Predigt über Markus 7,31-37
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
„Wir sind ganz Ohr" - so lautete das Motto für den Gemeindetag, den wir heute im Johannapark gefeiert haben. „Wir sind ganz Ohr" - ausgehend von dem Sonntagsevangelium, der Geschichte von der Heilung eines Taubstummen, haben wir auf dem Gemeindetag bedacht, wie wichtig das Hören, das Aufeinanderachten, die gegenseitige Zuwendung sind. An dem Familiengottesdienst nahmen auch etliche Mitglieder der Gehörlosengemeinde Leipzig teil. Der Pfarrer dieser Gemeinde, Martin Weithaas, betätigte sich als Gebärdendolmetscher. Wir waren also mit Menschen zusammen, die nicht oder noch nicht von ihrer Gehörlosigkeit befreit sind.
Die Konfirmanden hatten sich für den Gottesdienst Gedanken darüber gemacht, was die Geschichte von der Heilung eines Taubstummen den Menschen bedeuten kann, die nicht taub sind. Dabei ist ihnen aufgefallen, dass auch wir Menschen uns oft wie Taubstumme aufführen, wenn wir mit anderen zusammen sind. In drei kurzen Spielszenen haben sie die Schwierigkeit zu kommunizieren verdeutlicht:
• Eine Familie sitzt schweigend vor dem Fernseher. Keiner spricht. Jeder starrt in die Röhre. Die einzige Bewegung: mit der Hand greift der eine in die Chipstüte, der andere zum Bierglas. Schweigend steht einer auf und geht raus. Er kommt mit einer Bierflasche und Zigaretten zurück und setzt sich schweigend. Starren Blicks schlafen die beiden anderen ein. Der Dritte geht wieder raus.
• Eine Menschengruppe auf der Straße: der eine telefoniert mit dem Handy, der andere hat seine Ohren mit dem iPod zugestopft, die dritte versucht eine SMS abzusetzen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt und das einzige, was zu hören ist, sind die wummernden Zischlaute aus dem überdrehten iPod.
• Ein Mann versucht die Menschen zu warnen, redet ihnen ins Gewissen. Keiner hört zu. Abfällig grinsend, mit abweisenden Handbewegungen, uninteressiert gehen die Menschen vorüber. Jeder mit sich selbst beschäftigt. Einer fotografiert die Szene.
Und nun hören wir die Geschichte, wie sie im Markusevangelium überliefert ist:
1 Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.
32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.
33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und
34 sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!
35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
36 Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus.
37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Markus 7,31-37
Die Heilung des Taubstummen - sie ist ein Wunder. Zweifellos. Was aber sollen wir uns unter Wundern vorstellen und was können wir mit diesen anfangen? Auf diese Frage habe ich nur eine Antwort: Wunder sind die Sprache Gottes in unserer Welt. Insofern können wir in dieser Erzählung Gottes Stimme wahrnehmen und etwas von der Wirklichkeit Gottes erfahren - selbst wenn wir schwerhörig, taub und sprachfaul sind. Ich habe keinerlei Veranlassung daran zu zweifeln, dass Jesus damals einem taubstummen Menschen sein Gehör und seine Sprechfähigkeit zurückgegeben hat. Wie das geschehen konnte? Das wird ziemlich genau vom Evangelisten Markus festgehalten:
Und Jesus ... legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!
Diese Geschichte ist nicht erfunden. Der Grund, dass sie uns überliefert wird, liegt vor allem darin, dass die Menschen damals vom Wirken Jesu erstaunt, begeistert und ergriffen waren. Sie werden sich gedacht haben: Wenn Jesus so Krankheiten besiegen kann, dann ist auch in Zukunft Lebenserneuerung möglich - und das wollen wir festhalten. Und doch wird es schon zu Lebzeiten Jesu Leute gegeben haben, die das Ganze für ein Lügenmärchen hielten - so wie auch heute nicht wenige unter uns den Wahrheitsgehalt der Erzählung anzweifeln. Den Skeptikern aber kann ich weder abverlangen, dass sie als Christen an dieses Wunder glauben müssen, noch kann ich sie dadurch entlasten, dass ich meinerseits den Wunderglauben für überkommen oder überflüssig erkläre.
