Predigt über Johannes 4,19-26

10. Sonntag nach Trinitatis
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Israel - aktuell ist das ein Reizthema, wenn wir an die politische Situation im Nahen Osten denken. Für unseren Glauben stellt Israel eine Notwendigkeit dar. Am 10. Sonntag nach Trinitatis werden wir daran erinnert: die Wurzel des Christentums ist der Glaube Israels. Ohne diesen können wir die Botschaft Jesu nicht verstehen. Über Jahrhunderte wurde das verdrängt. Im Kreuzestod Jesu sah man den Bruch zwischen Judentum und christlichem Glauben endgültig vollzogen. Und auch heute ist im Bewusstsein vieler Christen nur sporadisch verankert, was zu Beginn der Christentumsgeschichte unstrittig war:
das Heil kommt von den Juden
Das sagte Jesus. Und diese Aussage ist uns im Johannesevangelium überliefert. Sie ist der Spitzensatz im Predigttext für den heutigen Sonntag, einem Gespräch zwischen Jesus und einer Frau aus Samarien.
19 Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. 21 Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben. 24 Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. 25 Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen. 26 Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.
Johannes 4,19-26

das Heil kommt von den Juden
Vor 70 Jahren, in der Nazizeit, wurden solche Sätze - auch in den Kirchen - tunlichst verschwiegen und gemieden. Da versuchte man sich endgültig der jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens zu entledigen, ohne dass den Menschen bewusst war: damit wird auch dem, was wir heute Zivilisation nennen, das Fundament entzogen. Der Publizist Carl Amery hat in seinem Buch „Hitler als Vorläufer" die These aufgestellt, dass Hitler mit der systematischen Judenausrottung die Linie für spätere Politverbrechen wie die von Stalin, Pol Pot, Mao Zedong vorgegeben hat, indem er mit vernichtender Konsequenz humane Errungenschaften außer Kraft setzte, um angeblich die Menschheit zu retten: „Hitler erklärte den Juden zum Erzfeind ...; aber er meinte die jüdisch-humanistische Botschaft schlechthin - die Botschaft von der Friedfertigkeit, von der Erhaltung des schwachen und gekränkten Lebens, von der Notwendigkeit der Diskussion und des Kompromisses." Er sah „ die Vernichtung der jüdischen Existenz als Vorbedingung für den Untergang der humanistischen Botschaft" an. Die Zerstörung aller Wert brauchte Hitler, um an ihre Stelle Rassenwahn und Menschenfeindlichkeit zu setzen.

Auf diesem Hintergrund erlangt die Aussage Jesu
das Heil kommt von den Juden
für uns noch eine besondere Bedeutung. Jesus verstand sich als ein Mensch, der der jüdischen Tradition verhaftet war. Und seine Anhänger konnten ihn nur deswegen mit dem Messias identifizieren, weil die Messiaserwartung, das rettende Handeln Gottes, eine entscheidende Hoffnungskraft im Glauben Israels war und ist. Er hat die Tora, alle jüdischen Gebote, strikt beachtet - wie jeder andere Jude auch. So ist das christliche Gedankengut aus dem Glauben Israels gewachsen und ohne diesen gar nicht denkbar. Wir können keine Christen sein, ohne uns mit unserer Mutter-Religion, dem Judentum, intensiv zu beschäftigen und das Gespräch mit ihr zu suchen - so wie Jesus es auch hielt. Er spricht mit einer jüdischen Frau - und damit beginnt das Besondere. Denn ihr Judesein ist umstritten. Die Frau stammt aus Samarien, einer vom religiösen Zentrum Jerusalem her betrachtet gottlosen Gegend. Sie gilt in ihrem Glauben als ‚Ketzerin'. Mit ihr tritt Jesus in ein Gespräch ein. Und darin fällt der Satz:
Das Heil kommt von den Juden
Jesus sagt dies zunächst in Richtung der Samariter, die im Tiefsten - trotz ihres sektiererhaften Gebarens - auch Juden sind, die jüdische Tradition sogar meinen besser zu bewahren als die ‚normalen' Juden. Ihre Bibel besteht allerdings nur aus den fünf Büchern Mose. Sie versuchen danach zu leben, sind also auch ganz in der alten jüdischen Tradition verankert.

Das Heil kommt von den Juden
heißt in diesem Zusammenhang zunächst nichts anderes als: darin sind wir uns einig, ihr Samariter und wir Normal-Juden, auch wenn ihr jetzt ausschert und statt in Jerusalem am Berg Garizim betet: das Heil, die Rettung liegt in unserem gemeinsamen Glauben an den Gott des Abraham, Isaak und Jakob, an den Gott, der Mose berufen hat, an den Gott, der uns durch die Propheten die Verheißung auf seinen Schalom verheißen hat, an den Gott, der uns durch unser Leben begleitet und uns die Gebote geschenkt hat, damit wir genau wissen, wie wir reden und handeln sollen, wie wir leben und sterben können.

