdings spinnt er nicht die Fäden, aus denen ein solches Netz geknüpft werden kann, will heißen: er benennt keine Idee, der wir folgen können. Da ist es gut, wenn wir uns am ersten Tag des neuen Jahres einer programmatischen Erklärung Jesu zuwenden, mit der er sein Wirken beginnt. Lukas hat sie in seinem Evangelium als eine Art Neujahrsansprache überliefert. Darin entwickelt Jesus seine Vorstellungen, seine Idee von dem, was seiner Ansicht nach jetzt dran ist.

Jesus, der von Johannes dem Täufer als Retter der Welt angekündigt wurde und der 40 Tage in der Wüste gefastet hatte und dort der Versuchung durch den Teufel ausgesetzt war, Jesus ging damals in die Synagoge von Nazareth - in der Stadt also, in der er seine Kinder- und Jugendzeit verbracht hatte. Und dort ergreift er das Wort. Bei Lukas liest sich das so:
Jesus kam nach Nazareth,
wo er aufgewachsen war
und ging am Sabbat in die Synagoge.
Er stand auf,
man gab ihm die Rolle mit den Schriften Jesajas,
er öffnete sie und fand die Stelle,
da geschrieben steht:
„Die Zeit ist gekommen,
und der Geist des Herrn ruht auf mir.
Er hat mich gesalbt,
ich bin König,
von ihm gesandt,
um den Armen zu verheißen:
Ihr seid erlöst,
gesandt,
um die Gefangenen loszusprechen:
'Geht! Ihr seid frei',
gesandt,
die Blinden sehend zu machen
und die Schmerzen der Gefolterten zu heilen;
denn die Kerker sind zersprengt.
Ich bin gesandt von IHM,
um aller Welt zuzurufen:
'Seht doch!
Das Jahr des Herrn, die Friedenszeit
ist gekommen.''
Dann rollte er die Schrift wieder zusammen,
gab sie dem Tempeldiener, setzte sich nieder,
und die Augen der Gemeinde waren auf ihn gerichtet.
Jedermann sah ihn an,
und dann begann er zu reden:
„Die Worte, die ihr gehört habt -
heute sind sie erfüllt,
und ihr seid die Zeugen.'
Lukas 4,16-21 - nach der Übersetzung von Walter Jens

Wenigstens wir, wenigstens die Christen, die heute über diesen Text nachdenken, sind Zeuginnen und Zeugen davon, dass auch am Beginn dieses Jahres die Zusage Jesu steht:
Das Jahr des Herrn, die Friedenszeit
ist gekommen.'
Unabhängig von dem, dass wir Menschen auch über den Jahreswechsel nicht vom Krieg lassen können - unsere Aufgabe, unsere Berufung als Christen bleibt: Zeugen der Friedenszeit zu sein, die mit Jesus Christus angebrochen ist. Aber können wir so unbesehen 1980 Jahre überspringen und das, was Jesus damals sagte, auf heute beziehen? Um diese Frage zu beantworten, sollten wir beachten, dass sich der Predigttext aus vier Schichten zusammensetzt:
1. Da ist zunächst der Text, den Jesus während eines Synagogengottesdienstes vorliest. Es ist ein Abschnitt aus den Nebiim, den Prophetenbüchern, Teil der hebräischen Bibel, des Ersten Testamentes. Mit dem Trostwort aus dem 3. Jesajabuch für die gedemütigten Israeliten konnten sich damals viele Menschen im von den Römern besetzten Israel identifizieren. Denn in ihm wird der Messias verheißen, der umfassende Befreiung und Würdigung des Lebens bewirkt.
2. Die zweite Ebene ist Jesus selbst, der fromme Jude, der ganz in der Glaubens- und Hoffnungstradition des Volkes Israels aufgewachsen ist und darin lebt. Alles, was er ist, kann er nur sein durch das, was Gott dem Volk Israel verheißen hat. Offensichtlich ist es Jesus wichtig, dies gleich zu Beginn seines Wirkens allen unmissverständlich klar zu machen: In ihm erfüllt sich das, was Gott durch seine Propheten hat ankündigen lassen. Er ist der Gesandte, von dem Jesaja spricht. Darum entrollt Jesus die Schriftrolle. Er legt sie nicht beiseite (so wie leider allzu viele Christen die Bibel, insbesondere das erste Testament, ad acta legen), sondern er schlägt das Wort Gottes auf, sucht die Stelle, durch die er sein Wirken am deutlichsten erklärt sieht. Dann erhebt er den Anspruch, der ihm später zum Verhängnis wird: Das, was vor Zeiten verheißen wurde, hat sich heute vor euren Augen schon erfüllt.
3. Die dritte Ebene ist der Evangelist Lukas. Für ihn ist es wichtig festzuhalten: Jesus sucht am Sabbat die Synagoge auf, um am Gottesdienst aktiv teilzunehmen. Lukas will den christlichen Gemeinden, für die er die Geschichten von und um Jesus zusammengestellt hat, deutlich machen: Zwischen den Verheißungen an das Volk Israel und der Verkündigung Jesu ist eine bleibende Beziehung - nicht im negativen Sinne von Bruch, sondern positiv: Kontinuität. Für Lukas ist Jesus das Heute der prophetischen Vision: die Gegenwart des Gottes, der sein Kommen versprochen hat. So wird Jesus für Lukas zur Mitte der Zeit. In Zukunft wird sich alles, was vorher war und was noch kommen wird, auf ihn konzentrieren als dem Zentrum des Glaubens.
4. Und die vierte Ebene - das sind wir, die wir diesen programmatischen Text am ersten Tag des neuen Jahres hören als erfüllte Verheißung, als Zeuginnen und Zeugen derer, die Zeugen waren, als Jesus in der Synagoge auftrat. Und wir hören diesen Text natürlich auch als Menschen, die sich fragen: was ist dran - 2008? Was wird von uns Christen in diesem Jahr erwartet? Wo liegt unsere Verantwortung?