Denn was wird aus unserem Glauben, was wird aus unserem Leben ohne Wunder? Was, wenn wir nicht mehr mit Gottes gegenwärtigem Wirken und mit seinem Eingreifen in die Geschichte rechnen? Was, wenn wir nicht mehr darauf hoffen, dass Kranke gegen alle Prognosen der Ärzte gesund und Diktatoren trotz aller Geheimdienste und militärischer Gewalt gestürzt werden, dass ich aus meiner Niedergeschlagenheit trotz des nicht enden wollenden Tunnels herausgezogen werde? Wer nicht mehr mit Wundern rechnet, muss wissen, was er tut: Er macht sich taub und blind für alles, was Gott an Gutem auch aus dem Schlimmsten und Furchtbarsten mitten in dieser Welt entstehen lassen kann und will. Und darum hat der Wunderglaube nichts damit zu tun, dass ich meinen Verstand ausblende, naturwissenschaftliche Erkenntnisse verleugne oder auf den medizinischen Rat und die ärztliche Kunst verzichte. Natürlich werde ich beim Hörsturz zum Hals-Nasen-Ohren Arzt oder zum Neurologen gehen und nicht den Landesbischof aufsuchen, damit er seine Finger in meine Ohren legt. Aber hoffentlich treffe ich auf einen Arzt, der mich nicht nur mit Medikamenten voll stopft, sondern den Hörsturz auch als - im doppelten Sinn des Wortes - Fall meiner Seele behandelt. Trotz eintretender körperlicher Gebrechen werde ich mit zunehmendem Alter darauf zu achten haben, dass ich mir ein Sensorium bewahre für die Sprache Gottes, für seine Wunder - auch für das schlichte Wunder, dessen Zeugen wir heute sind: dass wir noch leben, miteinander Gottesdienst feiern können und dass wir an den freien und geheimen Wahlen teilnehmen konnten. Es könnte ja auch alles ganz anders sein.
So weit die fundamentale, die grundlegende Auslegung des Sonntagsevangeliums. Aber dabei möchte ich es nicht belassen. Denn diese Geschichte hält auch Botschaften für die bereit, die das Wunder der Heilung weiter in Zweifel ziehen. Und darum kann es nicht schaden, auf das zu achten, was zwischen den Zeilen steht und was mit dieser Geschichte über das Wunder hinausgehend gesagt wird. Der Evangelist Markus leitet die Geschichte mit dem Hinweis ein, dass Jesus mitten in das Gebiet der Zehn Städte gelangt. Jesus geht also in den Norden Israels - dorthin, wo es damals so aussah wie heute in vielen sozialen Brennpunkten unserer Städte. Da ist die Spaltung der Gesellschaft in reich und arm mit Händen zu greifen. Dort sind die Kranken auch die Ausgegrenzten, Menschen ohne die Chance der gleichberechtigten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Dort müssen sie bewegt werden, anstatt dass sie sich selbst aufmachen, um ihre Interessen zu vertreten. Ein taubstummer Mensch kann ja gehen und sehen. Warum hat er sich dann nicht selbständig zu Jesus auf den Weg gemacht? Warum muss er zu Jesus geführt werden? Warum, so können wir heute fragen, gibt es so wenig Beteiligung gerade unter denen, die sich auf die Hinterfüße stellen müssten? Warum hat man den Eindruck: Wir müssen die Menschen, die an den Rand gedrängt sind, an die Hand nehmen, sie geradezu zwingen, sich um ihre Belange, um ihre Heilung, um die Verbesserung ihrer Lebenslage zu kümmern? Offensichtlich ist nicht nur die gesellschaftliche Isolation eine der negativen Folgen des körperlichen, seelischen Gebrechens, sondern auch die Unfähigkeit, selbst einen Weg aus dem Gefängnis Krankheit zu finden. Sein Nichthören- und Nichtsprechenkönnen haben alle sozialen Beziehungen verkümmern lassen. Sein Selbstvertrauen geht gegen Null. Also ist der Taubstumme darauf angewiesen, dass Menschen ihn zu Jesus bringen und diesem die Bitte vortragen:
dass er die Hand auf ihn lege.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal erinnern an die drei erwähnten Szenen. Die dort dargestellten alltägliche Situationen von Taubheit und Sprachlosigkeit sind uns allzu vertraut. Und es ist ja nicht so, dass wir darunter nur leiden. Wir fühlen uns ganz wohl in dieser Isolation - wie die drei Affen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen müssen. Doch mit dem Sonntagsevangelium werden wir gefragt:
• Wer führt wen und wohin?
• Wer macht sich zum Sprachrohr für die Tauben und für die Verstummten im Land?
• Wer lässt sich an die Hand nehmen und zu Jesus führen?
Denken wir daran: Wer immer sich aufmacht, er hofft auf Wunder. Er ist überzeugt davon, dass nichts so bleiben muss wie es ist. Er eignet sich nicht den Frust der Kranken, dem Gerede von der Vergeblichkeit, an. Er sagt gegen alle Wahrscheinlichkeit: Komm, wir gehen. Wir machen uns auf zur Quelle des Lebens. Wir setzen unsere Hoffnung auf Jesus Christus. Denn dort wird sich Leben verändern und dort finden wieder Worte des Lebens.