Mich erinnert diese Gesprächsituation an viele Begegnungen in Leipzig. Wie oft kommen Menschen, die wir als kirchliche Randsiedler ansehen oder die der Kirche gar nicht (mehr) angehören, mit dem Anliegen zu uns, ihr Kind taufen oder sich selbst kirchlich trauen zu lassen oder einen neuen Zugang zu finden zum christlichen Glauben. Und dann treten zunächst und oberflächlich betrachtet die Bedürfnisse dieser Menschen und unsere kirchlichen Ordnungen, also das halb säkulare Garizim und das fromme Jerusalem, in Widerstreit. Doch in Wahrheit geht es um etwas anderes: um das Erkennen der gemeinsamen Tradition, um die Werte, die daraus erwachsen und unerlässlich sind für ein sinnvolles Zusammenleben, letztlich um das, was Carl Amery so treffend formuliert hat:
die Botschaft von der Friedfertigkeit, von der Erhaltung des schwachen und gekränkten Lebens, von der Notwendigkeit der Diskussion und des Kompromisses.
Das verbindet Garizim mit Jerusalem, verbindet die Frau mit Jesus, verbindet uns mit den Juden und muss uns heute offen machen für die vielen religiösen Randsiedler und Menschen, die anderen religiösen Traditionen entstammen.

Aber dann trifft auch das zu, was Jesus der Frau ins Stammbuch schreibt:
Ihr wisst nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten;
Oft ist vielen Menschen gar nicht bewusst, wie sehr das Gelingen des Lebens abhängig ist von einem getrösteten Gottvertrauen, wie sehr wir im gesellschaftlichen Leben angewiesen sind auf die grundlegenden Werte, die unserem Glauben entspringen und die Gott sei Dank und trotz allem unsere Gesellschaft prägen, und wie wichtig es ist, die Vergebungsbedürftigkeit und Endlichkeit alles Seins anzukennen. Und uns ist viel zu wenig bewusst, was wir Kindern und Jugendlichen vorenthalten, wenn wir sie nicht in diese großartige Tradition des jüdisch-christlichen Glaubensgutes einführen, ihnen unsere eigene Wertschätzung des Glaubens vorleben und ihnen darin Heimat gewähren.

Ende Juni fand hier in der Thomaskirche in Erinnerung an die „Leipziger Disputation" zwischen Martin Luther und Johann Eck vor 490 jahren (1519) eine Debatte zwischen dem Philosophen und „frommen Atheisten" Herbert Schnädelbach und dem Berliner Theologen Christoph Markschies über das Thema „Wozu brauchen wir Kirche - Notwendigkeit und Entbehrlichkeit des christlichen Glaubens" statt. Dabei war auffällig, dass Schnädelbach forderte, jeder Atheist müsse über eine genaue Kenntnis der jüdisch-christlichen Glaubenstradition verfügen. Das heißt ja nichts anderes als: jeder, der dem christlichen Glauben den Rücken kehrt, muss wissen, wovon er sich distanziert. Schnädelbach selbst war entsetzt darüber, wie vulgär der tatsächliche Atheismus in unserer Stadt daher kommt. Für mich wurde an diesem Abend deutlich, was die eigentliche Voraussetzung für einen "frommen" Atheismus ist: die Verankerung des Denkens in der Glaubenstradition. Wie aber soll die möglich sein, wenn Menschen nicht mehr wissen, wo sie ihren Anker auswerfen sollen, bzw. sie keine Ahnung mehr haben über den Hafen unserer Existenz? Das ist übrigens für mich der Kern der Auseinandersetzung, die wir derzeit in unserer Stadt führen - sei es um die Universitätskirche, um das Kreuz auf dem Südfriedhof, um Bildungsinhalte in den Schulen, um den Thomanerchor oder die Rolle der Kirchen bei der friedlichen Revolution. Wir benötigen ein Wissen darüber, woher wir kommen, wohin wir gehen, wozu wir leben.

Nun entwickelt Jesus der Frau gegenüber noch einen weiteren Gedanken:
es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch (wir) in Jerusalem den Vater anbeten werdet. ... Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit;
Ich verstehe das so: weder auf dem Garizim noch in Jerusalem ist Gott exklusiv „zu Hause". Gott ist in einem jeden gegenwärtig, der ihn
im Geist und in der Wahrheit
anruft. Der alte Streit zwischen Samaritern und Juden, ob der Berg Garizim oder Jerusalem der rechte Ort sei, hat sich - so Jesus gegenüber der Frau - erledigt. Und die Frau scheint das zu verstehen, denn sie erinnert sich an den „Messias, den Christus", der die Lösung dieses Streits bringen soll. Sie erinnert sich an die Verheißung Israels, dass der Messias alle Menschen einen, alle Völker zusammenführen wird, dass Streit und Zwietracht, Gewalt und Unterdrückung überwunden werden. Mit dem
Ich bin's, der mit dir redet
beendet Jesus das Gespräch mit der Frau.