Und nun fügen sich diese vier Ebenen
• die Verheißung des Propheten Jesaja,
• die Botschaft des Jesus von Nazareth,
• das Evangelium des Lukas
• und wir
zu einem Ganzen des Glaubens. Und vor uns entfaltet sich der Reichtum, über den wir als Christen, als Kirche mit der Botschaft Jesu verfügen. Doch dieser Reichtum hat einen Haken. Er rückt die Menschen in den Mittelpunkt, denen Jesus in seiner Verkündigung einen Vorrang einräumt: die Armen. Sie spricht Jesus als erste an: Ich bin von Gott gesandt,
um den Armen zu verheißen:
Ihr seid erlöst.
Es kommt nicht von ungefähr, dass diese Stelle aus dem Lukasevangelium, mit der Jesus die Verheißung des Propheten Jesaja auf sich bezieht, von den Armen in aller Welt als Ausgangspunkt ihrer eigenen Befreiung erlebt wird - vor allem, wenn sie in einer Gesellschaft aufwachsen, in der sie keine Rechte haben, in der ihnen nicht nur Brot und sondern auch Würde vorenthalten werden und in der sie nicht selten zunächst eine Kirche erleben, die diese Botschaft wie Geheimnis hütet.

Wer immer seine Bibel an dieser Stelle, Lukas 4,16-21, aufschlägt, wer immer mit dieser Stelle die Fragen beantworten will:
• Wer ist Jesus Christus?
• In welcher Tradition steht er?
der muss das Geheimnis lüften: Jesus ist der, der als erstes den Armen das Evangelium predigt und die Bedingungen von Armut und Ungerechtigkeit benennt und beseitigen will (wohlgemerkt: die Bedingungen und nicht die Menschen, die diese Bedingungen schaffen oder sich ihnen unterwerfen; das unterscheidet Jesus grundsätzlich von einem Revolutionär). Und diese Bedingungen sind:
• Blindheit als die Krankheit der Armen, so wie heute Lepra oder Aids. Blindheit aber auch als Krankheit der Reichen, die vor den Folgen ihres Lebenswandels, der absurden Geld- (und das heißt: Werte-) Vernichtung, jahrelang die Augen verschlossen haben - ein Problem, das uns ja die jetzige Krise beschert hat;
• Gefangenschaft der Armen im Getto, in den Slums, aber auch die Gefangenschaft von uns allen in der Konsumgier, die derzeit bewusst wieder angeheizt wird, obwohl wir vor den Trümmern der Geldgier stehen;
• gewalttätige Unterdrückung, die immer auch eine Folge von einer in Reichtum und Armut gespaltenen Gesellschaft ist. Die Reichen müssen ihren ungeheuren Lebensstandard gegen die explosiven Begleiterscheinungen von Armut schützen - also der unangenehme Zusammenhang von Kapitalismus und Kriminalität.
Dieses haben wir uns laut und deutlich und öffentlich im Gottesdienst zuzurufen, so wie Jesus dies in Nazareth getan hat: Der lebendige Gott räumt den Armen einen Vorrang ein. Und wir haben überhaupt keinen Anlass, das irgendwie in Abrede zu stellen – auch wenn uns das befremdet, in Unruhe versetzt oder zu politisch erscheint. Wir können froh und dankbar sein, dass wir als Christen über diese Botschaft, diese Programmatik verfügen, die sich durch die drei der vier beschriebenen Ebenen durchzieht wie ein roter Faden.