Und dann ist der Taubstumme bei Jesus und gleichzeitig in der Menschenmenge. Markus berichtet:
Und er nahm ihn aus der Menge beiseite
Jesus wendet sich dem Einzelnen zu und trennt ihn von der Masse. Jetzt geht es nur noch um den einen Menschen, um mich. Darum stellt sich Jesus nicht auf eine Bühne und sagt: Schaut her, jetzt komm ich, der große Wundermann. Jetzt geschieht etwas, was ihr noch nie gesehen habt. Nein, Jesus nimmt den Taubstummen still beiseite, kommt ihm mit seinen Händen ganz nahe und blickt dabei zum Himmel und seufzt. Dass körperliche Nähe für die Heilung eine große Bedeutung hat, das ist nicht neu und bleibt auch im Zeitalter der Apparatemedizin wahr. Und dass viele der Handgriffe Jesu an Symbole und Riten des Glaubens erinnern, sollten wir auch beachten: Der ausgestreckte Finger ist ein Zeichen für den Geist Gottes, der Speichel für die leibliche Nähe Jesu wie Brot und Wein beim Abendmahl, das Seufzen für das Gebet. Doch der wichtigste Vorgang in diesem Heilungsprozess ist das Wort, das Jesus ausruft:
Hefata! ... Tu dich auf!
Mit diesem Wort räumt Jesus die Barrieren aus dem Weg, die den Kranken daran gehindert haben sich zu bewegen. Hefata - öffne deine Ohren, dein Herz, deinen Kopf für die Botschaft Jesu, für die neue Welt Gottes, für die Aussichten, die deinem Leben geschenkt werden. Lass endlich auch das an dich heran, was du bis jetzt krampfhaft abgewehrt hast: Hoffnung, die dir neues Selbstvertrauen gibt. Der Evangelist Markus beschreibt das, was sich im Taubstummen vollzieht, mit den Worten:
Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
Vor allem das Letztere scheint mir wichtig: Richtig reden können. Nicht mehr nachplappern, was einem andere einzutrichtern versuchen. Nicht mehr auf die Zeichensprache, die Piktogramme, die Bilder der anderen angewiesen sein. Sondern Jesus ohne Vermittlung Dritter hören und verstehen können. Den Glauben aus erster Quelle erfahren und ihn mit den eigenen Sinnen wahrnehmen. Das ist ein Vorgang der Aufklärung, des Mündigwerdens!
Und nun überrascht, dass Jesus aus seiner erfolgreichen Heilung offensichtlich kein missionarisches Kapital schlagen will. Markus notiert:
Und er gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen.
Warum diese Geheimniskrämerei? Warum mit dem Pfund des Wunders nicht wuchern? Ich vermute einmal, dass Jesus durchaus die Befürchtung hatte, von den Begehrlichkeiten und der Sensationslust der Menschen erdrückt zu werden. Angst auch davor, dass er jetzt umringt sein wird von Kranken, die auch Heilung erwarten. Wunder aber sind keine wiederholbaren Attraktionen. Sie geschehen, wann Gott es will. Der eine wird geheilt, der andere nicht - eine der ganz schmerzlichen Erfahrungen in unserem Leben. Einen Anspruch auf Heilung, auf Wunder haben wir nicht. Darum sollten wir uns auch hüten, in den Kirchen Heilungsrituale zu veranstalten. Hüten wir uns vor allen Suggestionsveranstaltungen, als ob Gesundung mit ein bisschen Handauflegen, ein bisschen Seufzen, ein bisschen Ekstase zu erzeugen ist. Nein, so machen wir Menschen höchstens noch kaputter, als sie schon sind, und den Tunnel noch dunkler, aus dem wir sie eigentlich herausziehen wollen. Nicht wir Menschen machen Wunder. Wunder geschehen. Und gerade hier gilt: Du sollst Gott, den Herrn, nicht versuchen! Deswegen sagt Jesus: Haltet euch zurück. Und die Menschen halten sich auch zurück, was die Wiederholbarkeit der Wunder angeht.
Nicht zurückhalten können und wollen die Menschen aber ihre Dankbarkeit - die Dankbarkeit für die Wunder, die Sprache Gottes. Sie möchte uns wie damals zu dem Lobpreis veranlassen, den auch die Menschen zur Zeit Jesu nicht unterdrücken konnten und wollten:
Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.