Dreierlei können wir daraus lernen:
1
Wenn wir Christen Jesus als unseren „Heiland" bezeichnen, so bekommen wir es mit einem jüdischen Menschen zu tun. Karl Barth, der große protestantische Theologe des 20. Jahrhunderts, hat den uns aus der Weihnachtszeit sehr vertrauten Satz aus dem Johannesevangelium
Das Wort ward Fleisch
Johannes 1,14
so zugespitzt: „Das Wort wurde jüdisches Fleisch". Das Heil kommt von dem Juden Jesus. Aber nicht nur von Jesus allein, als sei das ein Neuanfang aus dem Nichts, sondern auch aus der gesamtem jüdischen Tradition des Ersten, des Alten Testaments, das uns mit Juden und Samaritern und allen, die aus diesem Glauben leben, verbindet. Der Apostel Paulus hat dies so zum Ausdruck gebracht:
nicht du (Christ) trägst die Wurzel, sondern die Wurzel (das Judentum) trägt dich
Römer 11,18
Wenn wir also Christen sein wollen
im Geist und in der Wahrheit
dann haben wir aus dieser jüdischen Tradition zu lernen und nach den Geboten, die Gott dem Volk Israel und uns geschenkt hat, zu handeln - in der Freiheit, die wir nicht erst durch Christus erfahren, sondern zu der Gott das Volk Israel mit dem Auszug aus Ägypten schon befreit hat. Wenn wir dies tun, nähern wir uns dem Heil und dem Heiland, und treten in innere Verbindung mit Gott.

Aber es geht nicht nur um die Tradition, es geht auch um gegenwärtiges Erkennen: Wir können nicht Christen sein, ohne lebendige jüdische Gemeinden in unseren Städten. Wir brauchen den unbefangenen Austausch mit den Menschen jüdischen Glaubens, ohne jeden Anflug von Vereinnahmung. Judenmission verbietet sich genauso, wie alte Schuldzuweisungen gegen die Juden wieder aufleben zu lassen, sie tragen die Schuld am Kreuzestod Jesu! Und wir müssen ringen um ein glaubwürdiges Verhältnis zum modernen Staat Israel, das - unabhängig von der Kritik an der gegenwärtigen Regierungspolitik - keinen Zweifel am Existenzrecht dieses Landes aufkommen lässt. Insofern ist das, was mit dem Ariowitsch-Haus in der Hinrichsenstraße 14 entstanden ist, das Begegnungszentrum der Israelitischen Religionsgemeinde, eine wunderbare Fortsetzung und Institutionalisierung des Gesprächs zwischen Jesus und der Samariterin. Hoffentlich können wir gerade durch dieses Begegnungszentrum verdeutlichen, woher nicht nur Juden und Christen kommen und wohin wir gemeinsam gehen: von Gott zu Gott.

2
Das Zweite, was wir aus dem Gespräch lernen können, ist dies: Wir können Gott, unseren Vater, gemeinsam anbeten
im Geist und in der Wahrheit
auch wenn wir aus unterschiedlichen Glaubenstraditionen kommen. Diese Anbetung kann weder auf den Berg Garizim, noch auf Jerusalem, noch auf Wittenberg oder Rom, noch auf Freikirchen oder die freie Natur beschränkt werden. Es kommt allein auf den Geist und die Wahrheit an, in dem und in der wir beten und leben. Das haben wir auch im Blick auf andere Religionen und auch auf die vielen Menschen ohne Glaubensüberzeugung durchzubuchstabieren. Da geht es vor allem um die aufregende und spannende Frage: In welchem Geist leben wir? In welchem Geist erziehen wir unsere Kinder? In welchem Geist gestalten wir das Leben in unserer Stadt? Und da werden wir ohne unsere Wurzeln, ohne den Geist Gottes, ohne die daraus erwachsenden Werte nicht auskommen.

3
Was aber ist das ‚Neue', das Jesus uns Christen bringt? Neu ist, dass er die jüdische Glaubenstradition öffnet für alle Menschen und sie dort einführt. Neu ist, dass er uns Gott als liebevollen Vater, als „Abba", anbeten lehrt. Neu ist, dass wir in ihm den verheißenen Messias, den Retter, erkennen und ihm vertrauen können. Neu ist, dass weder Jerusalem noch Garizim der Ort der Anbetung Gottes ist, sondern der Geist und die Wahrheit in uns. Das ist neu und uns erneuernd bis auf den heutigen Tag. So neu, wie Jesu Aussage:
Das Heil kommt von den Juden
obwohl wir es seit 2000 Jahren wissen könnten und müssten. Jesus, der Jude, hat uns dieses Heil nahe gebracht im Geist und in der Wahrheit, aus der heraus wir auf dieser Erde das Leben gestalten können.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.