Bleibt die Frage: Ob wir auf der vierten Ebene, also bei uns, diesen Faden auch nach fast 2000 Jahren aufnehmen, weiter spinnen, ihn zu einem Netz der Liebe, der Solidarität knüpfen können oder ob wir ihn fallen lassen - weil wir meinen, dass sich an der Kluft zwischen arm und reich doch nichts ändern wird und weil wir auch unserem Glauben nicht die Gestaltungs- und Veränderungskraft zutrauen, von der Jesus noch beseelt war. Doch das neue Jahr stellt uns vor die Aufgabe, das Netz zu knüpfen, will unsere Gesellschaft nicht weiter zerfallen zwischen arm und reich, will sie nicht im finsteren Loch der Ideenlosigkeit verenden. Es mag ja sein, dass viele Politiker, viele Experten derzeit keinen Plan dafür haben, wie wir auf die weltweiten Probleme der Gerechtigkeit, der Schöpfungsbewahrung, der Friedenssicherung reagieren können. Wir Christen sollten uns aber gerade deshalb an dem orientieren, was Jesus programmatisch äußert. Und da ist es auffällig, dass Jesus seine Lesung mit der Feststellung beendet:
das Jahr des Herrn, die Friedenszeit ist gekommen

Als Jesus dieses vor knapp 2000 Jahren in der Synagogengemeinde in Nazareth ausrief, da hörten die Gottesdienstteilnehmer selbstverständlich das mit, was sie im Ersten Testament darüber nachlesen konnten: Das Jahr des Herrn, das war das Jobeljahr, das sog. Erlassjahr. Im 3. Buch Mose lesen wir die Weisung Gottes: Alle sieben mal sieben Jahre sollen sämtliche Schulden erlassen und Grund und Boden neu aufgeteilt werden. Ein genialer Vorschlag, der einen sehr sinnvollen Weg zur Gerechtigkeit weist. Heute befinden wir uns in einer Situation kollektiver Überschuldung, die nur durch einen kollektiven Schuldenerlass zu überwinden ist. Doch wenn alle Schuldner sind - wer soll den Erlass aussprechen, ohne dass sich nicht wieder die Vorteilsnahme einer Gruppe einschleicht? Wer verhindert, dass die Schulden sozialisiert werden, während sich eine Minderheit das, was auf der Habenseite steht, zu sichern versucht. Die biblische Überzeugung ist: Alles, was die Erde, diese Welt zu bieten hat, ist alleiniger Besitz Gottes, sind von Gott anvertraute Güter und Gaben, die zeitlich begrenzt und leihweise dem Menschen übergeben sind. Damit es nicht zu einer andauernden Ausbeutung des Bodens und zu einer Konzentration von Reichtum und Landbesitz in der Hand weniger kommt, darum wird das Jobeljahr, das Jahr des Herrn, ausgerufen.

Nun wissen wir, dass dieses Jobeljahr auch im alten Israel kaum zur Anwendung kam. Aber letztlich diskutieren wir auch auf der politischen Ebene über nichts anderes als über die Frage: Wie können die Vermögen so geteilt werden, dass die krank machenden und Kriege fördernden Auswüchse der Ungerechtigkeit verhindert werden und es zu einem friedlichen Ausgleich der unterschiedlichen Interessen kommt. Es geht also nicht um die Frage, dass alle gleich viel verdienen, gleiches Vermögen haben, über den gleichen Bildungsgrad verfügen. Alle Versuche, dieses zu erreichen, sind ja gescheitert. Es geht also weder darum, Neid von unten zu schüren noch um Ausbeutung von oben zu rechtfertigen. Aber dass denen, die viel besitzen, eine besondere Verantwortung daraus erwächst, dieses Privileg für die Gemeinschaft, für die Armen, für die Gerechtigkeit einzusetzen, anstatt den Besitz eigennützig zu horten und sich ohne Arbeit vermehren zu lassen, daran lässt Jesus zu Beginn seiner Tätigkeit keinen Zweifel. Also muss es immer wieder zu einer gerechten Neuaufteilung des Besitzes kommen, über die sich der Streit lohnt.

Doch die wichtigste Neuaufteilung der Güter nimmt Jesus selber vor. Er erklärt mit seinem Auftreten das Jahr des Herrn, die Friedenszeit als gegeben. Er sagt damit: Ihr braucht nicht mehr zu warten von Jobeljahr zu Jobeljahr. Jeder kann jetzt schon teilhaben an der großen Entschuldung Gottes, an seiner Zusage der Vergebung und an der Erneuerung des Lebens. Es tut uns gut, dass wir zu Beginn des neuen Jahres durch das Evangelium, durch das Programm Jesu erfahren, das jetzt, auch heute, auch 2008 nichts anderes dran ist als vor bald 2000 Jahren: die für unser Leben unverzichtbare Botschaft Jesu, sein Zuspruch an die Armen, seine Verheißung der Gnadenzeit; seine Zusage der Entschuldung, der Vergebung all unserer Sünden - und darum eine Zeit des Friedens. Es ist an uns, in diesem Jahr diese Fäden aufzunehmen und aus ihnen das Netz zu knüpfen, durch das wir Gemeinde Jesu Christi bilden und in dem wir all die auffangen können, die nach sinnvollen Ideen für ein menschliches Miteinander suchen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.